Im 19. Jahrhundert ist der große italienische Zauberkünstler Bartolomeo Bosco mit drei Bechern und drei Kugeln durchs Land gereist. Mit der Zeit sollen immer mehr Menschen zu seinen Auftritten gekommen sein, später sogar Könige und Königinnen, weil sich herumgesprochen hatte, dass er etwas besser könne als die anderen: das Becherspiel. Bei diesem lagen die drei Kugeln auf den drei Bechern, bis Bosco die Kugeln verschwinden und in den verschiedensten Kombinationen unter den Bechern auftauchen ließ. Dann: Applaus. Und dieser Applaus ist heute eine Erinnerung daran, dass auch die größten Meister der Täuschung schon immer davon gelebt haben, dass es genug Menschen gegeben hat, die sich täuschen lassen wollen. Damit ins Italien des 21. Jahrhunderts, zu Joshua Kimmich und seinem Zaubertrick. Am späten Dienstagabend stellte sich Kimmich im Stadion in Bergamo vor Kamera und Mikrofon des Streamingsenders Amazon Prime Video. Doch obwohl er gerade mit seiner Fußballmannschaft, dem FC Bayern München, das Achtelfinalhinspiel der Champions League gegen Atalanta Bergamo spektakulär 6:1 gewonnen hatte, stand ihm die vielleicht größte Herausforderung erst bevor. Er musste etwas verschwinden lassen, von dem die Welt gesehen hatte, dass es da gewesen war. Für alle, die es noch nicht im Stream gesehen haben: In der 83. Spielminute führten die Bayern in Bergamo schon 6:0, als der Schiedsrichter in seine Pfeife pustete. Damit signalisierte er Kimmich, der mit dem Ball am Mittelkreis stand, dass er den Freistoß ausführen und das Spiel fortsetzen solle. Doch Kimmich wartete. Täuschte an. Wartete. Täuschte an. Wartete. So ging das 30 Sekunden, bis sein Gegenspieler Yunus Musah nicht mehr warten wollte, den Ball wegschoss und Kimmich danach noch wegschubste. Die Folge: Gelbe Karte für Musah, aber auch für Kimmich. Und sofort war wieder der Verdacht da: Hat auch Kimmich seine dritte Gelbe Karte in dieser Champions-League-Saison provoziert, damit er für das Achtelfinalrückspiel gegen die Hütchenspieler von Bergamo gesperrt, aber für das Viertelfinale gegen die Hexenmeister von Manchester City oder Real Madrid ohne Vorbelastung sein wird? „An sich war es unnötig“ Der Verdacht war deswegen wieder da, weil er erst sechs Minuten davor bei einem anderen Bayernspieler aufgekommen war. Da hatte Michael Olise mit der Ausführung eines Eckstoßes so lange gewartet (29 Sekunden seit seiner Ankunft an der Eckfahne, anders als Kimmich sogar ohne Antäuschen), bis der Schiedsrichter ihn bestrafen musste. Die Konsequenz: dritte Gelbe Karte in dieser Champions-League-Saison, ein Spiel Sperre. Erst Olise, dann Kimmich. Sagt man nicht, dass ein guter Zauberer denselben Trick nie zweimal hintereinander macht? Der Verdacht war weiter da, als Kimmich sich vor Kamera und Mikrofon stellte und dort auch von der Reporterin damit konfrontiert wurde. „Nee“, sagte Kimmich, „an sich war es unnötig. Ich habe nach einer passenden Anspielstation gesucht. Man will da nicht ins Pressing reinspielen. Der Gegner hat dann so den Tom ein bisschen freigelassen. Ich hatte das Gefühl, die lassen ihn nur frei, um dann zu pressen. Ich glaube, wenn jetzt der gegnerische Spieler nicht auf mich zustürmt, gibt er vielleicht auch nicht die Gelbe Karte. Ich wollte dann gerade den Ball rausspielen, an sich war es dann zu spät. Ärgerlich.“ Atalanta wusste bis zum Schluss nicht, wo der Ball auftauchen wird Das war Kimmichs Becherspiel: Das Publikum hatte eine von seinem Zögern provozierte Gelbe Karte gesehen, sollte nun nach seinen Sätzen aber an derselben Stelle eine vom Pressing und vom Ungestüm des Gegners provozierte Gelbe Karte erkennen. Später, als Kimmich in der Interviewzone von anderen Reportern noch mal konkret darauf angesprochen wurde, dass die Gelbe Karte nach Absicht aussah, sagte er: „Nä.“ Man hätte nach diesem 6:1 über das schöne Spiel schreiben können. Über die Männer aus München, die sich an diesem Abend in der Königsklasse gefühlt haben müssen wie der große Bartolomeo Bosco damals in den Königspalästen. Und über die Männer aus Bergamo, die sich wiederum gefühlt haben müssen wie die dem Zauberkünstler applaudierenden Menschen: weil sie bis zum Schluss nicht wussten, wo die Kugel als nächstes auftauchen würde. Doch wegen der 77. und der 83. Minute muss man statt über das schöne Spiel über ein Dokument schreiben, das diesen unschönen Titel trägt: „Rechtspflegeordnung der UEFA“. In diesem Dokument der europäischen Fußballunion steht unter Artikel 15, der das „Fehlverhalten von Spielern und Offiziellen“ regelt: „Sperre für zwei Wettbewerbsspiele oder auf bestimmte Zeit bei offensichtlich mit Absicht provozierten Verwarnungen oder Feldverweisen“. Mit anderen Worten: Wer mit seinem Verhalten, etwa Zeitspiel bei Eck- und Freistößen, eine Gelbe Karte erzwingt, wird nicht nur für ein Spiel, sondern für zwei Spiele gesperrt. Ist das nicht genau das, was Olise und Kimmich gemacht haben? Am Dienstagabend sind auch der Trainer und der Sportvorstand des FC Bayern darauf angesprochen worden. Doch weder Vincent Kompany noch Max Eberl wollten wirklich darüber diskutieren. „Ich spreche nicht über Gelbe Karten“, sagte Kompany. „Wir haben geführt, wir haben auf Zeit gespielt – dann bekommst du Gelbe Karten“, sagte Eberl. Und dann wäre, wenn man Olise und Kimmich kurz Absicht unterstellt, da noch die interessante Frage, ob die Spieler mit Blick auf die hohe Führung gegen Bergamo von alleine gehandelt haben oder vielleicht sogar angewiesen worden sind. So oder so gibt es im internationalen Fußball einen Fall, der dem, was am Dienstagabend in Bergamo passiert ist, nahekommt. Im November 2017 hat Daniel Carvajal, Rechtsverteidiger von Real Madrid, im vorletzten Gruppenspiel der Champions League seine dritte Gelbe Karte kassiert, weil er sich gegen Ende des Spiels bei einem Einwurf zu viel Zeit gelassen hat. 21 Sekunden Zeit. Weniger als Olise, weniger als Kimmich. Die UEFA sperrte Carvajal damals für zwei Spiele. Es ist nicht bekannt, ob die UEFA die Szenen aus Bergamo untersuchen will oder wird. Und sie könnte bei einer Untersuchung eventuell zu dem Ergebnis kommen, dass die Szene mit Kimmich weniger eindeutig zu bewerten ist als die Szene mit Olise. Doch wenn der FC Bayern das Urteil im Fall Carvajal kennt – und das sollte er –, dann dürfte er wissen, dass er es nicht mit einem Gegenüber zu tun hat, der sich täuschen lassen will.
