FAZ 25.07.2026
15:22 Uhr

Der FamilienTipp: Nach dem Glücksweg gibt es Quellfrisches


Der Glücksweg in Grünberg bei Gießen beginnt zwar wenig malerisch, wird aber schnell zu einem Erlebnis mit ungeahnten Ausblicken und Überraschungen. Am Ende lässt sich kristallklares Quellwasser genießen – und etwas lernen.

Der FamilienTipp: Nach dem Glücksweg gibt es Quellfrisches

Wenn das Werner von Siemens wüsste. Den sprichwörtlichen Steinwurf vom Bahnhof entfernt hat die Stadt Grünberg eine Schotterpiste nach dem deutschen Erfinder, Ingenieur und Industriellen benannt. Eine Schotterpiste, keinen Boulevard. Aber dieser Weg hat auch etwas Gutes. Er führt direkt ins Grüne und verhilft Ortsunkundigen wie Einheimischen zu einer kleinen Tour mit schönen Ausblicken und überraschenden Details am Wegesrand. Wer Glück hat, bekommt in dieser Ecke von Oberhessen östlich von Gießen auch noch ein Klangerlebnis dazu. Also Glücksmomente gratis. Glück ist gleichsam das Stichwort. Denn die kleine Tour führt über den sogenannten Glücksweg. Den Namen verdankt dieser Pfad der abwechslungsreichen und idyllischen Natur und der Idee, beim Wandern bewusst innezuhalten. So heißt es zumindest bei Komoot, dem Wanderer-Netzwerk. Der nüchterne Zeitgenosse könnte auch sagen: Gib dem Pfad halt einen schön klingenden Namen. Doch der Glücksweg ist tatsächlich mehr als örtliches Marketing, um Besucher anzulocken. Mit zehn Kilometer Länge eignet er sich gut für einen Ausflug. Die 75 zu überwindenden Höhenmeter verteilen sich gut über die Strecke, ohne einen halbwegs fitten Menschen aus der Puste zu bringen. Eine Wanderkladde zum Stöbern Als Ausgangspunkt bietet sich der Bahnhof an. Er liegt an der Bahnhofstraße. Das lässt sich leicht merken. Der Weg verläuft durch die Unterführung und danach über den Ausgang „Stangenröder Weg“ nach links. An der folgenden Straße geht es schräg rechts über die Fahrbahnen auf die Werner-von-Siemens-Straße. In den folgenden zwei Stunden weist ein gelbes viereckiges Schild mit der Aufschrift „Glücksweg“ die Richtung. Obacht! An ein paar Stellen überwuchert Grün das Schildchen. Apropos Grün: Auf diesem Pfad ist die Landschaft an sich die Show. Kein Gedöns hält den Ausflügler von der Entspannung und dem Naturgenuss ab. In Höhe des Ortsteils Göbelnrod findet sich am Wegesrand eine erste Überraschung. Dort hat das Tourismusbüro neben einem Tisch mit einer Platte im Glücksklee-Format und einem halben Dutzend hölzerner Sitzpilze ein Pult aufgestellt. Dessen Klappe lässt sich öffnen, man findet eine ledergebundene Kladde nebst Stift. Die Wanderer sind eingeladen, darin zu stöbern, was andere an Gedanken niedergeschrieben haben, und selbst etwas zu hinterlassen. Nicht fehlen darf der Appell, sorgsam mit dem Wanderbuch umzugehen. Der eine oder andere Zeitgenosse hat gleichwohl überflüssige Kommentare hineingeschrieben. Wer sich über dergleichen ärgert, kann sich bald darauf auf einer Schaukel entspannen. Auf ihr finden mehrere Leute gleichzeitig Platz, auch ist sie überdacht. Natürlich heißt sie Glücksschaukel. Und das durchaus zu Recht. Denn sie gestattet bei gutem Wetter einen tollen Blick auf den Taunus. Zudem kann, wer etwas Glück hat, Nachtigallen ebenso zwitschern hören wie Mönchsgrasmücken, Rotkehlchen und Goldammern. Im Verlauf führt der Weg vorbei an einem Stein mit einem Gedicht von Hoffmann von Fallersleben über das Glück an sich. Den Taunus hinter sich, Grünberger Turmspitzen vor sich, strebt der Ausflügler dem sogenannten Schweden-Dorf zu, einem örtlichen Unikum mit bunten Holzhäusern im nordischen Stil. Und von dort aus ist es nicht mehr weit zum erfrischenden Höhepunkt im Brunnental. Je näher das Tal rückt, desto grüner strahlt die Landschaft. Das Brunnental trägt seinen Namen wegen der Vielzahl von Quellen dort. Eine Quelle zeigt sich in Gestalt eines fast armdick aus einem Rohr schießenden Strahls mit kristallklarem, köstlichem Wasser. In der Umgebung stehen das alte Wasserhaus und das betagte Maschinenhaus. Für kleine oder große Kindsköpfe gibt es einen Wasserspielplatz mit Schieber und Archimedischer Schraube. Es lässt sich zudem etwas über die 600 Jahre alte örtliche Wasserkunst und die für Grünberg segensreiche Erfindung Kolbenpumpe lernen, bevor sich der Weg ziemlich steil nach oben schlängelt und zum Marktplatz mit seinen Fachwerkhäusern führt. Wer danach außer Puste ist, kann sich in einer der Gaststätten erfrischen. Ein Tipp ist das schicke Café Sonneundmond, das sich auch in Frankfurt nicht verstecken müsste.