Die Sommer werden heißer, trockener und sonniger, aber vor Ozon wird heute kaum noch gewarnt. Der Grund ist bessere Luft. Der Alarmwert von 240 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft, der in den Neunzigerjahren oft überschritten wurde, wird heute kaum noch erreicht, die Informationsschwelle von 180 Mikrogramm seltener als früher. Weg ist das gesundheitsgefährdende Reizgas aber keineswegs. Im Gegenteil: Die Spitzenwerte sind zwar Geschichte, aber die Jahresmittelwerte steigen an. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt weniger als 100 Mikrogramm, damit die menschliche Gesundheit nicht leidet. Die Ozonwerte sind aber höher – in der Stadt wie auf dem Land. So auch in diesem heißen, trockenen und sonnigen Sommer. Wer jetzt aufmerksam durch die Natur spaziert, erkennt vor allem im Süden und Westen die Folgen des unsichtbaren Reizgases. Blätter haben olivgrüne oder braune Pünktchen zwischen den Blattnerven, die zu Flecken zusammenwachsen. Im fortgeschrittenen Stadium sind ganze Blätter gerötet oder bronzeartig verfärbt. Besonders auffällig bei Ozonschäden: Blätter, die im Schatten anderer wachsen, zeigen keine Schadsymptome. Die Ozonschäden sind daher häufig schon von Weitem an der Triebspitze im äußersten Kronenbereich sichtbar, besonders betroffen ist die Rotbuche, das Sorgenkind der Laubbaumarten nördlich der Alpen. Sie reagiert empfindlich auf Ozon, zudem ist sie wegen der vergangenen Dürrejahre geschwächt. Ähnlich geht es Salweide und Hainbuche. Dabei gibt der Wald ohnehin ein trauriges Bild ab. Viele Bäume sind bereits braun verfärbt oder kahl wie im November. Wegen Hitze und Dürre leiden sie unter Trockenstress und werfen als Notfallmaßnahme ihre Blätter ab. Oftmals sind Blätter direkt verbrannt und abgestorben, ganze Kronen sind licht. Zudem macht die Dürre anfällig für Schädlinge und Krankheiten. Hohe Ozonwerte gibt es auch in Südeuropa, aber Ozonschäden sind weniger verbreitet als in Mitteleuropa. Denn bei großer Hitze schließen die Bäume ihre Spaltöffnungen und nehmen weniger Ozon auf. Diesen Schutzmechanismus wenden die Arten seltener an, wo es kühler ist, deshalb sind Ozonschäden in Mitteleuropa häufiger. Bodennahes Ozon entsteht aus Vorläuferstoffen, die überwiegend der Mensch verursacht. Dazu gehören Stickoxide, flüchtige organische Verbindungen und Methan. Hauptquellen sind der Straßenverkehr, Landwirtschaft, Lacke und Lösungsmittel. Die anthropogenen Emissionen sind in den letzten Jahrzehnten gesunken, daher gehen die Ozonwerte generell zurück. Doch mit dem Rückgang der Abgaswerte ist auch der Ausstoß von Stickstoffmonoxid gesunken. Die Verbindung baut Ozon wieder ab. Daher steigen die Jahresmittelwerte vor allem auf dem Land an, weil dort der Verkehr dünner ist als in der Stadt. Auf einen weiteren flüchtigen organischen Stoff weisen aktuell Forscher aus Innsbruck und Guangzhou in der Fachzeitschrift „Science Advances“ hin: Isopren. Den Stoff sondern Laub- und Nadelbäume ab. Im Vergleich zu anthropogenen Quellen ist sein Anteil zwar gering, aber bei Hitze ist der biogene Stoff reaktiver, zeigen die Forscher. Besonders viel Isopren emittieren Trauerweiden, Platanen, Stieleichen und Pappeln. Sie verschlechtern die Luft in der Stadt, indem sie bodennahes Ozon entstehen lassen. Als Aufruf zu weniger Stadtgrün wollen die Forscher ihre Erkenntnisse nicht verstanden wissen, eher als Hinweis, in der Stadt künftig weniger auf solche Bäume zu setzen. Am Ende muss man aber froh sein, wenn die Bäume den Sommer in den überhitzten, dreckigen Städten irgendwie überleben. Ozon hin oder her.
