FAZ 07.09.2026
12:28 Uhr

1:4-Heimniederlage: Zwei Eintracht-Welten an einem Tag


Vor dem ersten Heimspiel der Saison ist die Vorfreude bei der Eintracht groß. Wenige Stunden später kehrt Ernüchterung ein. Wie wollen die Frankfurter in Mainz gewinnen?

1:4-Heimniederlage: Zwei Eintracht-Welten an einem Tag

Die kleine Bühne, auf der Karl-Heinz „Charly“ Körbel steht, heißt Waldtribüne. Sie befindet sich direkt vor dem Waldstadion, in unmittelbarer Nähe zum Eintracht-Museum. Es ist Sonntag gegen 16.40 Uhr, noch rund 50 Minuten bis zum Anpfiff des ersten Saisonheimspiels gegen Augsburg. Die Stimmung der vielen Frankfurter Fans ist bestens. Der 71 Jahre alte Körbel, Rekordspieler der Fußball-Bundesliga und als lebende Eintracht-Legende tituliert, weiß in Plauderstimmung wie so oft sein Publikum zu unterhalten. Über den ehemaligen Trainer Albert Riera, der in der zweiten Hälfte der Vorsaison in Frankfurt grandios gescheitert ist, sagt Körbel: In all den Jahrzehnten habe er mit allen Trainern ein gutes Verhältnis gehabt. „Aber mit dem habe ich kein einziges Wort gesprochen – das wollte ich auch nicht.“ Das Gelächter bei seinen Zuhörern ist groß. Vom neuen, alten Trainer Adi Hütter schwärmt Körbel. Dieser sei „ein gestandener Trainer. Er spricht mit den Spielern und geht auf sie zu.“ Und: Die Spieler seien „körperlich und geistig fitter“ geworden. Pure Zuversicht bei Körbel. Er erklärt, warum es auch so wichtig sei, einen „richtig guten Torwart“ wie Noah Atubolu zu haben. „Wenn du keinen gescheiten Torwart hast, kannst du spielen, wie du willst.“ Zustimmung bei den Fans. Den Neuzugang aus Freiburg nennt Körbel einen „unheimlich positiven Typen. Das werde sich auf die Mannschaft übertragen“, ist er sich sicher. Dann ist Schluss für ihn, „ich habe genug geredet“, kokettiert Körbel. „Jetzt kommt der wichtigste Mann.“ Körbel verlässt die Bühne, aber nicht ohne hinzuzufügen, dass ihm Axel Hellmann gesagt habe, dass er nicht zu viel reden dürfe. Sich daran zu halten, ist schwierig für den bei vielen geschätzten Conferencier. Die Anhänger verabschieden Körbel mit großem Applaus. Hellmanns Seitenhieb gegen Riera Vorstandssprecher Hellmann übernimmt das Wort. Auch er sorgt für gute Laune. Auf die Frage, was er aus der vergangenen Runde rückgängig machen würde, sagt Hellmann: „Wenn ich das jetzt sage, kriege ich aus Belgrad übermorgen einen Konter.“ Er meint Albert Riera, der jetzt Trainer von Roter Stern Belgrad ist. Die Fans nehmen Hellmanns Seitenhieb amüsiert zur Kenntnis. Bis auf Sportvorstand Markus Krösche kennt Riera in Frankfurt keine Freunde. Mit dem Ergebnis der zurückliegenden Transferperiode ist der Vorstandssprecher „zufrieden“. Der Ablauf habe jedoch einen „Schweißtropfen“ gekostet, räumt er ein. Die öffentliche Reaktion auf das von Markus Krösche bei der Zusammenstellung des Kaders Erreichte ordnet Hellmann so ein: „Mir ist es alles zu negativ. Es stürmen zwei Frankfurter Jungs für uns, und wir haben die jüngste Mannschaft der Liga. Leute, habt doch mal Vertrauen!“, ruft Hellmann den Anhängern zu. „Diese Mannschaft und dieser Trainer haben Vertrauen verdient“, betont er. Hellmann wirbt um „Geduld und Ruhe“. Beides müssten alle „mitbringen“. Der Vorstandssprecher sagt aber auch: In der Vorsaison seien „im Stadion quasi alle eingeschlafen. Der Impuls muss von dem ausgehen, was wir zeigen.