FAZ 23.07.2026
13:22 Uhr

Besuch im Klassenzimmer: Erzählroboter lockt schüchterne Grundschüler zum Sprechen


Die Akademie für Innovative Bildung und Management erprobt an zwei baden-württembergischen Grundschulen den Robotereinsatz auf seine Wirksamkeit für das Lernen. Erste Eindrücke aus Heilbronn.

Besuch im Klassenzimmer: Erzählroboter lockt schüchterne Grundschüler zum Sprechen

In der vierten Klasse der Gerhart-Hauptmann-Grundschule Heilbronn üben die Schüler das freie Erzählen. Am Whiteboard des modern ausgestatteten Klassenraums hängen verschiedene bunte Zettel, die nach und nach von Schülern umgedreht werden. Es sind unterschiedliche Literaturgattungen: Komödie, Gruselgeschichte, Krimi, Science-Fiction, Fantasy, Liebesgeschichte, die von den Schülern in wenigen Sätzen erklärt werden. Was die einzelnen Gattungen ausmacht, steht auf den kleinen Zetteln: Romantisches, Spannendes, Schauderhaftes, Lustiges. Manche der Adjektive passen auch zu mehreren Gattungen. Die Schüler beherrschen die Zuordnung und können sich gut artikulieren, dann setzen sie sich in Gruppen zusammen, um eine Geschichte zu erzählen, aufzuschreiben oder sie weiterzuspinnen. Lehrer Philip Meier, der sich selbst als Nerd bezeichnet, hat sich freiwillig dazu bereit erklärt, in seiner Klasse den gezielten Einsatz von KI in Gestalt eines Erzählroboters namens Robo zu erproben. Robo kommt aus der Altenpflege und bedient das Kindchenschema. Er klappert mit den Augendeckeln und hat ein Strickmützchen auf. Allerdings schaut er seine Gesprächspartner nicht an, wenn sie mit ihm sprechen, sondern blickt abwesend in eine ganz andere Richtung. Meier spricht im Unterricht bewusst von der Maschine, um der Personifizierung des Roboters nicht Vorschub zu leisten. Wenn die Schüler nicht weiterkämen, dürften sie Robo fragen, sagt der Lehrer. Davon machen zwei zurückhaltende Jungen Gebrauch, die auch untereinander wenig sprechen. Sie haben den Anfang einer Geschichte, aber Probleme, sie zu verschriftlichen. Dann fragen sie Robo, wie sie weitermachen sollen. Der lässt sich erst mal erzählen, was die Schüler ersonnen haben, und bedenkt sie mit Plattitüden wie „das klingt spannend“ oder „das freut mich total“. Eine Frage der beiden Jungen beantwortet er nicht. Leider sagen sie ihm nicht, dass er ihre Frage nicht beantwortet und ihnen eine Antwort schuldig geblieben ist. Lernen, der Maschine zu misstrauen Drei Mädchen gehen etwas offensiver vor. Sie haben ihre Erzählung fertiggestellt und fragen den Roboter, wie der Rechenweg einer bestimmten Aufgabe sei. Das versteht die Maschine völlig falsch und antwortet, sie könne sich frei im Schulhaus bewegen, wenn sich keine Hindernisse in den Weg stellten. Eines der Mädchen versucht es noch einmal mit einer umformulierten Frage. Dann begreift die Maschine die Frage doch noch und antwortet korrekt, und der Fragebogen zum Roboter, den die Schüler ebenfalls erarbeiten sollen, kann ausgefüllt werden. Alle Schüler freuen sich, wenn Robo im Unterricht eingesetzt wird. Meier sieht positive Effekte, weil auch die schüchternen Schüler gezwungen sind, sehr deutlich zu sprechen und alles, was die Maschine nicht versteht, umzuformulieren. Ganz nebenbei können die Schüler auch lernen, den Aussagen der Maschine zu misstrauen. Sie erfahren so, dass kein hundertprozentiger Verlass auf deren Antworten ist, und werden auf das Erkennen von Fake News vorbereitet. Aber es gibt auch Schwächen des Einsatzes: Wie eigentlich eine Geschichte so erzählt werden kann, dass Spannung aufgebaut wird, erfahren die Schüler nicht. Erzählstrategien beim freien Erzählen zu üben, wäre ein zweiter Schritt. