FAZ 06.10.2026
10:22 Uhr

Buchmesse mit Wallraff: Ich musste hier weg – und kam mit den Obdachlosen vom Bahnhof zurück


Als mein Verlag im Oktober 1973 im Hessischen Hof zur Buchmesse einen Empfang für mich ausrichtete, war dort niemand so fehl am Platz wie ich selbst. Also verließ ich die Party, kam aber zurück. Und zwar nicht allein.

Buchmesse mit Wallraff: Ich musste hier weg – und kam mit den Obdachlosen vom Bahnhof zurück

Es gibt Situationen im Leben, da lernst du einen Menschen in einem Augenblick besser kennen als in jahrelangem Gedankenaustausch oder in noch so vertraulichen und übereinstimmenden Gesprächen. So ein erkennendes Moment ergab sich in doppelter Hinsicht Mitte Oktober 1973 anlässlich eines Verlagsempfangs im Nobelhotel Hessischer Hof in Frankfurt. „Ihr da oben – wir da unten“ war soeben erschienen und in kürzester Zeit – für mich überraschend – zum Bestseller geworden. So war es unvermeidlich, mich damit auch auf der Frankfurter Buchmesse präsentieren zu müssen. Das kostet mich immer einiges an Überwindung. Denn als Autor in der Koje des Verlags hockend, bist du in der klassischen „Kof-mich-Situation“ der Prostituierten. Noch unbefriedigender empfinde ich es, im Gewühl des Messetrubels ständig Menschen zu begegnen, die du lange nicht gesehen hast und mit denen du dich gerne unterhalten möchtest, aber schon fasst dich der Nächste am Arm. Das ist übrigens mit ein Grund, warum ich Partys meide, stattdessen Gelegenheiten schaffe, im kleinen Kreis zu feiern. Jedenfalls auf dem Verlagsempfang im Hessischen Hof fühlte ich mich total fehl am Platz. Es war das Feinste aufgetischt, auf silbernen Tabletts und von allem zu viel. Ich hatte auch den Eindruck, dass die Mehrheit der geladenen Gäste eher übersättigt war. Ich war in Begleitung einer Freundin, die, so hatte sie mir gestanden, solche Empfänge geradezu genoss, Shakehands hier, Küsschen dort, um so Menschen kennenzulernen, die ihr beruflich von Nutzen sein konnten. Mich überkommt zu solchen Anlässen oft eine depressive Stimmung. Entweder trinke ich dann zu viel oder versuche mich anderweitig zu entziehen. So habe ich einmal ein Gartenfest des Verlages Jahre später unbeschadet überstanden, indem ich von Anfang an unbemerkt den höchsten Baum erklomm, um von oben herab als stiller Beobachter dabei zu sein. „Ich hau hier ab“, flüstere ich meiner Freundin im Hessischen Hof zu, als Reinhold Neven Du Mont, der Verleger von Kiepenheuer & Witsch, zu einer kurzen Begrüßungsrede ansetzte. „Amüsier dich gut.“ Der livrierte Portier riss mir die schwere Glastür auf. Ich gab ihm einen Zehn-Mark-Schein als Trinkgeld und bedankte mich mit Handschlag völlig unpassend von Kollege zu Kollege. (Es war schließlich gerade drei Monate her, dass ich als Portier und Bote den Gerling-Konzern heimgesucht und verunsichert hatte.) Mir fiel ein, dass ich Kohldampf hatte Ich war erst mal froh, es geschafft zu haben, unbemerkt ins Freie zu gelangen. Ziellos schlenderte ich durch die Stadt und steuerte – wie es mir in fremden Städten oft passiert – automatisch den Bahnhof an. Dort streckte mir eine abgerissene Gestalt – ein hagerer etwa 70-Jähriger – die Hand entgegen und fragte eher schüchtern, ob ich ihm eine Mark geben könne, er habe den ganzen Tag noch nichts gegessen. Ich wollte ihm schon das Geldstück in die Hand drücken, als mir einfiel, dass ich selber Kohldampf hatte, da ich auf dem Empfang nichts angerührt hatte. So kam ich auf die Idee, ihn zum Essen ins Bahnhofsrestaurant einzuladen, es reizte mich auch, sein Schicksal zu erfahren. Sofort ging er auf meine Einladung ein, daraus schloss ich, dass es nicht der übliche Alkoholikertrick war, Hunger nur vorzutäuschen. „Gestatten Sie mir, zuvor noch einem Bekannten Bescheid zu geben, der im Rot-Kreuz-Wartesaal sitzt, der auch seine Wohnung verloren hat und mit dem ich meine Einnahmen teile. Er würde eher verrecken, als zu betteln.