FAZ 22.09.2026
15:48 Uhr

Comedy History Podcast: Hätte Darwin das gefallen?


Die Vergangenheit ist voller unglaublicher Anekdoten. Podcasts wie „Darwin gefällt das“ machen daraus unterhaltsame Erzählungen und verändern die Art, wie Geschichte vermittelt wird.

Comedy History Podcast: Hätte Darwin das gefallen?

Wer nach „History-Podcasts“ sucht, stößt schnell auf ein großes Angebot an unterschiedlichen Formaten, die sich alle mit Geschichte befassen. Neben sachlichen Tiefenbohrungen in die Historie, True-Crime-Fällen und Chroniken haben sich zunehmend auch Podcasts entwickelt, die sich der Geschichte mit einem Augenzwinkern nähern. Vor allem im englischsprachigen Raum hat sich dafür ein eigenes Genre etabliert: „Comedy History Podcasts“. In Deutschland gibt es dafür mit „Darwin gefällt das“ ein erfolgreiches Beispiel. In ihrem wöchentlich erscheinenden History-Podcast erzählen Anna Bühler und Christian Alt von kuriosen Fehltritten, unwahrscheinlichen Glücksgriffen und folgenreichen Zufällen aus der Menschheitsgeschichte. In den fast 200 Episoden, die seit 2020 zu hören waren, ging es etwa um einen Pathologen, der das Gehirn von Einstein stahl und es 40 Jahre lang nicht zurückgab. Es ging um einen französischen Schneider, der den Fallschirm erfinden wollte und sich 1912 vom Eiffelturm stürzte, um einen einbetonierten Magier und den Pasinger Knödelkrieg. Geschichte erscheint hier weniger als wissenschaftliche Disziplin denn als Fundus für erzählenswerte Begebenheiten. Sie sind dramaturgisch zugespitzt und mit Pointen versehen. „Unterhaltung ist uns sehr wichtig“ „Was wir machen, bezeichnen wir als journalistisches Storytelling mit Humor“, so erklärt Anna Bühler ihren Ansatz. „Unterhaltung ist uns sehr wichtig, mindestens genauso wichtig ist uns aber auch, dass die Geschichten gut und tief recherchiert sind.“ Sie und Alt arbeiteten mehrere Jahre als Reporter für den Bayerischen Rundfunk, heute sind sie eng befreundet und leiten ihre eigene Produktionsfirma Kugel und Niere. Die Recherchearbeit leisten laut Bühler mehrere Mitarbeiter. Auf geeignete Themen stoßen sie in Dokumentationen, Büchern und Youtube-Empfehlungen. Mindestens die Hälfte der Vorschläge erreicht das Team hinter dem Podcast über Instagram – von den „Darwinis“, wie sich die Hörer nennen. Dass das Format seine Hörer findet, zeigen die Zahlen: Jede Folge wird eigenen Angaben zufolge 400.000 bis 450.000 Mal abgespielt, rund 65 Prozent der Hörer sind zwischen 28 und 44 Jahren alt. Wie Anna Bühler und Christian Alt aus historischen Stoffen eine Podcast-Folge produzieren, zeigt etwa die Geschichte von Cecile Steele: Die Bäuerin an der amerikanischen Ostküste bekam 1923 versehentlich 500 statt 50 Küken geliefert, behielt sie und legte damit, ohne es zu ahnen, den Grundstein für die industrielle Massentierhaltung. Bühler und Alt erzählen ihre Geschichte mit Witz, aber belassen es nicht bei der Pointe: Bühler ergänzt einen Exkurs zur Domestizierung des Huhns und weist auf deren Auswirkungen bis in die Gegenwart hin. „Die Folgen baden wir noch heute aus“, sagt sie am Ende des Podcasts. Auch die Kolonialgeschichte Australiens wird im Podcast besprochen, etwa in der Folge „Operation Mümmelmann“. Der britische Kolonist Thomas Austin setzte aus purer Jagdlust 24 Kaninchen aus. Doch aus dem Zeitvertreib wurde eine ökologische Katastrophe, die bis heute andauert. Bühler sagt am Ende, der Kolonialismus habe „viel Schlimmes getan“, diese Geschichte zeige beispielhaft, wie aus kolonialer Willkür langfristige Schäden entstünden. Die beiden ergänzen die absurde Episode durch die Einordnung eines Experten für Umweltgeschichte von der Universität Tübingen. Sorgfältige Recherche und solide Einordnung Ihr Stil entspricht dem Unterhaltungsanspruch. Die beiden Gastgeber lachen viel, unterbrechen einander, spekulieren und regen sich auf. Das Sounddesign und eingespielte Jingles verstärken den Eindruck, dass Geschichte nicht wie im Seminar an der Universität vermittelt, sondern mehr wie ein Gespräch unter Freunden am Küchentisch inszeniert werden soll. Das soll die Bereitschaft erhöhen, sich auf historische Stoffe einzulassen, birgt aber auch das Risiko, dass Zusammenhänge hinter Pointen verschwinden und Geschichte trivialisiert wird. Der Podcast zeigt allerdings immer wieder, dass sich Erkenntnisgewinn und Unterhaltung nicht ausschließen müssen, sofern sorgfältige Recherche und solide Einordnung die ihnen gebührende Aufmerksamkeit behalten. So richtet der Podcast den Blick auf die Skurrilität menschlichen Handelns und nutzt die Vergangenheit als eine Art Kuriositätenkabinett. Ob das Charles Darwin gefallen hätte, lässt sich schwer sagen. Er hätte aber vermutlich einmal reingehört.