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von der Grundschuldidaktikerin Uta Hauck-Thum von der Ludwig-Maximilians-Universität in München, von der KI-Spezialistin Barbara Bruno am KIT in Karlsruhe und der Projektleiterin Leonie Lübben von der Akademie für Innovative Bildung und Management (aim) sowie weiteren wissenschaftlichen Mitarbeitern. Keine überflüssige Bildschirmzeit Lübben berichtet, dass die Eltern ihr Einverständnis erklärt haben, sämtliche Daten nur auf einem sicheren Server im KIT in Karlsruhe landen und alle Auswertungen dort in pseudonomisierter Form stattfinden und nie an Firmen wie Microsoft gelangen. Sie selbst hat Deutsch und Philosophie (Lehramt) studiert, ist auch für Schul- und Unterrichtsentwicklung bei der aim zuständig und sieht die Risiken des Robotereinsatzes sehr klar. Sie wehrt sich gegen „alten Unterricht“ mit neuer Technologie und ist ähnlich strikt wie andere Mitarbeiter der aim: Wenn im Unterricht digitale Technik anstelle eines analogen Vorgangs eingesetzt wird, ist das für sie mit überflüssiger Bildschirmzeit verbunden. „Es muss eine Kompetenz dabei erworben werden, die gebraucht und auf andere Art schwer zu erzielen ist“, sagt Lübben. Das gelte etwa für einen Podcast oder einen Erklärfilm. Kritisch im Blick haben will sie auch, ob die Personifikation des Roboters im schlimmsten Fall zu KI-Gläubigkeit statt zu kritischem Umgang führt und Gespräche womöglich inhaltlich und sprachlich verflachen. Die beteiligten Lehrer sind alle von der aim im Erzählen fortgebildet worden und setzen den Erzählroboter zumeist erst in der dritten und vierten Klasse ein, wenn die Grundlagen im Lesen, Schreiben, Rechnen hoffentlich gefestigt sind. An der Vorstudie mit dem Erzählroboter sind insgesamt acht Grundschulen an unterschiedlichen Standorten in Baden-Württemberg beteiligt, die Hauptstudie mit Unterrichtsbeobachtung und Datenerhebung soll im Schuljahr 2027/28 beginnen, die Auswertung im Schuljahr 2028/29 vorliegen. Im Oktober soll der Roboter mit einer neuen Software versehen werden, die den Spracherwerb noch gezielter fördern soll. Lübben kommt es bei dem Projekt darauf an, zu einem besseren sprachadaptiven Unterricht zu kommen. Häufig seien sprachlich nicht korrekte Schüleräußerungen im Unterricht vor der Klasse abgewertet oder übergangen worden, berichtet Lübben. Sie erhofft sich von der Fortbildung der Lehrer zum Geschichtenerzähler und dem Einsatz des Roboters positive Effekte für den individualisierten Sprachunterricht. Die Schüler sollten mehr miteinander sprechen, der Lehrer mehr Zeit für einzelne Schüler und deren Förderung haben. Eine Chance und eine Verpflichtung Sollte der Einsatz des Roboters dagegen zu Denkfaulheit führen und Schüler sich das Hirntraining und Selbstdenken aus Bequemlichkeit ersparen, müsse der Roboter entweder verbessert oder sein Einsatz beendet werden. Bis dahin wird Lübben den Einsatz videographieren und die Interaktionen zwischen dem Roboter und den Kindern beobachten und die Erzählpraxis analysieren. „Wenn Kinder im Laufe dieses Projekts lernen, KI-Kompetenzen zu entwickeln, die das kritische Denken fördern und die sie wirklich gut anwenden können, wäre viel gewonnen“, sagt sie. Die aim arbeitet bewusst mit Experten aus anderen Fachrichtungen, um die Entwicklung nicht allein den Informatikern zu überlassen. Geschäftsführer Marco Haaf, der mehrere Schulen in Baden-Württemberg geleitet hat, lobt die kurzen Entscheidungswege und die Großzügigkeit des Stifters Dieter Schwarz, der sich bewusst im Hintergrund hält und öffentliche Auftritte meidet. „Heilbronn wird gerade zum wichtigsten KI-Standort Europas – dank der Dieter Schwarz Stiftung. Das ist eine Chance und eine Verpflichtung: Ein Ökosystem, in dem Hochschulen und Unternehmen mit KI arbeiten, die Grundschule um die Ecke davon aber nichts mitbekommt, hätte sein Ziel verfehlt“, sagt er. Deshalb entwickle die aim evidenzbasierte Bildungsangebote für die Praxis. Auf diese Weise sollten Schüler und Lehrer auf eine Welt vorbereitet werden, aus der KI nicht mehr wegzudenken sei. „Für uns ist es dabei wichtig, dass junge Menschen und pädagogische Fachkräfte souverän entscheiden können, wann sie KI einsetzen und wann nicht“, sagt Haaf. Allerdings könne die aim das nicht allein leisten. Auf dem Bildungscampus der Dieter Schwarz Stiftung arbeiteten Bildung, Forschung und Unternehmen eng zusammen. Mit dem Innovationspark Künstliche Intelligenz (IPAI) werde dieses Umfeld weiterwachsen. Der Weg von der Entwicklung eines KI-Tools bis zum wissenschaftlichen Erproben im Klassenzimmer ist kurz. „Deshalb können wir auf souveräne KI-Anwendungen aus Heilbronn setzen, unabhängig von den großen US-Unternehmen“, ist Haaf überzeugt. Die ehtische Prämisse Aber die aim setzt nicht nur auf digitale Medien, sondern fördert auch die gedruckten Erzeugnisse. Medien im Kindergarten (Ziki), Medien in der Grundschule (Zig) und Medien in der Schule (Zisch) (abgeleitet von Zeitung). Es gibt auch eine Kooperation mit der örtlichen Zeitung, der „Heilbronner Stimme“. Klassen bekommen täglich eine Zeitungsausgabe, einmalig Besuch von Zeitungsredakteuren, dürfen das Druckhaus besuchen oder nehmen an einer Kinderpressekonferenz teil.  „Wir machen hier nur, was tatsächlich Wirkung hat“, sagt Kai Erik Trost, der an der aim Akademie seit September vergangenen Jahres ein Kompetenzcenter für KI und Bildung aufbaut. Ursprünglich kam er über eine kaufmännische Ausbildung in die Informatik, dann über das Consulting in die Medienwissenschaft und in die philosophische Ethik. „KI ist eine Kulturtechnik, die dem Menschen dienen soll“, sagt Trost. Diese ethische Prämisse müsse jeder Technologie zugrunde liegen. Es gibt Junior- und Sommerakademien für Kinder und Jugendliche mit besonderer Begabung, aber auch mit besonderem Unterstützungsbedarf, Programmier- und Codingkurse, Fortbildungen für Fachkräfte in der frühkindlichen Bildung, viele örtliche Aktivitäten wie die Realschultage oder die Vorstadt- und Nordstadt-Kids in Heilbronn, die sich vor allem an gefährdete Kinder und Jugendliche richten, die nicht auf den Bildungscampus kommen wollen oder können. Auf dem Campus selbst gibt es Kurse zu MINT-Themen und zum Gaming, das viel Potential für Demokratiebildung und Demokratieförderung habe. Hierfür kooperiert die aim mit der Bertelsmann Stiftung und der Stiftung Digitale Spielekultur sowie mit der Bundeszentrale für politische Bildung. Studienmöglichkeiten finden sich an der Hochschule Heilbronn, der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, der TU München und der ETH Zürich, die vor zwei Wochen die Erweiterung um 15 neue Professuren in den kommenden Jahren gefeiert hat. Sie sollen Grundlagenforschung zum maschinellen Lernen und zur Daten- und Infrastruktursicherheit betreiben und entsprechend anwendungsorientiert danach fragen, wie KI helfen kann, komplexe Probleme zu lösen – etwa in der Bildung, Planung von Architektur und Infrastruktur, aber auch in den Lebenswissenschaften (Biologie und Medizin) und beim Umweltschutz. Skalierbarkeit noch offen Am meisten Geld steckt die aim in die Sprachförderung. Sie bezahlt 240 Sprachförderkräfte, die in ganz Baden-Württemberg unterwegs sind und an Schulen Sprache fördern. Auf ihre Aufgabe vorbereitet werden sie auf dem Campus. Die Sprachwissenschaftlerin Wintai Tsehaye möchte am Kompetenzcenter KI in der Bildung einen Sprachtransformer entwickeln, der Äußerungen von Menschen mit einer spastischen Dysarthrie, die sich nur stoßweise und undeutlich artikulieren können, oder anderen Artikulationsproblemen in eine verständliche Form bringt. In Deutschland lebten Hunderttausende von Menschen mit Sprachbeeinträchtigungen. Sie reichten vom Stottern bis zu neurologischen Störungen, die teilweise vor der Geburt durch einen Mangel an Sauerstoff im Mutterleib oder durch Krankheiten entstehen. „Da wir zunehmend in einer Voice-First-Welt leben, in der wir uns mit Alexa und Siri unterhalten, sind diese Personengruppen automatisch ausgegrenzt, weil sie schlicht nicht verstanden werden“, sagt Tsehaye. Häufig würden diese Personengruppen außerdem mit kognitiven Einschränkungen in Verbindung gebracht. Durch die Kooperation mit der Schwarz-IT werden die Daten ausschließlich auf deutschen Servern verarbeitet. Wer sich an der Entwicklung des Projekts beteiligt, kann also ziemlich sicher sein, dass seine Daten nicht in falsche Hände gelangen. Ob der Sprachtransformer am Ende skalierbar ist und etwa Krankenkassen oder anderen Institutionen zur Verfügung gestellt werden kann, ist derzeit noch offen. Noch ist die Datenerhebung in vollem Gange, die von den Beteiligten einfach am Bildschirm geleistet werden kann. Ob es am Ende die individualisierte KI-Lösung gibt, die Kommunikation und Teilhabe trotz Sprachbarrieren ermöglicht, bleibt abzuwarten. Gelänge es, entspräche das ganz dem Motto der aim, dass alle Kinder und Jugendlichen, aber auch Erwachsene ihre Chancen nutzen können.