Jamil und seine Familie hatten sich schon neue Kleider für Deutschland gekauft. Jeans, Schlaghosen und kurze Mäntel, die sie in Afghanistan unter den Taliban nicht tragen dürfen. So sicher waren sie sich, dass sie an der Schwelle zu einem neuen Leben standen. Schließlich hatte die Bundesregierung schon Visa in ihre Pässe geklebt und ein Passersatzpapier für die neugeborene Tochter ausgestellt. Auch die pakistanische Ausreisegebühr hatte Deutschland schon für sie bezahlt. Ihre Hoffnung war nicht unbegründet. In einer E-Mail des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge vom 22. Januar 2025 heißt es, die Familie sei „für den Flug am 29. 1. 2025 vorgesehen“. Sieben Tage trennten sie von der wohl größten Chance ihres Lebens. Dann intervenierte das Bundesamt für Verfassungsschutz. Als die Familie ihre Pässe bekam, waren die Visa mit Rotstift durchgestrichen. Aus dem Versprechen wurde eine Tortur „Warum? Das fragt mich meine Frau noch immer jeden Tag“, sagt Jamil im Untergeschoss eines Hauses im Süden von Kabul, das seinem Bruder gehört. Aus Sicherheitsgründen will er nicht, dass sein richtiger Name genannt wird. Seine Frau hat vor ihm einen Berg ungetragener Kleider und Schuhe aufgetürmt. Nach ihrer Rückkehr hatten sie alles, selbst die Hausschuhe, in großen Koffern verstaut und tief im Schrank vergraben, um nie wieder daran denken zu müssen. „Wenn die Lage nicht so hoffnungslos wäre, hätten wir das alles vielleicht vergessen können“, sagt der gelernte Journalist. Nach der Machtergreifung der Taliban hatten sie als gefährdete Afghanen im September 2022 von der damaligen Ampelregierung eine Aufnahmezusage für Deutschland bekommen. Im Rahmen des sogenannten Überbrückungsprogramms, das noch unter Angela Merkel geschaffen worden war. Die Familie ging erst nach Teheran, wie man es ihnen gesagt hatte, und wurde später nach Islamabad weitergeschickt. Fast zwei Jahre vergingen so. 18 Monate davon verbrachten sie in zwei kleinen Hotelzimmern in der pakistanischen Hauptstadt. Unterkunft und Verpflegung wurden von Deutschland bezahlt. In einer E-Mail des Auswärtigen Amtes heißt es im Oktober 2024, dass ihre Ausreise „wahrscheinlich schon erfolgt wäre, wenn zwischenzeitlich weitere Flüge stattgefunden hätten“. Aus dem ursprünglich großzügigen Versprechen wurde eine Tortur, die ihnen Lebenschancen genommen statt gegeben hat. Die Freunde schicken fröhliche Bilder aus Deutschland Während sie warteten, wurde der Sohn von der pakistanischen Polizei zweimal in Abschiebehaft genommen. Mit Schmiergeld kauften sie ihn frei. Im Hotel lernten die vier Kinder neue afghanische Freunde kennen, die inzwischen alle in Deutschland sind. Sie schicken fröhliche Fotos von sich und ihren neuen Spielsachen. Jamils siebenjährige Tochter hat ein Videotelefonat mit ihrer Freundin so verstört, dass sie seither verstummt ist. Sie spricht nur noch im Flüsterton ins Ohr ihrer Mutter. Um sie zu schützen, hatten sie irgendwann angefangen, ihr vorzulügen, dass die nach und nach ausgereisten Familien aus dem Hotel alle nach Afghanistan zurückgekehrt seien. Die Tochter fragt: Warum ist meine Freundin in Deutschland, aber wir nicht? Die Antwort lässt sich in Dokumenten und E-Mails deutscher Behörden nachlesen, auf die Jamil im Zuge seines Klageverfahrens Zugriff erhalten hat: Jamils Schwager war in einem Streit mit dem Hotelpersonal in Islamabad handgreiflich geworden. Ein deutscher Sicherheitsbeamter notierte, der Vorfall lege nahe, dass er „Situationen, in denen er sich benachteiligt oder ungerecht behandelt fühlt, aufbrausend und gewalttätig löst“. Die Aufnahmezusage für den Schwager wurde aufgehoben. Der Rest der Familie blieb aber im Programm. Sie seien davon „unberührt“, schrieb das Bundesinnenministerium. Jamils Befragung im Februar 2024 hatte „keine Sicherheitsbedenken“ ergeben, obwohl es in den Aufzeichnungen der Beamten heißt, er