FAZ 31.07.2026
16:35 Uhr

Bayreuther Festspiele: Diese Norwegerin singt zum Wahnsinnigwerden schön


„Der fliegende Holländer“ in der Inszenierung von Dmitri Tcherniakov ist letztmalig in Bayreuth zu sehen. Sie ist meisterlich und auch musikalisch eine Freude.

Bayreuther Festspiele: Diese Norwegerin singt zum Wahnsinnigwerden schön

Elisabeth Teige! Wenn man einzig nur ihretwegen nach Bayreuth fahren würde, wäre es Glückes genug. Es gibt derzeit nur wenige Sopranistinnen im jugendlich-dramatischen Fach mit einer so gut sitzenden Stimme wie sie. Im fünften Jahr singt die Norwegerin bei den Bayreuther Festspielen die Partie der Senta (bei Richard Wagner ebenfalls Norwegerin) im „Fliegenden Holländer“ in der Inszenierung von Dmitri Tcherniakov, und sie hat nichts von ihrer Faszinationskraft eingebüßt. Sie beherrscht das Decken der Töne bei abgesenktem Kehlkopf so souverän, dass ihre hohen Spitzentöne weich eingefasst, sauber und kraftvoll bleiben. Die Wärme des Brustregisters und die Verstärkung durch die Resonanzräume im Kopfraum spielen bei ihr so perfekt zusammen, dass ein strahlkräftiger, aber nuancenreich schimmernder Klang entsteht, der zum Wahnsinnigwerden schön ist. Der Holländer singt bei ihrem Anblick: „Wie aus der Ferne längst vergangner Zeiten spricht dieses Mädchens Bild zu mir“, doch es ist vielmehr ein Stimmklang, der aus einem fernen Reich zu uns spricht mit sirenenhaftem Zauber. Der „Holländer“ ist in dieser Spielzeit in Bayreuth exquisit besetzt. Mika Kares singt den Daland mit einem strengen Legato, das den Atem der Phrasen exakt mit den syntaktischen Einheiten des Textes zur Deckung bringt. Da begegnet uns ein Mann, der auf Einhaltung äußerer Formen besteht und zugleich seine Tochter an den Holländer verhökert. Die vokale Eleganz macht die moralische Verkommenheit dieses Biedermanns abgründig. Nicholas Brownlee zeigt in der Titelpartie, wie stark er sich in den letzten Jahren entwickelt hat. Als Hans Sachs in Johannes Eraths Inszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ war er an der Oper Frankfurt noch 2022 ein jugendlicher Lyriker mit mozartischer Restsüße. Jetzt ist aus ihm ein Heldenbariton geworden, der noch in die leisesten Töne eine solche Gewaltbereitschaft zu legen versteht, dass einem der Frost in die Knochen schießt. Dieser zärtlich-manipulativen Grausamkeit möchte man nicht ausgeliefert sein. Der Tenor Benjamin Bruns findet für den Erik einen Stimmklang, der das seltsame Ineinander aus Wehleidigkeit und Eifersucht treffsicher erfasst. Er betreibt eine aggressive emotionale Erpressung in Jammerlappenpose, wenn er ständig Senta die Schuld zu geben versucht an seiner seelischen Misere. Auffallend hübsch ist der Tenor von Kieran Carrel, einem Schüler von Christoph Prégardien, als Steuermann. So kurz sein Auftritt sein mag, so stark hinterlässt er den Eindruck eines erfahrenen Mozart-Sängers voller Raffinement in der Kunst, dem es gelingt, die Hörenden um den Finger zu wickeln. Er nutzt die wenigen Minuten vokaler Präsenz optimal für schnelle Farbwechsel zwischen jungenhaftem Dicketun und verzehrender Sehnsucht nach seinem „Mädel“. Auch Nadine Weissmann, fünf Sommer lang die Bayreuther Erda in Frank Castorfs „Ring“-Inszenierung in Bayreuth, braucht als Mary nicht viel Singzeit, um den Eindruck einer Frau zu vermitteln, die ihre Verbitterung, ihre Demütigung und Zurücksetzung durch Alltagsroutine zu verdrängen sucht, bis sie den finalen Schuss der Selbstermächtigung abgibt. Natürlich sind diese Gesangsleistungen eng mit der darstellerischen Wirkung verknüpft, die Tcherniakov als Regisseur meisterlich präzise durchgearbeitet hat. Sänger berichten immer wieder, dass er in die Proben mit einem Konzept exakt zur Musik getimter Bewegungen und Gesten kommt, von dem er kaum Abweichungen duldet. Das Ergebnis in dieser nun sechs Jahre gelaufenen Inszenierung spricht für sich. Es ist, inmitten der Diskussionen und der Publikumsempörung über den aktuellen „Ring des Nibelungen“ mit Künstlicher Intelligenz, das schönste Plädoyer für natürliche Intelligenz. Oksana Lyniv, als Dirigentin die Konstante der letzten sechs Jahre, hat nach ihrem angespannten, fast überkonzentrierten Debüt 2021 viel an Gelöstheit und freiem Atem, an neuer Souveränität in Bayreuth gewonnen. Das nimmt der Ouvertüre nichts an Schärfe und Wucht, räumt aber den oft erhobenen Einwand aus, „Der fliegende Holländer“ sei, gemessen an Wagners späterer Kunst, ein klanglich eher grobes und rohes Stück. Vor allem führt Lyniv den von Thomas Eitler-de Lint einstudierten Festspielchor mit großer Ruhe und Umsicht. Und der Chor ist darstellerisch durch viel Bewegung stark gefordert beim Singen. Für den 6. und 18. August wird noch einmal Asmik Grigorian, die Senta der Premierenbesetzung, die momentan die Carmen in Salzburg singt, nach Bayreuth zurückkehren. Auch sie ist, vor allem im triumphierenden Kräftemessen bei Blickwechseln wie im aggressiven Verweigern von Augenkontakt, eine großartige Darstellerin in dieser Inszenierung, die zu den besten Bayreuths gehört.