FAZ 19.03.2026
16:45 Uhr

Abwasseranalyse: Frankfurt ist Deutschlands Kokain-Hauptstadt


Eine Abwasseranalyse der europäischen Städte zeigt: In Hessens größter Stadt wird am meisten Kokain konsumiert. Und das nicht nur am Wochenende.

Abwasseranalyse: Frankfurt ist Deutschlands Kokain-Hauptstadt

In keiner deutschen Stadt wird so viel Kokain konsumiert wie in Frankfurt. Das geht aus einer Abwasseranalyse der europäischen Drogenbehörde EUDA für das Jahr 2025 hervor. Dahinter folgen Hamburg und Berlin. Die Analyse umfasst 115 europäische Städte aus 25 Ländern. In nahezu allen Ländern, die an der Studie beteiligt waren, wurde Drogenkonsum nachgewiesen, teilte die Behörde mit. Innerhalb eines Jahres sind laut Analyse die Spuren von Kokain im Abwasser um gut ein Fünftel angestiegen, vor allem in Belgien, den Niederlanden und Spanien. Auch wenn in osteuropäischen Städten eher niedrigere Kokainwerte festgestellt wurden, lassen die Daten einen Anstieg des Konsums erkennen. Für Frankfurt liegen der Behörde keine Daten für 2024 vor, aber der Vergleich mit Daten aus dem Jahr 2017 zeigt, dass die Droge in Hessens größter Stadt beliebter wird: Die im Abwasser gefundene Kokainmenge ist seit 2017 um fast 70 Prozent gestiegen. Kokain wird in Frankfurt demnach konstant an allen Wochentagen konsumiert. Am Wochenende, besonders sonntags, steigt der Wert laut der Analyse noch einmal an. Das weise auf einen „verstärkten Freizeitkonsum“ hin. „Die EUDA-Daten bestätigen, was wir in unserer Klinik und im Frankfurter Bahnhofsviertel seit Jahren beobachten“, sagt Mathias Luderer, Leiter des Bereichs Suchtmedizin der Frankfurter Uniklinik. „Kokain ist in Frankfurt allgegenwärtig – und zwar nicht nur als Partydroge am Wochenende.“ Luderer beobachtet seinen Angaben zufolge in der Uniklinik einen deutlichen Anstieg des Crack-Konsums und der Probleme, die sich daraus ergeben. „Crack macht schneller abhängig und ist mit größeren gesundheitlichen und sozialen Schäden assoziiert als nasaler Kokainkonsum.“ Crack kann separat nachgewiesen werden Unklar blieb, inwiefern eine Unterscheidung zwischen reinem Kokain und Crack erfolgen kann. Bei dem im Abwasser nachgewiesenen Kokain, so heißt es, handele es sich um die Droge in Pulverform. Das Pulverkokain wird anhand seines Hauptmetaboliten, also der Substanz, die beim Verstoffwechseln der Droge im Körper entsteht und ausgeschieden wird, im Abwasser nachgewiesen. Crack besteht zwar auch zu einem Teil aus Kokain, beim Verstoffwechseln entsteht aber ein anderer Hauptmetabolit als bei Kokainpulver. „Dieser wird in unserer Studie noch nicht berücksichtigt“, heißt es von EUDA. Es wäre jedoch möglich. In allen teilnehmenden Städten wurden Spuren von Cannabis im Abwasser nachgewiesen, besonders hoch sind die Werte in Deutschland, Slowenien und den Niederlanden. Frankfurt liegt auf Platz 5 der deutschen Städte, Erfurt ist Spitzenreiter. Untersucht wurde das Abwasser auch auf MDMA, Ketamine, Amphetamine und Methamphetamine. In Frankfurt ist der Konsum von MDMA, das auch als Ecstasy bekannt ist und in Frankfurt vor allem am Wochenende konsumiert wird, seit 2017 fast gleich geblieben. Insgesamt ist der Konsum laut Analyse aber um fast 16 Prozent zurückgegangen. Nur Berlin und Hamburg liegen im Städtevergleich vor Frankfurt. Ketamin hingegen, das ebenfalls als Partydroge konsumiert