habe Mitarbeiter des Hotels beschimpft. Erst eine Woche vor der geplanten Ausreise und ohne neue Befragung meldete der Verfassungsschutz „erhebliche Zweifel auf Grundlage der Verhaltensweise dieser Familie“ an. Das Bundesinnenministerium zog daraufhin die Aufnahmezusagen für die gesamte Familie zurück. Laut den Dokumenten soll es in dem Streit mit dem Hotel darum gegangen sein, dass die Familie statt der bereitgestellten Sachleistungen wie Babynahrung und Windeln Geld hätte haben wollen. Der Journalist witterte einen Betrugsskandal Jamil stellt die Sache ganz anders dar. Das Hotel habe ihn regelmäßig den Erhalt von Sachleistungen quittieren lassen, die die Familie gar nicht erhalten habe oder für die überhöhte Preise aufgelistet worden seien. Der Journalist witterte einen Betrugsskandal und äußert den Verdacht, dass die Hotelmitarbeiter ihn deshalb angeschwärzt hätten. Er habe sich mehrmals an die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) gewandt, die die Leistungen finanzierte. Daraufhin sei er von pakistanischen Mitarbeitern der GIZ beschuldigt worden, sich gegenüber den Hotelmitarbeitern respektlos zu verhalten und lediglich auf Geld aus zu sein. „Leider hatte ich den Eindruck, dass der Hotelbesitzer und die pakistanischen GIZ-Mitarbeiter gemeinsame Interessen hatten“, sagt Jamil. Die GIZ-Mitarbeiter hätten ihm gedroht, dafür zu sorgen, dass er von Deutschland abgelehnt werde. All das habe er den deutschen Beamten im Sicherheitsinterview gesagt. Die aber verließen sich in weiten Teilen auf die Darstellung des Hotels. Jamil vermutet außerdem, dass er als Unruhestifter wahrgenommen worden sei, weil er im Unterschied zu den anderen Hotelbewohnern Urdu spricht und deshalb bei vielen Beschwerden als Übersetzer auftrat. Jamils Frau fragt: „Warum haben sie uns erst eine Zusage gegeben, zwei Jahre warten lassen und dann in den Müll geworfen?“ Die Großmutter, eine alte Dame mit schlohweißen Haaren, tippt sich mit dem Finger an die Schläfe. Das soll heißen: Ihre Enkel litten nun unter psychischen Störungen. Der 15 Jahre alte Enkelsohn habe drei Jahre Schule verpasst und sitze jetzt mit kleinen Kindern in der Klasse. Die beiden mittleren Schwestern gehen in die sechste Klasse. Ab dem nächsten Jahr gibt es für sie im Taliban-Staat nur noch eine Option: Koranunterricht. Eine Fahne an der Wand erinnert an bessere Zeiten. Schwarz, Rot, Grün. Die Farben der untergegangenen Republik. Der Geheimdienst warnte ihn davor, für Exilmedien zu arbeiten Eine unmittelbare Lebensbedrohung durch die Taliban scheint für Jamil in Kabul nicht zu bestehen. Eine solche sieht er aber in seiner Heimatstadt. Die Angehörigen eines dort getöteten Taliban-Kommandeurs sinnen auf Rache, weil sie glaubten, seine Familie habe Informationen über dessen Versteck an die Streitkräfte weitergegeben. Außerdem wurde Jamil in Kabul vom Geheimdienst aufgespürt. Seine Versuche, seine Identität zu verschleiern, waren vergeblich. Nun wird er überwacht. Der Geheimdienst warnte ihn davor, für Exilmedien zu schreiben, und verlangte, dass er jede journalistische Tätigkeit anmelden müsse. In seinem Beruf kann er also nicht mehr arbeiten. Er hat Angst, dass die Taliban ihm etwas anhängen könnten. „Ich habe mir extra für sie einen Bart wachsen lassen. Da fragten sie mich, ob ich den IS unterstütze.“ Die Islamisten arbeiten mit Spitzeln. Er hat das Gefühl, niemandem mehr trauen zu können. „Wenn du über Probleme sprichst, sagen sie, du betreibst Propaganda gegen das Emirat.