FAZ 25.09.2026
08:46 Uhr

50 jahre U2: Nur der große Bruder von The Edge hat die Band verlassen


Die Rockband U2 feiert ihr fünfzigjähriges Bestehen. Alle vier Musiker sind seit dem Gründungstag dabei, das dürfte ein Weltrekord sein.

50 jahre U2: Nur der große Bruder von The Edge hat die Band verlassen

Im Jahr 2022 veröffentlichte Paul David Hewson, den alle Welt nur als Bono, den Sänger der irischen Band U2, kennt, seine Memoiren. Die Lektüre von „Surrender – 40 Songs, eine Geschichte“ ist ein gemischtes Vergnügen. Bono ist ziemlich rumgekommen in der Welt und hat dabei viele interessante Leute getroffen. Und er hat Humor, der auch vor sich selbst nicht haltmacht. Doch der Stil ist prätentiös, der Inhalt gelegentlich kryptisch und die Erzählstruktur sprunghaft – hier schreibt ein Mann, der sehr darum bemüht ist, seine Worte mit tieferer Bedeutung aufzuladen; man kennt das von seinen Songtexten. Das ändert sich in den Passagen, in denen er über seine Freundin und spätere Frau Alison spricht, dann steht ihm plötzlich eine klare und zugleich warmherzige Sprache zur Verfügung. In der Woche, in der der sechzehnjährige Paul die ein Jahr jüngere Alison fragte, ob sie mit ihm gehen wolle, und die Antwort war, dass sie ihn an der Bushaltestelle an der Howth Road in Dublin küsste, während sie auf den 31a warteten, folgte er auch einem Aushang von Larry Mullen Jr. am schwarzen Brett der Mount Temple Comprehensive School: „Drummer sucht Musiker für eine Band.“ In der Küche von Mullens Elternhaus fanden sich am 25. September 1976 auch Adam Clayton und David Evans sowie dessen älterer Bruder Dik ein und noch zwei, drei andere, die aber irgendwie gespürt haben müssen, dass sie der Musikgeschichte im Weg zu stehen drohten, und sich bald verdrückten. Mullen konnte passabel Schlagzeug spielen, Evans beherrschte immerhin schon Gitarrenriffs von Yes. Doch sein Sandkastenfreund Clayton wusste über Bässe eigentlich nur, wie man sie halten musste. Und Hewsons Gesang war ausbaufähig, um es höflich zu formulieren. Aber es war die Zeit des Punk, Ambitionen waren alles. Sie probten, sie wurden besser, und irgendwann waren sie Dik los, der den Raum nicht lesen konnte. Bald darauf hatten sie einen ersten Fernsehauftritt und dann auch ihren heutigen Bandnamen, Bono hatte „The Flying Tigers“ gerade noch verhindern können. Evans wurde inzwischen The Edge genannt, wegen seines angeblich kantigen Gesichts. Der Rest ist selbst Verächtern der Band, von denen es nicht wenige gibt, bekannt. 50 Jahre und einige kanonisierte Alben später sind die vier immer noch eine Band. Eine solche Kontinuität in der Besetzung von Anfang an ist, zumindest unter halbwegs bekannten Musikgruppen, Weltrekord. Und Bono, der in „Surrender“ über seine Kumpels fast so einfühlsam schreibt wie über seine Frau, ist immer noch mit Alison verheiratet. Skandale in der Bandgeschichte? Fehlanzeige. Skandale in der Ehe? Nichts bekannt. Die vier Herren haben das Rentenalter erreicht. Für ihre Songs gilt das schon seit etwa 15 Jahren. Die Vorfreude der Fans auf das neue Album „Carnaval de Luz“ hält sich in Grenzen. Es ist trotzdem schön, dass sie einfach weitermachen. Wie die Stones. Aber anders als diese wird sich U2 in dem Moment auflösen, wenn das erste Mitglied tot ist. Die übrigen drei werden wissen, dass es sich in ihrem Fall so gehört. Möge das noch lange hin sein.