FAZ 18.08.2026
17:25 Uhr

Attraktiver Mittelstand: Zugriff aus Amerika


Wieder fällt ein deutsches Industrieunternehmen in amerikanische Hände. Was der milliardenschwere Verkauf von EBM-Papst bedeutet.

Attraktiver Mittelstand: Zugriff aus Amerika

Es ist so etwas wie die Gnade des späteren Verkaufs, die dem Ventilatorenhersteller EBM-Papst einen vergleichsweise unaufgeregten Eigentümerwechsel ermöglicht. Die Baden-Württemberger werden vom amerikanischen Wettbewerber Madison Air übernommen, die Eigentümerfamilien erhalten knapp fünf Milliarden Euro – und doch ist öffentlich keine Rede davon, dass der Ausverkauf des deutschen Mittelstands oder deutscher Spitzentechnologie im Gange sei und Familienunternehmer sich bei erstbester Gelegenheit ihrer Verantwortung entzögen, um Kasse zu machen. So wie beim Teilverkauf des Heizungsherstellers Viessmann in die USA vor drei Jahren. Die aktuelle Gelassenheit ist ein Fortschritt, denn natürlich dürfen auch Familienunternehmer verkaufen, sich zurückziehen, dem Tagesgeschäft entfliehen. Auch wenn sie vielfach als Inbegriff der Bodenständigkeit und Standorttreue gelten. Kann der Mittelstand am Weltmarkt noch bestehen? Über diese sehr persönlichen Entscheidungen hinaus stellen sich allerdings Fragen, die nicht nur EBM-Papst und Co. betreffen: zum Beispiel ob es mittelständischen deutschen Unternehmen generell schwerfällt zu skalieren, wenn entweder Konkurrenten aus Asien sie bedrängen oder eine förmlich explodierende Nachfrage nach ihren Produkten sie überfordert; dann scheint es ohne fremde Hilfe, also ohne einen Konzern als Käufer, langfristig nicht zu funktionieren. Oder was es bedeutet, dass ausgerechnet aus Amerika – dem Land, das doch angeblich der Industrie abgeschworen hat und digitale Geschäftsmodelle bevorzugt – der entschlossene Zugriff auf industrielle deutsche Expertise erfolgt. Er sichert dem Land mit seinen enormen finanziellen Ressourcen und seinem leistungsstarken Kapitalmarkt Wertschöpfung, die lange Zeit hierzulande eine sichere Heimat zu haben schien. Das könnte zu einer zweiten großen Herausforderung für die deutsche Industrie werden. Die erste, die Konkurrenz durch enorm schnelle und angriffslustige asiatische, vor allem chinesische Unternehmen wird gleichzeitig kaum geringer werden. Die Auswirkungen dieser Verschiebungen sind wichtiger als die horrenden Einnahmen einiger Unternehmer, die zur richtigen Zeit das richtige Produkt hatten und dadurch Begehrlichkeiten geweckt haben. Verkaufen an sich ist noch kein Standortrisiko.