FAZ 06.06.2026
10:30 Uhr

Chwalinska im Finale: Die unglaublichste Geschichte der French Open


Die Polin Maja Chwalinska spielt sich in Paris sensationell aus der Qualifikation bis ins Finale der French Open. Weil sie zu einem Spielertypus gehört, der Gegnerinnen Albträume bereiten kann.

Chwalinska im Finale: Die unglaublichste Geschichte der French Open

Kurz vor Schluss dieser so verrückten wie faszinierenden French Open fehlen fast die Worte. Stets staunend und gelegentlich sprachlos sah man zu, wie Männer im besten Profialter in der Hitze der ersten Woche zusammenbrachen. Wie Favoriten stürzten. Wie Jungprofis reihenweise Altchampions aus dem Wettbewerb warfen. Wie Spielerinnen, die in den vergangenen Wochen das Geschehen auf den europäischen Sandplätzen dominierten, auf dem Court Philippe-Chatrier plötzlich die Knie schlotterten und die Handgelenke fest wurden. Und wie viele Hoffnungen von Titelkandidaten in den vergangenen Tennistagen vom Pariser Wind verweht wurden. Die unglaublichste Geschichte der French Open von allen jedoch ist die von Maja Chwalinska. Einer 24 Jahre alten Spielerin, die vor drei Wochen kaum jemand außerhalb Polens kannte, nun aber vor den Augen aller Welt im Endspiel des wichtigsten Sandplatzturnieres der Welt steht. Mit kleinem Budget, recht geringen Erwartungen und auf Weltranglistenplatz 114 zum zweiten Grand-Slam-Turnier des Jahres gereist, steht Chwalinska an diesem Samstag, nach drei Siegen in der Qualifikation und sechs im Hauptfeld, nun im Finale gegen die Russin Mirra Andrejewa. So etwas hat es in der gesamten Profiära erst einmal gegeben. 2021, als die Britin Emma Raducanu bei den US Open von der Qualifikantin zum Champion wurde. Nach ihrem Halbfinalsieg gegen die Russin Diana Shnaider konnte Chwalinska kaum glauben, was vor sich ging. Sie lebe „wie in einer Blase“, sagte die 1,64 Meter kleine Polin. Sie müsse zunächst das Turnierende abwarten: „Dann werde ich Zeit zum Verarbeiten haben und einatmen, ausatmen.“ Und feststellen, dass sie mindestens die Nummer 21 der Welt ist. Man kann davon ausgehen, dass Chwalinska ihre schier traumhaften Erlebnisse und Ergebnisse gut zu verarbeiten versteht. So wie sie in der Vergangenheit auch aus Rückschlägen die besten Schlüsse gezogen hat. Mit ihrer deutlich bekannteren und erfolgreicheren Landsfrau Iga Swiatek hatte Chwalinska 2017 im Juniorinnenfinale der Australien Open gestanden und in den folgenden Jahren versucht, auf der Profitour Fuß zu fassen. Bis sie einen Punkt erreicht hatte, als sie nicht mehr konnte und erkrankte. Chwalinska war einst depressiv Sie habe sich „sehr herumgequält“, aber weiter angetrieben. Sie dachte, „hart bleiben und weiter trainieren“, das genüge, um aus dem Loch zu kommen. „Irgendwann kam ich nicht mehr aus dem Bett. Ich war geradezu leblos.“ Sie war depressiv, zog sich für einige Monate zurück. „Ich musste einige Dinge in meinem Kopf klären“, erzählte sie in Paris. 2022 kehrte sie mental gestärkt in den Profizirkus zurück, qualifizierte sich für das Rasenturnier in Wimbledon, verlor in der ersten Runde. Das dritte Mal nach den Australian Open 2025, dass die Polin bei einem Grand-Slam-Turnier qualifizierte, war vor zwei Wochen in Paris. Als sie beim Siegerinterview am Donnerstag nach ihrer Gelassenheit auf dem Platz gefragt wurde, gab Chwalinska weitere Einblicke: „In mir tobt ein Sturm, glauben Sie mir.“ Das Pariser Publikum war hingerissen. So wie zuvor von ihrem Spiel. So nett Chwalinska im Gespräch sein kann, so nervig ist sie auf dem Sandplatz. Dort stellt die Linkshänderin jede Gegnerin ständig vor schwer zu lösende Probleme. Eine hohe Topspinvorhand quer über den Platz, eine unterschnitten geschlagene Rückhand die Linie entlang, dann eine flache, gerade Vorhand, abschließend ein Stoppball mit der Rückhand – ungefähr so sehen Ballwechsel mit Maja Chwalinska aus. Ihre Variationen wirken zermürbend. Wer es als Freizeitspieler mal mit einem solchen Spielertypus zu tun hatte, der bekommt ihn nie wieder aus dem Kopf (Albträume können nicht ausgeschlossen werden). Nicht wie die Haudraufs von heute Die Polin kennt ihre Stärken und weiß sich ebenso gut in ihre Gegnerinnen hineinzuversetzen. „Gegen so eine Spielweise ist es sehr schwierig anzukommen, weil du keinen Rhythmus bekommst und immer sehr konzentriert bleiben musst, weil jeder Ball anders sein kann“, analysierte Maja Chwalinska ihre Wirkung auf andere: „Ja, ich bin mir bewusst, dass dies sehr nervig für andere Spielerinnen sein kann.“ Niemand sollte solche Aussagen als Worte des Mitgefühls verstehen, erst recht nicht Mirra Andrejewa. Bis vor Kurzem war die 19 Jahre alte Russin noch leicht aus der Fassung zu bringen. Schnell fing die Weltranglistenachte an, zu schmollen oder zornig den Schläger zu schmeißen. In Roland Garros spielt Andrejewa nun sehr erwachsen und auf andere Weise variabel als ihre Gegnerin. Beide sind nicht wie die Haudraufs von heute, die sich mit harten, platzierten Schlägen zu übertreffen suchen. Sondern sie spielen weniger mit Wucht als vielmehr mit Kopf, sind stark in der Defensive und vereinen hohe Spielintelligenz und feines Händchen. Die ungewöhnliche Finalbegegnung der beiden rundet das große Durcheinander im Pariser Damenwettbewerb perfekt ab. Sollte Teenager Andrejewa siegen, wäre es eine recht frühe Erfüllung der Erwartungen. Gewinnt Chwalinska, wäre es die Krönung eines unvorstellbaren Turniers.