FAZ 05.06.2026
13:22 Uhr

Bodo Busse: Was lesen Sie?


Jede Woche fragen wir Menschen aus dem Kulturbetrieb, was sie lesen und welches Buch in ihrem Schrank sie ganz bestimmt nicht lesen werden. Diesmal antwortet der Intendant der Staatsoper Hannover Bodo Busse.

Bodo Busse: Was lesen Sie?

Was lesen Sie? Momentan „Resonanz“ von Hartmut Rosa. Das interessiert mich sehr, weil ich finde, dass dieser soziologische Ansatz der Resonanz uns auch in der Arbeit am Theater weiterbringt. Denn wir brauchen Resonanz mit dem Publikum, aber auch mit den Künstlerinnen und Künstlern, die wir engagieren, und intern ins Haus. Also arbeite ich mich da gerade tapfer seit vielen Monaten durch. Mit Hartmut Rosa beschäftige ich mich schon länger. Ich habe auch sein Beschleunigungsbuch gelesen und gestern einen Podcast gehört, in dem es um das allgemeine Lebensgefühl in der Gesellschaft ging. Zum Beispiel, warum wir uns immer mehr zurückziehen. Oder, weil ich gerade ein paar Tage in Berlin war: Weshalb liegt dort eigentlich so viel Müll auf der Straße? Wieso vermüllen wir unsere Städte so? Das hat auch mit unseren Rückzugstendenzen zu tun. Jeder Einzelne zieht sich in digitale Welten zurück. Wir müssen uns wieder mehr in den Austausch mit der Welt begeben. Und dafür sind das Theater und noch mehr die Oper sehr gut, weil sie mit viel Empathie und Emotionen arbeiten. Und auch Ambivalenzen zulassen und brauchen, diese Schwingungsverhältnisse, die den Resonanzbegriff prägen. Die Oper lebt davon. Ja, und belletristisch lese ich gerade den Roman „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ von Joachim Meyerhoff. Da gibt es sehr viel Humorvolles auch über das Theater zu lesen. Welches Buch haben Sie in Ihrem Bücherschrank, das Sie bestimmt nie lesen werden? Darf ich kurz an den Bücherschrank gehen? … Natürlich! Dieses hier habe ich mir schon immer vorgenommen, aber ich glaube, ich werde es niemals schaffen: „Perrudja“ von Hans Henny Jahnn. „Fluss ohne Ufer“ habe ich damals geschafft, aber dieses werde ich wahrscheinlich nie lesen, obwohl es so schön gebunden ist. Insgesamt 780 Seiten, und allein der erste Einstieg ist schon wahnsinnig schwierig. Es ist eine harte, kantige, wirklich abweisende Sprache. Schon die ersten Sätze machen es schwer, das Buch weiterzulesen. Welche ist Ihre Lieblingsbuchhandlung? Leuenhagen & Paris in Hannover. Da war ich gerade neulich bei einer Lesung einer befreundeten Soziologin, die aus ihrem Buch über Altersbilder las. Das ist eine Buchhandlung, die eben nicht nur das gängige Programm hat, sondern auch den Mut besitzt, eine Lesungsreihe zu veranstalten, bei der vielleicht mal nur zehn Leute kommen, und wo man nebenher einen Kaffee trinken kann und auf den Bücherstapeln nicht das Übliche liegt wie bei den großen kommerziellen Buchhandlungen. Und wo man noch mit Namen begrüßt wird! Mit dem Namen des Intendanten hat das neue Bus-Abo der Staatsoper Hannover zwar nichts zu tun. Trotzdem ist es eine typische Idee von Bodo Busse: feste Routen aus dem Umland zum Opernhaus und zurück, um innerstädtische Hochkultur auch für außerstädtisches Publikum leichter zugänglich zu machen. Kulturelle Teilhabe war für den erfahrenen Musiktheatermacher Busse bereits als Verantwortlicher in Coburg und im Saarland ein zentrales Anliegen. Seit der laufenden Spielzeit ist er Intendant der Staatsoper Hannover. In der Sonntagszeitung vom 7. Juni finden sich zusätzlich die Antworten von Bodo Busse auf die Fragen: Was sehen Sie? Was hören Sie? Und: Wann haben Sie zuletzt Ihre Meinung geändert.