In deutschen Städten fehlt oft günstiger Wohnraum. Allein durch Neubau lässt sich dieser Mangel kaum lösen, so sieht es eine Fachgruppe der Deutschen Akademie für Technikwissenschaften (Acatech). Die Wissenschaftler und Vertreter von Immobilienunternehmen fordern Umnutzungen, Aufstockungen, Anbauten und andere Formen der Nachverdichtungen im städtischen Raum auf versiegelten Flächen. „Der Gebäudebestand bietet erhebliches Potential, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und gleichzeitig Ressourcen zu schonen“, sagt Ortwin Renn, wissenschaftlicher Projektleiter der Acatech-Plattform Bauen & Wohnen. „Es mangelt nicht am politischen Willen, vielmehr sind bessere Rahmenbedingungen gefragt, vor allem durch Vereinfachungen im Baurecht, Vorkaufsrechte durch Kommunen und gezieltere Förderbedingungen.“ Die Gruppe von 40 Fachleuten fordert, dass die Regeln für Bauen im Bestand als eigenständige Bauweise in der Musterbauordnung gestärkt werden und die Bundesländer dies in ihre jeweiligen Landesbauordnungen übernehmen. So sollte dort der Begriff „Rückbau von Anlagen“ den Begriff „Beseitigung von Anlagen“ ersetzen. Eine Musterrichtlinie soll zudem klären, wie bestehende Bauteile erhalten bleiben können. Diese Ideen gehören zu den Arbeitspapieren „Mehr bezahlbares Wohnen im Bestand“ der Fachgruppe, die sich in einer Fassung als Handlungsoptionen an Kommunen und in einer weiteren Fassung als Handlungsoptionen an Bund und Länder richten. Acatech veröffentlicht an diesem Montag die zahlreichen Vorschläge, die der F.A.Z. vorab vorliegen. Eine der größten Schwierigkeiten in Deutschland Darin heißt es: „Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum zählt in Deutschland zu den drängendsten Problemen – vor allem in den urbanen Ballungsräumen und für Haushalte im unteren und mittleren Einkommenssegment.“ Die Gruppe rät Kommunen zu stärkeren Eingriffen: Städte und Gemeinden sollten eine Ankaufstrategie mit dem Vorkaufsrecht verfolgen, Flächen vorrangig im Erbbaurecht vergeben und Quartiere mit Konzeptvergaben entwickeln. Zu den Mitgliedern der Arbeitsgruppen gehören unter anderem Kerstin Faber von der Bundesstiftung Bauakademie, Jan Wenker vom Bauunternehmen Brüninghoff, Stadtplaner Klaus Illigmann von der Stadt München, Sarah Dungs vom Verband für Bauen im Bestand, weitere Branchenvertreter, Wissenschaftler sowie Vertreter vom Mieterbund und der Umweltschutzorganisation WWF. Die Zahl der fertiggestellten Wohnungen ist im vergangenen Jahr um 18 Prozent auf 206.600 Wohnungen gesunken. In den Jahren von 2019 bis 2023 lag der Wert noch bei mehr als 290.000 neuen Wohnungen. Die Ampelregierung hatte sich sogar das Ziel von 400.000 neuen Wohnungen im Jahr gesetzt, dies aber verfehlt. Die aktuelle Bundesregierung nennt keine konkrete Zahl, will aber für mehr Wohnraum in den Städten sorgen und dafür Bauvorschriften drosseln. Branchenerwartungen gehen für dieses Jahr jedoch von keinem Anstieg der Fertigstellungen aus. Die Angebotsmieten in den zehn größten Städten Deutschlands sind in den vergangenen Jahren laut einer Auswertung des arbeitgebernahen Instituts der Wirtschaft Köln kontinuierlich gestiegen, in ganz Deutschland liegen sie vier Prozent über dem Vorjahresniveau. Die Acatech-Gruppe verweist auf bis zu 1,7 Millionen zusätzliche Wohnungen, die laut Studien durch Aufstockungen von Bürogebäuden, Einzelhandelsflächen und Parkhäusern geschaffen werden können. Laut dem Ifo-Institut sollen weitere 60.000 Wohnungen durch Umwandlungen von Büroflächen entstehen können. Nach der Statistik wurden im vergangenen Jahr hingegen bloß 30.700 Wohnungen durch Umbauten in bestehenden Wohn- und Nichtwohngebäuden geschaffen, ein leichtes Plus von 1,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Fachleute unterstützen die Pläne von Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD), Bauverfahren zu vereinfachen und den Wohnungsbau als „überragendes öffentliches Interesse“ im Baugesetzbuch zu verankern. Auch fordert die Arbeitsgruppe, den geplanten „Gebäudetyp E“ für einfaches Bauen rasch umzusetzen. Hingegen heißt es zum „Wohnungsbauturbo“ von Hubertz, dass dieser notwendige strukturelle Reformen nicht ersetze. Die Arbeitsgruppe hält die energetische Sanierung der Gebäude für die Klimaziele für zentral. „Allerdings haben steigende Investitionskosten und förderungsbedingte Fehlanreize zugunsten teurer Komplettsanierungen in vielen Städten eine Dynamik ausgelöst, die Warmmieten erhöht und soziale Verdrängung verstärkt – besonders bei einkommensschwachen Haushalten und in Siedlungen der 1950er bis 1970er Jahre.“ Daher sollte der Staat statt Vollsanierungen besser einzelne Maßnahmen wie eine Kellerdeckendämmung, den Fensteraustausch oder Abdichtungen fördern. Auch sollte die Vergabe nur eine moderate Mietsteigerung erlauben.