“ Er hofft darauf, dass es der Mannschaft unter Hütter gelingt, das Heimpublikum mit spektakulären Auftritten wieder für sich zu gewinnen und mitzureißen. Auch Hellmann bekommt viel Zuspruch. In diesem Moment ist die Eintracht-Welt in Ordnung. Etwa zweieinhalb Stunden später: Die Stimmung ist gekippt. Im Waldstadion wird gepfiffen, ein Großteil der gut 59.000 Zuschauer ist tief enttäuscht von ihrem Team. Auf der großen Bühne haben die Eintracht-Profis mit ihrer in den zweiten 45 Minuten ungenügenden Leistung reichlich Ernüchterung hervorgerufen. Aus einem 0:1 zur Halbzeitpause machten die Augsburger mit flottem Spiel noch einen 4:1-Sieg. Beim 2:1 profitierten sie von einem Patzer Atubolus. Wie Ersatztorhüter Kauã Santos ist auch er nicht frei von Fehlern. Die Augsburger sind nun zum ersten Mal Tabellenführer – mit sechs Punkten und insgesamt 7:1 Toren. Trainer Manuel Baum hat sich einen Screenshot vom bemerkenswerten Stand im Klassement gemacht. Hütters Mannschaft dagegen ist Tabellendreizehnter – mit einem Punkt und 4:7 Toren. Die neue, unschöne Momentaufnahme in Frankfurt macht jegliche Aufbruchstimmung zunichte. Frust statt Freude. Schon wieder jede Menge Gegentore. Adi Hütter: „Die erste Hälfte war positiv, die zweite fürchterlich“ „Die erste Hälfte war positiv, die zweite fürchterlich“, sagt Adi Hütter im Fernsehen. Seine Spieler hätten „heute keine Resilienz gezeigt“. Vielleicht fehlten seiner Mannschaft „Klarheit und Entschlossenheit, Ernsthaftigkeit würde ich nicht zum Thema machen“, meint der Trainer. Die neue Eintracht ist die alte, das macht es gefühlt noch schlimmer. Nach dem Rückstand gab es kein Aufbäumen. Den Profis mangelte es an mentaler Stärke und physischer Durchsetzungsfähigkeit. Wo war bei ihnen die von Hütter eingeforderte und von ihm versprochene Widerstandskraft? Kapitän Robin Koch ist hinterher ratlos. Den Kompletteinbruch findet der Abwehrchef „sehr schwer zu erklären“, er spricht von einem „Schock für die Mannschaft“, den Augsburgs schnelle Treffer zum 2:1 verursacht hätten. Koch selbst war als Führungsspieler kein gutes Beispiel, weil ihm zu viele gravierende Fehler unterliefen. Auch er tritt auf für ihn sehr unbefriedigendem Niveau auf der Stelle. „Spieler dürfen Fehler machen. Aber so, wie wir heute, das geht so nicht“, sagt Hütter ohne Namen zu nennen. Der Ernst der Lage ist dem Österreicher anzusehen, er zeigt sich alarmiert. „Wir sind in einem Prozess, der momentan sehr unangenehm ist, keine Frage“, sagt er. „So eine Halbzeit habe ich noch nicht erlebt. Die zweite geht einfach nicht.“ Hütter, für den es „ein schwerer Moment“ ist, weiß aber auch, dass er als Frontmann die Ruhe bewahren und Zuversicht verbreiten muss. „Wir werden nicht den Kopf in den Sand stecken“, kündigt er an. Zur allgemeinen Beruhigung sagt der Fußballlehrer noch, dass er sich keine Sorgen mache. Andere, vor allem Frankfurts Anhänger, tun genau das. Sie befürchten schon Abstiegskampf in der Mainmetropole. Vor Hütters Anwesenheit in der Pressekonferenz steht Mario Götze in der Mixed Zone. Zum Schluss wird der Mittelfeldspieler gefragt, was Hütter der Mannschaft nach der Begegnung in der Kabine mitgegeben habe? „Genau das, was ich gerade gesagt habe“, antwortet er. Kurz wird gelacht. Zuvor streitet Götze ab, dass das Team mental Schwierigkeiten habe. „Ein Kopfproblem? Am zweiten Spieltag? Nein.“ Aber auch er leugnet nicht, dass die Eintracht nach dem 1:2 den Faden verloren und nicht mehr die Energie aufgebracht habe, zurückzukommen. Viel erinnert an die vergangene Saison. „Nichtsdestotrotz sind wir auf einem guten Weg, müssen es jedoch schaffen, die 70 Minuten in Berlin und die erste Halbzeit gegen Augsburg über 90 Minuten zu konservieren“, fordert Götze und fügt hinzu: „Wir wissen, dass jedes Spiel schwierig wird. Wir wissen, dass wir jedes Training an den Dingen arbeiten und jedes Spiel ans Limit gehen müssen.“ Aber warum setzen die Frankfurter ihr Wissen dann nicht um? Das nächste Spiel ist an diesem Samstag in Mainz. „Es muss irgendwann mal wieder möglich sein, in Mainz zu gewinnen“, sagte Körbel vor dem Sonntagsspiel. Dann hätten die Frankfurter sieben Punkte nach drei Spieltagen. Nur: Der „treue Charly“, wie sein Spitzname in Frankfurt ist, machte die Rechnung ohne die Eintracht-Mannschaft. Körbel ist dabei einer von vielen.