Vom Stadion in Foxborough in den USA bis zur Johan-Cruyff-Arena in Amsterdam beträgt die Luftlinie fast 5900 Kilometer. Seit dem Ausscheiden der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft im Sechzehntelfinale gegen Paraguay in dem Stadion südlich von Boston am 29. Juni sind an diesem Donnerstag 87 Tage vergangen. Es war einmal eine große Fußballnation, hieß es nach dem Elfmeterverschießen von Foxborough. Es war einmal eine kleine Fußballnation – das scheint nun eine stimmigere Zeile, wenn die Deutschen an diesem Abend (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Nations League und bei RTL) nach dem dritten WM-Debakel in Serie in den Niederlanden wieder ein Länderspiel bestreiten. Das liegt aber eher weniger daran, dass der neue Bundestrainer für die vier anstehenden Nations-League-Spiele gleich zwei Kader mit 44 Spielern nominiert hat. Der Ansatz: „Wir haben geguckt, was wir haben“ Es liegt eher daran, dass es einen neuen Bundestrainer gibt – und dieser Jürgen Klopp heißt. Allein der Name weckt Erwartungen. Erstmals wagt Deutschland den Neuanfang nach einem WM-Debakel mit neuem Trainer. Ohne gespielt zu haben, erscheint die Brust breiter, als zu vermuten gewesen wäre. Die Schwere der längsten WM, die für Deutschland unter Vorgänger Julian Nagelsmann zu kurz dauerte, erscheint weiter weg als Foxborough von Amsterdam und noch länger her als der 29. Juni vom 24. September. In dieser Zeit, seit er Bundestrainer ist, hat Klopp selbst die Zeit vergessen. Am 24. Juli wurde er am Campus des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) vorgestellt, vergangene Woche stellte er seine Spieler vor und stutzte: „Tatsächlich hätte ich nicht gedacht, dass es zwei Monate waren“, sagte Klopp, der in diese Zeit „ganz viel reingepackt“ hat: Besuche bei Bundesligaklubs, -trainern, -spielern und -spielen, zahlreiche Gespräche, eine Rede vor vielen DFB-Mitarbeitern sowie eine mehrtägige Klausurtagung. Dort, in Thüringen, ging es für ihn und sein Trainerteam um nicht weniger als den Plan für den Wiederaufbau der Nationalmannschaft. „Wir haben nach allem, was sich angefühlt hat, als wäre es nicht so toll, einen anderen Ansatz gewählt“, sagte Klopp. „Wir haben nicht geguckt, was wir nicht haben, wir haben geguckt, was wir haben.“ Auf Klopps Habenseite stehen nun „ganz viele Fußballtalente“: 16 ursprünglich Nominierte – der Leipziger Brajan Gruda muss verletzt passen – haben kein Länderspiel absolviert, elf davon waren bisher nie im Kader der Nationalmannschaft. Klopps Vorgehen kommt an in Zeiten, in denen oft lieber ein gegenteiliger Ansatz gewählt wird. Fußball-Deutschland ist neugierig auf den neuen Bundestrainer, gespannt auf die neue Nationalmannschaft, interessiert an den neuen Spielern, hoffnungsvoll in Bezug auf eine neue Spielweise. So wird das erste Spiel auch ein Spiel mit den Erwartungen, mit öffentlichen Erwartungen, ähnlich groß wie das Spielerreservoir, das Klopp entdeckt hat. Auch Klopp hat Erwartungen: „Lektion eins für unsere gemeinsame Zukunft: Wir lernen, Spaß unter Druck zu haben.“ Er möchte den Spaßfaktor jedoch nicht nur bei den Spielern erhöhen, sondern auch beim Publikum. Fußball ohne Spaß sei ein sehr unangenehmer Sport, den „brauchen wir nicht spielen, brauchen wir nicht gucken“. Der grundlegende Auftrag lautet also: „Spaß finden an der ganzen Nummer“. Und das am besten ganz schnell. Das Tempo, das Klopp seit Beginn als Bundestrainer an den Tag legte, sollen die Spieler an vier Abenden in den nächsten elf Tagen zeigen. „Wir werden alles versuchen, um eine neue Herangehensweise sichtbar zu machen. Das kann ich versprechen. So schnell wie möglich. Ich erwarte sofort mehr.