“ Jamil führt jetzt einen kleinen Laden für Hygieneartikel. Das Geschäft läuft schlecht. Für das Schulgeld der Kinder reicht es nicht. Es wird von einer Bekannten aus Österreich bezahlt. Für das deutsche Aufnahmeverfahren hat sich die Familie hoch verschuldet. Für Pässe und Visa hätten sie 8000 Dollar bezahlt, sagt Jamil, denn ohne Schmiergeld waren sie nicht zu haben. Ein anderer Abgewiesener hat noch viel mehr Geld verloren: Maiwand Majboor. Er war einst ein hoch bezahlter und hoch gelobter GIZ-Mitarbeiter. Ein früherer Arbeitgeber, Hans-Hermann Dube, Regionaldirektor der GIZ International Services bis 2014, sagt über Majboor, er sei „einer der besten Mitarbeiter, den ich jemals weltweit hatte“. Majboor war Buchprüfer. Er war so gewissenhaft, dass er auch für Einsätze in anderen Ländern wie Irak vorgesehen war. Nicht er war der Grund, warum seine Familie nicht nach Deutschland durfte. Sicherheitsbeamte äußerten Bedenken gegen seine Frau und seinen damals 17 Jahre alten Sohn. Beide hätten bei einer Befragung in der deutschen Botschaft in Islamabad Körperstrafen gerechtfertigt, wie sie in der Scharia vorgesehen sind. Sie sollen außerdem „erläutert“ haben, dass das Strafmaß für Ehebruch bis hin zur Todesstrafe durch Steinigung reiche. Dem Sohn attestierten die Beamten ein „sehr konservatives, salafistisch bis radikal fundamentalistisch geprägtes Islamverständnis“. „Auf solche Fragen waren wir nicht vorbereitet“ „Ich habe mich immer für polyglott gehalten“, sagt der Sohn Khaiber an einem Abend im August in der Mietwohnung der Familie in Kabul. Er wirkt ratlos. „Auf solche Fragen waren wir schlicht nicht vorbereitet.“ Majboors Frau ist Analphabetin. Viele gebildete Afghanen seiner Generation sind mit Frauen aus ihrem Dorf verheiratet, die nie zur Schule gehen durften. Laut dem Dokument der Sicherheitsbeamten soll sie gesagt haben, dass sie selbst für ihren Sohn die Todesstrafe befürworten würde, wenn er schwul wäre. Ob das stimmt, lässt sich nicht überprüfen, weil es keine Gesprächsprotokolle gibt. Die Frau selbst sagt in Kabul, sie habe nur erklärt, dass sie das nicht gutheißen würde. Es fällt ihr spürbar schwer, überhaupt über Sexualität zu sprechen. Ihr Mann glaubt, die Beamten hätten Suggestivfragen gestellt, um sie aufs Glatteis zu führen und fragwürdige Aussagen zu provozieren. So habe man ihn selbst beispielsweise gefragt, „warum Palästinenser immer Israelis töten“. Die Ablehnung der Familie fiel in eine Zeit, in der sich der Wind in der deutschen Politik zu drehen begann. Aus dem parteiübergreifenden Wunsch, den früheren Verbündeten in Afghanistan zu helfen, wurde Ablehnung. Majboor stammt aus einer tief konservativen Gegend Afghanistans. Er sieht sich als Modernisierer. Gegen Widerstand aus der Familie förderte er die Bildung seiner Tochter. Er habe gewollt, dass sie Ärztin wird, um Frauen in seinem Dorf zu behandeln, sagt Majboor. „Warum sollten die Taliban mich wegen Buchprüfungen verfolgen?“ Zur Ablehnung der Familie trug wohl bei, dass Majboor gar nicht behauptete, von den Taliban bedroht zu werden. „Warum sollten sie mich wegen Buchprüfungen verfolgen? Oder wegen Straßen- und Schulprojekten?“, fragt er. Womöglich ist ihm seine Ehrlichkeit zum Verhängnis geworden. Majboor verstand die Aufnahmezusage als Lohn für 20 Jahre treuer Mitarbeit für die GIZ. „Um ehrlich zu sein, war ich anfangs gar nicht daran interessiert, nach Deutschland zu gehen.“ Er kannte Deutschland von Dienstreisen und habe geahnt, dass es für seine Familie nicht leicht werden würde, dort Fuß zu fassen. „Aber Freunde in Deutschland, meine früheren Vorgesetzten, selbst der Landesdirektor, ermutigten mich, die Gelegenheit zu ergreifen, nach Deutschland zu gehen.“ Der Bildung seiner Kinder zuliebe. Majboor wirft der Bundesregierung nicht vor, ihn nicht vor den Taliban geschützt zu haben. Er wirft ihr vor, ihn mit falschen Versprechungen in den Ruin getrieben zu haben. Er verkaufte sein Haus, sein Auto, seinen gesamten Hausstand. Aus Zeitgründen weit unter Wert, wie der Hauskäufer der F.A.S. bei einem Besuch bestätigt. „Wir haben vieles verschenkt, weil wir dachten, wir beginnen ein neues Leben.