wird, spielt in Frankfurt keine besonders große Rolle, im deutschen Vergleich liegt die Stadt auf Platz 7. Methamphetamine, auch bekannt als Chrystal, sind eher im osteuropäischen Raum verbreitet, tauchen laut Analyse aber zunehmend auch in Mitteleuropa, insbesondere in deutschen Städten auf. So ist der Konsum in Frankfurt zwar nicht sehr hoch, aber seit 2017 stark angestiegen. Frankfurt liegt im Vergleich mit anderen deutschen Städten auf Platz 7, an der Spitze ist Chemnitz. Auch Amphetamine wurden vermehrt in deutschen Städten nachgewiesen, im Vergleich belegt Frankfurt Platz 8, hinter Mainz auf Platz 4 und Spitzenreiter Berlin. Konsumiert wird die Droge in Frankfurt die ganze Woche über. Für die Analyse wurden von März bis Mai 2025 eine Woche lang täglich Abwasserproben genommen und auf Spuren von Drogen untersucht. Um die Ergebnisse der Abwasserproben von 72 Millionen Menschen vergleichbar zu machen, misst die Studie in Milligramm pro 1000 Einwohnern. In Frankfurt wurden die Proben in Sindlingen, Griesheim und Niederrad entnommen. Die Studie verweise auf einen „weit verbreiteten und vielfältigen Drogenkonsum, der sich ständig ändert“, sagt Lorraine Nolan, Direktorin der Drogenbehörde, die das Projekt in Zusammenarbeit mit dem Forscherverbund Score durchgeführt hat. Hohe Kokainwerte – „klares Signal für hohe Verfügbarkeit und Nachfrage“ Der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Dirk Peglow, zieht einen Vergleich mit dem Bundeslagebild des Bundeskriminalamtes (BDK) und sagt: „Die Abwasseranalysen liefern einen unmittelbaren Blick auf das tatsächliche Konsumverhalten, damit wirken sie wie ein Realitätscheck für die polizeilichen Lagebilder. Beide Datenquellen kommen in zentralen Punkten zum gleichen Ergebnis: Von einer Entspannung kann keine Rede sein.“ Besonders deutlich zeige sich die Entwicklung beim Kokain. „Der in den Abwasseranalysen festgestellte Anstieg des Konsums deckt sich mit steigenden Fallzahlen und hohen Sicherstellungen in Deutschland. Das ist ein klares Signal dafür, dass Verfügbarkeit und Nachfrage gleichermaßen hoch sind und dass die internationalen Lieferketten der organisierten Kriminalität stabil funktionieren.“ Die Mengen seien seit Jahren auf einem so hohen Niveau, dass man zugespitzt sagen könne: „Die Kilos fallen uns längst vor die Füße. Das beschreibt sehr plastisch, wie groß das Angebot inzwischen ist.“ Gleichzeitig stelle die Polizei eine Verschiebung im Konsumverhalten fest. „Der starke Anstieg bei Substanzen wie Ketamin zeigt, dass sich der Markt verändert. Neue Konsummuster entstehen, insbesondere bei jüngeren Zielgruppen. Das bestätigt die Einschätzung, dass synthetische Drogen zunehmend an Bedeutung gewinnen.“ Zugleich dürfe der Rückgang einzelner Substanzen nicht als Entwarnung verstanden werden. „Der Markt verschiebt sich und wird insgesamt dynamischer und schwerer kontrollierbar.“ „Die Sicherheitsbehörden haben es mit einem hochgradig anpassungsfähigen, internationalen Drogenmarkt zu tun.“ Nötig seien eine stärkere internationale Zusammenarbeit sowie konsequente Finanzermittlungen und ein klarer Fokus auf die Strukturen der organisierten Kriminalität. „Die Kombination aus polizeilichen Lagebildern und unabhängigen Konsumdaten zeigt eindeutig: Der Drogenmarkt wächst, verändert sich – und stellt uns vor massive Herausforderungen.“