FAZ 03.10.2026
14:46 Uhr

Caryl Lewis' Jugendroman: Dystopie aus einer nur wenig entfernten Zukunft


In „Wenn die Bienen schweigen“ entwirft Caryl Lewis eine Welt, in der die Kontrolle und Überwachung von jungen Mädchen und Frauen alltäglich ist. Und sie zeigt Wege auf, diese Welt zu verändern.

Caryl Lewis' Jugendroman: Dystopie aus einer nur wenig entfernten Zukunft

Abgeschnittene Haare, die zu Pinseln gebunden werden, um damit die Blüten von Apfelbäumen auf gewaltigen Plantagen zu bestäuben. Camps, durch Stacheldraht und Mauern gesichert, in denen Hunderte halbwüchsiger Mädchen, alle in die gleichen grauen Kittel gekleidet, für ein paar Jahre zusammengepfercht werden, um diesen Frondienst abzuleisten, ehe sie, herangewachsen zu jungen Frauen, zwangsverheiratet werden, um den Nachwuchs zu sichern. Heuchelei und Unterdrückung, Rivalität und Solidarität der Mädchen untereinander als Alltag; eine Welt jenseits der Mauer, die seit Jahrzehnten von Militärs, Dürre und Gewalt beherrscht wird – das sind die Zutaten, die Caryl Lewis zu ihrem Jugendroman „Wenn die Bienen schweigen“ gemischt hat. Das Buch sei ein Protest, schreibt die walisische Schriftstellerin, die sowohl für junge wie für erwachsene Leserinnen und Leser arbeitet und schon einige Auszeichnungen gesammelt hat. Sie sei Imkerin und daher mit dem Thema Bienensterben und mit dessen katastrophalen ökologischen und mutmaßlichen gesellschaftspolitischen Folgen vertraut; sie sei aber auch Mutter einer phantasievollen Tochter, der sie eine lebenswertere Zukunft wünsche, weshalb sie ihrem dystopischen Entwurf auch die Idee von Widerstand und eine Vorstellung von der aufrüttelnden Kraft der Kunst mitgegeben habe. Gibt es einen Rückzugsort, irgendwo im Norden? Kein geringes Programm also, das dem Roman zugrunde liegt, der im Original „The Danger of Small Things“ heißt, was den vielen Facetten der Geschichte womöglich noch ein wenig gerechter wird als der Titel der deutschsprachigen Übersetzung von Anu Stohner. Denn die Bienen sind in Lewis’ fiktiver Welt schon Jahrzehnte vor dem Einsetzen der Handlung ausgestorben, die entscheidenden kleinen Dinge sind einige Tuben mit Ölfarbe, ein paar unterschlagene Pinsel und die Impulse der Erzählerin Jess, sich einem System zu widersetzen, das sie und ihre Familie auseinandergerissen hat. Von ihrer Mutter hat sie eine rebellische Grundhaltung geerbt, sie kann sich mit dem auferlegten Zwang nicht abfinden und versucht, sich selbst und ihren jungen Leidensgenossinnen die Hoffnung auf Freiheit zu erhalten: anderswo, vielleicht „im Norden“, wo die Natur noch nicht so geschädigt sein soll, wo ihre Mutter und einige Gleichgesinnte wahrscheinlich schon einen Rückzugsort gefunden haben. „Wenn die Bienen schweigen“ greift vieles auf, was als Zutat moderner Dystopien gerne genutzt wird, und Caryl Lewis macht daraus auch kein Geheimnis. Die Strukturen der in groben Zügen entworfenen autoritär-patriarchalischen Welt, die Gepflogenheiten der Herrschenden und die Mittel der Manipulation und Unterwerfung erinnern in grundlegenden Details an Margaret Atwoods „Report der Magd“, nur eben heruntergebrochen und schlichter ausgestaltet mit Blick auf ein jugendliches Lesepublikum. Die Hoffnungen von Jess hingegen nähren sich von den Erzählungen einer ehemaligen alten Nachbarin oder von Erinnerungen an Klassiker der Märchen- und Kinderliteratur, seien es die „Chroniken von Narnia“ von C. S. Lewis, „Der geheime Garten“ von F. H. Burnett oder auch „Der kleine Prinz“ von A. de Saint-Exupéry. So bietet der Roman einerseits viele Anknüpfungspunkte für Exerzitien in Sachen „intertextuelle Bezüge“, aber genauso viele Zugänge für anrührendes, schmökerndes Lesen, denn die Stärke des Buches liegt in der einfühlsamen Ausgestaltung der Höhen und Tiefen des Neben- und Gegeneinanders der vielen ungefähr gleich alten Mädchen, die in großen Schlafsälen und ohne Privatsphäre miteinander und mit sich selbst auskommen müssen. Jess, die Erzählerin, hat von Beginn an eine Rolle als Außenseiterin und wird vom Wachpersonal als Tochter einer schlecht beleumundeten Mutter mit Misstrauen betrachtet. Die Freundinnen, die sie nach und nach findet, haben ebenfalls eine prekäre Stellung im sozialen Gefüge des Camps; und prekär ist immer auch, wie sicher sie sich ihrer gegenseitigen Loyalität sein können, wenn es um gemeinsame Aktionen, um Verrat und den Druck durch die permanente Überwachung geht. Loyalität, Verrat und ständige Überwachung Dieses Gefühl andauernder Bedrohung und ständiger Verunsicherung gestaltet Caryl Lewis äußerst eindrucksvoll, steigert die Darstellung eines Klimas, das anfangs vielleicht noch an einschlägige Schulhof-Zickenkriege erinnert, schnell ins Ausweglose, wenn Jess, die irgendwann die umgebende Mauer als Leinwand für aufrüttelnde Graffitis nutzt, feststellen muss, dass der Funke, der im Camp davon ausgeht, immer wieder schnell erlischt, dass der Herrschaftsapparat, dem die Mädchen ausgesetzt sind, immer wieder stärker als ihr aufflackernder Protest zu sein scheint. Sehr viel skizzenhafter sind Caryl Lewis demgegenüber die Schilderungen all dessen geraten, was diesen geschlossenen Kosmos außerhalb der Mauern umgibt. Wie die Welt beschaffen ist, die diese Camps hervorgebracht hat und am Laufen hält, wird kaum mehr als angedeutet, die Porträts der Wärterinnen, der sogenannten Mütter, oder des Leiters des Camps, der „Vater Renatus“ genannt wird, bleiben schemenhaft, erfüllen nur ein bekanntes Rollenmuster beim Entwurf einer Welt, in welcher der lange zurückliegende Tod der Bienen unaufhaltsam auch die Unterdrückung von Frauen und Mädchen nach sich gezogen hat. Das nämlich ist die aktivistische Ausgangshypothese von Caryl Lewis’ Buch, wie in ihrem Nachwort zu lesen ist. Aber darin liegt eben auch die Beschränkung ihres erzählerischen Programms. Caryl Lewis: „Wenn die Bienen schweigen“. Roman. DTV/Reihe Hanser, München 2026. 304 S., br., 18,–  €. Ab 14 J.