Geht an den Börsen auf der Welt gerade etwas kaum ohne KI, also Künstliche Intelligenz? Kaum, mag mancher Anleger denken. Auch wenn es zum Wochenschluss eine leichte Delle gab. Da ist zunächst der Trend an den Märkten. Die KI-lastigeren Börsen auf der anderen Seite des Atlantiks enteilen denen auf dem alten Kontinent. Das deutsche Börsenbarometer weist seit Jahresbeginn gerade einmal ein mageres Plus von zwei Prozent auf, da sind Anleger etwa aus dem vergangenen Jahr ganz andere Steigerungsraten gewohnt. Und das europäische Dax-Pendant, der Euro Stoxx 50, steht mit einem Plus von 5,5 Prozent auch nur leicht besser da. Und an der Wall Street? Da purzelt ein Rekord nach dem anderen. Der Technologieindex Nasdaq 100 verzeichnet seit Jahresbeginn ein Plus von mehr als 20 Prozent. Die zehn besten Aktien weisen allesamt Kursgewinne im dreistelligen Prozentbereich auf. Der gegenwärtige Spitzenreiter, Sandisk, sogar sagenhafte 640 Prozent. Und auch im breiter angelegten US-Aktienindex S&P 500 spiegelt sich der KI-Boom. Hier dominiert ebenfalls Sandisk, aber wie im Technologieindex weisen die zehn Aktien mit der besten Wertentwicklung seit Jahresbeginn ein Kursplus im dreistelligen Prozentbereich auf. Der Index selbst hat knapp elf Prozent zugelegt. Megabörsengänge stehen an Hinzu kommen anstehende Megabörsengänge. Der Entwickler des Chatbots „Claude“, Anthropic, strebt auf das Parkett und wohl auch Rivale Open AI von Sam Altmann. Derweil plant die Google-Konzernmuttergesellschaft Alphabet, für den Ausbau ihrer KI-Rechenzentren frisches Geld über eine Kapitalerhöhung einzunehmen. Das Unternehmen will für 80 Milliarden Dollar (69 Milliarden Euro) neue Aktien verkaufen. Das alles kommt noch zusätzlich zum Börsengang von SpaceX von Elon Musk hinzu, der eine Aktie für 135 Dollar ausgeben will. Mit rund 555 Millionen Aktien kämen so etwa 75 Milliarden Dollar zusammen. Ob sich für alle Börsengänge ausreichend Kapital findet, ist eine viel diskutierte Frage. Was die Nachhaltigkeit von KI angeht, hat sich Christian Subbe, Chefanlagestratege bei HQ Trust, schon festgelegt: „Der KI‑Boom steht realwirtschaftlich erst am Anfang und dürfte langfristig erhebliche Produktivitäts- und Wachstumsimpulse liefern. Selbst bei möglichen Korrekturen einzelner Titel bleiben die technologischen Fortschritte und Anwendungsfelder intakt, was eine strukturell positive Perspektive stützt“, sagte er der F.A.Z. Und letztlich war es auch die KI, die bei der Neubesetzung der Plätze in den deutschen Indizes eine entscheidende Rolle spielte. So rückt Hochtief trotz eines relativ geringen Streubesitzes von 22,5 Prozent in die erste deutsche Börsenliga auf, welche die Porsche SE verlassen muss. Der Zusammenhang zwischen einem Baukonzern und KI erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Wissen muss man, dass Hochtief ein starkes Geschäft in den USA hat und dort stark vom Bau von KI-Rechenzentren profitiert. Offensichtlicher mit KI haben die Aufsteiger in den Mittelwerteindex M-Dax zu tun. Der auf die Halbleiterbranche spezialisierte Anlagenbauer Suss Microtec steigt ebenso aus dem S-Dax auf wie der Chipentwickler Elmos Semiconductor und Siltronic, ein Hersteller von Wafern (Siliziumscheiben) zur Halbleiterproduktion. KI, wohin man an der Börse schaut. Und wie steht es eigentlich um den einstigen Megatrend Rüstung? Die Aktie von Rheinmetall, deren Kurs im Oktober vergangenen Jahres noch an der 2000-Euro-Marke kratzte, musste seit Jahresbeginn ziemliche Federn lassen. Seither hat das Papier ein Viertel seines Wertes verloren und steht aktuell bei 1190 Euro. Ein günstiger Einstiegspreis, so befinden die Analysten von Morningstar. „Der Markt verwechselt kurzfristige Schwankungen mit strukturellen Veränderungen“, sagt Loredana Muharremi, Aktienanalystin bei Morningstar: „Verzögerungen bei der Beschaffung und Bedenken hinsichtlich der Umsetzung sind real, ändern jedoch nichts an der grundlegenden Neuausrichtung der Nachfrage, die derzeit in Europa stattfindet.“ Morningstar unterstellt dem Rüstungssektor noch viel Potential und hält die Rheinmetall AG, die sich gerade von ihrer zivilen Kraftfahrzeug-Zuliefersparte getrennt hat, für den attraktivsten Wert. Morningstar hält es für möglich, dass sich der Kurs nahezu verdoppeln könnte. Insoweit könnte das Papier eine Alternative zu KI-lastigen Werten darstellen.