“ Denn: „Mehr geht immer.“ Sollte eine „wilde“ Spielweise zu Chaos führen, würde Klopp das hinnehmen. „Aber lebendig muss es sein.“ Bei den Spielern ist das offenbar schon angekommen. Der Frankfurter Stürmer Younes Ebnoutalib, einer der Neulinge, sagte am Dienstag, auf Nachfrage, was Klopp erwarte: „Einfach, dass wir mit Stolz die deutsche Nationalmannschaft repräsentieren, Gas geben, auch wenn es mal nicht läuft, trotzdem hundert Prozent dabei sein, alles reinhauen.“ Das Spiel seiner Mannschaft denkt Klopp von der Defensive aus. Er setzt auf eine Viererkette in letzter Linie, sie soll Stabilität vermitteln. Klopp nennt die Abwehr das „Fangnetz“. Wenn eine Mannschaft nur offensiv denke, „wird dich die Defensive immer killen“. Beginnend bei Marc-André ter Stegen im Tor soll sich eine „stabile Achse“ bilden. „Und dann kann man außen herum auch ein bisschen spinnen und verrückt sein und ganz viel Jugend dazumischen.“ Für diese Stabilität bilden neun WM-Spieler den Kern des Kaders für die ersten beiden von vier Spielen. Alles neu macht der September? Noch nicht. In Amsterdam wird wohl eher eine „Mannschaft, die eingespielt ist, in der sich Spieler kennen“, beginnen. Mehr Erwartungen hat Klopp fürs Erste nicht. Die Renovierung ist kein Kurzzeitprojekt für den Bundestrainer, der einen Vertrag bis nach der WM 2030 unterschrieben hat. Er kennt die Aufbauarbeit aus seinen drei Vereinen. In Mainz, in Dortmund und in Liverpool waren kleinere Erfolge auch schon zeitig sichtbar, die großen benötigten ihre Zeit, oft Jahre. Zeit, die er auch ob der Erwartungen nun kaum hat, sich aber trotzdem nimmt. Jürgen Klopp: „Das ist der erste Schritt, nicht der letzte“ In seiner Vorstellungsrunde in Frankfurt im Juli bezeichnete Klopp die Erwartungshaltung in Deutschland als „Wahnsinn“. Er bezog das nicht direkt auf die Nationalmannschaft, sondern er weitete den Blick in den Alltag. Niemandem und nichts werde heute mehr Zeit gegeben – außer sich selbst, sagte Klopp. „Wir müssen uns alle klarmachen, dass wir manchmal ein bisschen Zeit brauchen.“ Der kluge Bundestrainer baut nicht nur neu auf, er baut auch vor. „Wenn irgendjemand so dämlich ist und glaubt, dass wir mit eineinhalb Trainingseinheiten die Fußballwelt auf den Kopf stellen, dem kann ich nicht helfen“, sagte Klopp. Im Spiel mit den Erwartungen steckt auch ein Spiel mit der Zeit. Durch den großen Fußballfeldversuch mit allerhand Probanden hat sich Klopp geschickterweise etwas Zeit erkauft, erst mal für vier Spiele. Klopp skizzierte auch die Alternative zu seiner mutigen Variante bei den Nominierungen: „Ich hätte jetzt einen Kader machen können, bei dem jeder gesagt hätte: Das sind die besten deutschen Spieler.“ Die Älteren wären für die WM 2030 aber vielleicht kein Thema mehr gewesen. „Dann muss man noch mal neu anfangen.“ Daher habe er sich entschieden, am „Kader der Zukunft“ zu basteln. „Das ist der erste Schritt, nicht der letzte.“ Selbst wenn der erste Schritt nun nur ein kleiner Erfolg wäre, könnte der letzte Schritt ein großer Erfolg sein. „Erfolg ist Leistung in Relation zur Erwartungshaltung“, definierte er in seiner Antrittsrede Ende Juli. „Wir brauchen eine realistische Erwartungshaltung.“ Klopp selbst hat seither dennoch einiges dafür getan, dass die Erwartungen hoch sind. Höher jedenfalls, als am 29. Juni in Foxborough zu erwarten war.