“ Für Tausende Dollar habe er Pässe für sich, seine Frau und seine neun Kinder beschafft. Weitere 20.000 Dollar für Pakistan-Visa und Verlängerungen, einschließlich Schmiergeldern. Als sie aus Pakistan zurückkamen, standen sie vor dem Nichts. „Mein gesamtes Erspartes war verloren. Unser Lebensstandard hat sich dramatisch verschlechtert.“ Nicht einmal eine nötige Operation seiner Frau könne er als einst wohlhabender Controller noch bezahlen. Die Ablehnung bedeutete für den stolzen Paschtunen auch einen Rufschaden. „Die Leute zweifeln an meiner Glaubwürdigkeit. Sie glauben, dass ich korrupt war oder eine andere Straftat begangen habe.“ Anders könnten sie sich nicht erklären, warum zwar die Fahrer und die Köche der GIZ nach Deutschland gebracht wurden, aber nicht einer der führenden Mitarbeiter. In Pakistan warten noch mehr als 500 Afghanen auf eine Ausreise In Deutschland ist sein Fall vor Gericht anhängig. Es geht ihm nicht mehr darum, dass er und seine Familie noch aufgenommen werden. Er hofft auf finanzielle Kompensation und eine Wiederherstellung seines Rufs. Zur Not will er die GIZ in Afghanistan verklagen, falls die Organisation ihre Tätigkeit in dem Land jemals wieder aufnimmt. „Damit bin ich längst nicht der Einzige.“ In Pakistan warten laut der Organisation Kabul Luftbrücke noch 512 Afghanen auf eine Ausreise nach Deutschland. Sie gehören zu den rund 640 Personen, deren vorläufige Aufnahmezusagen im Dezember 2025 pauschal von der Bundesregierung zurückgenommen wurden – mit der Begründung, es bestehe kein politisches Interesse mehr an ihrer Aufnahme. Das Bundesverfassungsgericht hat aber im Juli entschieden, dass die Aufnahmezusage nur „in Ansehung des Einzelfalls unter Berücksichtigung auch der individuellen Belange des betreffenden Ausländers“ zurückgenommen werden kann. Der frühere Richter Anwar Hashemi gehört zu jenen, die darauf hoffen, dass ihr Fall dadurch noch einmal aufgenommen wird. Hashemi meldet sich per Videocall aus seiner Heimatprovinz Khost. Er verstecke sich derzeit bei Bekannten, sagt er. Er war im vergangenen Jahr trotz deutscher Aufnahmezusage von Pakistan abgeschoben worden und zunächst von der GIZ in einem Schutzhaus in Kabul untergebracht worden. Im Januar war der Geheimdienst der Taliban in das Hotel eingedrungen. Alle Bewohner wurden befragt. „Wir konnten nicht lügen, weil sie schon alles über uns wussten“, sagt Hashemi. Die Taliban wussten auch, dass die Bundesregierung genau hinschaute, was mit den Menschen geschah. Das könnte der Grund sein, weshalb sie sich bei der zweiten Befragung entschuldigten und betonten, niemand müsse Angst vor ihnen haben. Die Taliban betrachten frühere Richter als „Rebellen“ Trotzdem informierten sie offenbar das Gericht in Paktia, bei dem Hashemi früher tätig war. Sie hätten seinen Vater aufgesucht und gefordert, dass der Sohn vor Gericht erscheinen müsse, um sich wegen seiner früheren Scheidungsurteile zu verantworten, die aus Sicht der Taliban unislamisch waren. Hashemi sagt, er habe Frauen das Recht auf Scheidung zugesprochen, deren Ehemänner jetzt einflussreiche Posten in der Taliban-Regierung innehätten. Die islamische Gerichtsbarkeit ist das Fundament, auf dem der Herrschaftsanspruch und die Ideologie der Taliban fußen. Die Richter der Vorgängerregierung betrachten sie als „Rebellen“. Idris Nassery, Professor für Islamische Theologie in Paderborn, bestätigt: „Für einen ehemaligen Richter der Republik besteht heute ein ernst zu nehmendes Risiko strafrechtlicher Verfolgung, insbesondere wenn zu seiner früheren Tätigkeit konkrete Anschuldigungen oder persönliche Feindschaften hinzutreten.“ Hashemi kennt frühere Richter, die jetzt unter falschem Namen auf dem Bau arbeiten. Er selbst hat versucht, als Mathelehrer anzuheuern, weil er früher einmal als solcher gearbeitet hat. Trotz des Fachkräftemangels hätten mehrere Privatschulen ihn abgewiesen. Sie fürchteten, dass sie mit einem früheren Richter im Kollegium eine Schließung der Schule riskieren.