“ Um es abzukürzen: In dem Wartesaal saß über ein Dutzend Menschen, die von Not gezeichnet waren, eine etwa 30-jährige Hochschwangere dabei und ein Einbeiniger mit Krücken. Da kam mir die Idee ganz spontan: Ich lud sie alle ein, mit zu dem Empfang zu kommen, erzählte von meiner Arbeit in Fabriken, dass ich auch schon in Obdachlosenheimen gelebt hätte und aus Anlass des großen Bucherfolges nun dieses Fest stattfinde. Es verlangte einiges an Suggestivkraft, sie von der Ernsthaftigkeit meiner Einladung zu überzeugen, denn ich war für sie ein Unbekannter. Mit der Straßenbahn erreichten wir schließlich den Hessischen Hof, das damals und wohl heute noch exklusivste Hotel der Messestadt. Und wir hielten Einzug. Ich muss zugeben, es kostete mich einiges an Selbstüberwindung, an der Spitze der Bettler und Obdachlosen das Nobelhotel zu betreten. Einige trugen ihr Hab und Gut in Plastiktüten und Kartons mit sich. Der Portier, vor Schreck erstarrt, stellte sich uns entgegen und verwehrte den Eintritt. Erst, als ich mich zu erkennen gab und ihn mit fest entschlossener Stimme und weichen Knien anherrschte: „Wir werden erwartet, das sind alles geladene Gäste!“, wich er zur Seite, und ich habe das Bild heute noch – nach über 50 Jahren – wie in einem Film zeitlupenhaft präsent, wie wir auf dicken Teppichen gemessenen Schrittes schweigend Einzug hielten. Hotelgäste im Foyer wichen erschrocken zur Seite. Im Festsaal angelangt, starrte mich meine zurückgelassene Begleiterin fassungslos an. Sie plauderte gerade angeregt mit einem sehr einflussreichen Zeitungsverleger. Der warf mir einen wütenden Blick zu und verließ fluchtartig den Saal. Meine Freundin machte mir anschließend eine Szene, da sie „die Aktion total unmöglich fand“, sodass es mir nicht allzu schwerfiel, mich augenblicklich von ihr zu trennen. Nachtmahl der Bettler Einigen merkte ich an, dass sie unser Erscheinen auch als störend bis provokant empfanden, sie beherrschten sich aber und versuchten, sich nichts anmerken zu lassen. Ganz anders die Reaktion des Gastgebers, meines Verlegers. Reinhold Neven Du Mont erkannte die Angemessenheit und Symbolik sofort, ging spontan und mit der ihm eigenen Herzlichkeit auf uns zu und hieß uns willkommen. Da war nichts an Verkrampfung und Verstellung, und so wurde das Fest umfunktioniert zum Abend und Nachtmahl der Bettler. Anschließend mieteten wir einen Saal bei einem in der Nähe liegenden italienischen Restaurant und feierten mit unseren Überraschungsgästen im Mittelpunkt bis tief in die Nacht. Danach besorgten wir ihnen Hotelzimmer und gaben ihnen noch Geld für die nächsten Tage. Die Zeche teilte ich mit meinem Verleger. Günter Wallraff lebt und arbeitet in Köln. Besonderes Aufsehen erregte er 1977 mit seinen verdeckten Recherchen innerhalb der Redaktion der „Bild“-Zeitung („Der Aufmacher“). Mit über fünf Millionen Exemplaren der deutschsprachigen Ausgabe und 38 Übersetzungen war „Ganz unten“ (1985), die Reportage über den menschenverachtenden Handel mit Leiharbeitern, das erfolgreichste Sachbuch der Nachkriegszeit.