Als der Sheriff des Bezirks Vinton vor vier Wochen zu dem Holzhaus mit der abgeblätterten Farbe an der Ohmer Street in Hamden kam, hatte er einen Durchsuchungsbeschluss dabei. Gary Siders Jr., ein Mieter des Hauses, stand in Verdacht, sich in den Tagen zuvor wiederholt vor einigen der etwa 1000 Bewohner des Dorfes im Süden des amerikanischen Bundesstaats Ohio entblößt zu haben. Diese mutmaßlichen Taten des Sechsunddreißigjährigen verblassten aber, als Sheriff Ryan Cain und weitere Beamte ein Hinterzimmer des Hauses betraten. In dem knapp zwölf Quadratmeter großen Raum fanden die Ermittler 16 Kinder, umgeben von Insekten und Fäkalien. Die meisten der Jungen und Mädchen im Alter von eineinhalb bis 18 Jahren konnten nicht sprechen. Viele waren abgemagert und krank. Sheriff Cain ließ sieben der Kinder in umliegende Krankenhäuser bringen. Zwei ihrer Geschwister wurden per Hubschrauber in Traumazentren geflogen. „In solchen Situationen machen die Beamten ganz unterschiedliche Gefühle durch“, sagte Cain später. „Sie empfinden natürlich Freude, wenn sie 16 Kinder finden, deren Leben anschließend besser wird. Aber es ist auch sehr schwer, sie in solchen Zuständen zu sehen.“ Siders Jr., vermutlich der Vater der meisten der 16 geretteten Kinder und Jugendlichen, wurde verhaftet. Auch seine Eltern und Mitbewohner an der Ohmer Street, der 73 Jahre alte Gary Siders Sr. und dessen 67 Jahre alte Ehefrau Christina, müssen sich wegen Gefährdung von Kindern vor Gericht verantworten. Wie ihre Schwiegertochter Elizabeth Siders, die Mutter der 16 Kinder, warten sie im Southeastern Ohio Regional Jail auf den Strafprozess. Der Fall verschärft die Diskussion über die Eheschließung von Minderjährigen Das „Horrorhaus in Hamden“ hat in den Vereinigten Staaten nicht nur die Debatte über die Vernachlässigung von Kindern in ärmeren, ländlichen Regionen wie dem Süden von Ohio befeuert. Keines der 16 Kinder soll eine Schule besucht haben. Auch Geburtsurkunden wurden wohl nur für wenige ausgestellt. Der Fall hat auch die Diskussion über die in Amerika weiterhin verbreiteten Eheschließungen von Minderjährigen verschärft. Wie in den Tagen nach dem Einsatz an der Ohmer Street bekannt wurde, hatte Elizabeth Siders ihren Ehemann schon im Alter von 15 Jahren geheiratet. Als das Paar im Sommer 2008 von Ohio in das benachbarte West Virginia fuhr, um sich trauen zu lassen, war sie hochschwanger. Laut dem Sender WSYX stimmten ihre Eltern der Eheschließung mit dem drei Jahre älteren Gary damals zu. Ein Gericht in Mason County erteilte daraufhin die Hochzeitsgenehmigung. „In West Virginia gab es damals kein Mindestalter für Eheschließungen“, sagte Amanda Alexander, Anwältin für Familienrecht. Zwei Monate nach der Trauung brachte Elizabeth Siders eine Tochter zur Welt. Ein Jahr später, kurz nach ihrem 16. Geburtstag, folgte das zweite Kind. Wie sich jetzt nach ihrer Festnahme zeigte, blieb Elizabeth Siders nicht die einzige „child bride“ in der Familie. Ein Cousin ihres Schwiegervaters, der damals 48 Jahre alte Richard Siders, heiratete im Jahr 2002 eine Vierzehnjährige. Ein Jahr später trat eine weitere Verwandte, Virginia Siders, ebenfalls in Ohio vor den Traualtar. Sie war damals 15 Jahre alt. „Die Causa Siders erinnert an etwas, das wir schon lange wissen: Kinderehen sind gefährlich und enden oft tragisch“, schrieb Fraidy Reiss, Vorsitzende des Vereins Unchained At Last, der ein Verbot von „child marriage“ in allen US-amerikanischen Bundesstaaten fordert. Laut der vor 15 Jahren gegründeten Organisation sind Kinderehen weiterhin in 33 amerikanischen Bundesstaaten erlaubt. Bis zum Jahr 2018, als Delaware und New Jersey entschieden, Kinderehen zu verbieten, waren sie in allen 50 Bundesstaaten legal. Die Gesetze, die sie heute in vielen Bundesstaaten untersagen, sind aber ähnlich zahlreich wie die Ausnahmen von den Vorschriften. Viele Bundesstaaten erlauben beispielsweise Eheschließungen mit Minderjährigen, falls Eltern und Gericht zustimmen. Kalifornien, New Mexico und Mississippi verzichten dabei auf ein Mindestalter für die angehenden Eheleute. Ohio hat 2019 seine Regeln verschärft Ohio, der Heimatstaat der Familie Siders, verlangt zumindest seit einigen Jahren, dass die Braut vor dem Jawort den 17. Geburtstag hinter sich hat. Um die bei Kinderehen verbreitete Verbindung junger Mädchen mit älteren Männern zu verhindern, sehen die Gesetze des Bundesstaats zudem einen Altersunterschied von höchstens vier Jahren und das Einverständnis eines Jugendgerichts vor. Kurz vor der Verschärfung der Regelungen im Jahr 2019 waren in Ohio zwei Mädchen im Alter von zehn Jahren verheiratet worden. Wie die Gesundheitsämter von Ohio meldeten, traten ab dem Jahr 2000 insgesamt mehr als 2500 Kinder vor den Traualtar – fast alle weiblich, fast alle mit Erwachsenen. Die Senate Bill 341 soll Kinderehen in Ohio künftig verhindern. Die Gesetzesvorlage, die der demokratische Senator Bill DeMora vor einigen Monaten mit seinem republikanischen Kollegen Bill Blessing formulierte, sieht vor, auch Trauungen von Siebzehnjährigen zu verbieten. Bei dem Versuch, die Senate Bill 341 zu verabschieden, taten sich vor einigen Wochen aber unerwartet Gräben auf. Nachdem der Justizausschuss die Gesetzesvorlage einstimmig angenommen hatte, sagte der Senat die für denselben Tag geplante Abstimmung über den Entwurf ab. Mehreren Mitgliedern der Republikanischen Partei sollen in letzter Minute Zweifel gekommen sein. „Die Gesetzgeber in Ohio sollten sich schämen. Sie begeben sich in den Sommerurlaub, während die Mädchen ihres Bundesstaats unter dem Deckmantel der Ehe legal sexuell ausgebeutet werden dürfen“, ließ die Organisation Unchained At Last wissen. Der Senat kann frühestens nach den Wahlen im November über das Verbot der „child marriage“ abstimmen. Elizabeth Siders’ Verteidiger Thomas Stolly warnte derweil vor schnellen Urteilen über das „Horror House“ und seine Bewohner. Seine 33 Jahre alte Mandantin sorge sich aufrichtig um ihre Kinder. In sozialen Medien berichteten Verwandte derweil von Kontaktabbrüchen und Entfremdung nach der Hochzeit der damals Fünfzehnjährigen mit Gary Siders. „Ich möchte alle um Zurückhaltung bitten. Der Fall hat viele menschliche Facetten“, deutete Stolly Tragödien an der Ohmer Street an. Die Staatsanwaltschaft des Bezirks Vinton gab jetzt bekannt, sich vorerst nicht zu den Ermittlungen zu äußern.
