FAZ 25.09.2026
08:01 Uhr

Der Wandertipp: Lahnmarmor ziert die Welt


Vom Lahnufer aus führt die Reise zum Gestein, das weltweit Gebäuden repräsentativen Glanz verleiht. In der abwechslungsreichen Flusslandschaft liegt zudem die Burg Runkel.

Der Wandertipp: Lahnmarmor ziert die Welt

Graubraun die einen, schwach rötlich die anderen. Was in Drahtkörben eine ganze Wand im Villmarer Lahn-Marmor-Museum einnimmt, dürfte nur bedingt etwas mit der allgemeinen Vorstellung von „Marmor“ zu tun haben. Ein Michelangelo wäre für Rohlinge seiner schneeweißen Skulpturen hier auch nicht fündig geworden, da im Gegensatz zum Carrara-Marmor der hiesige keine Prozesse hoher Temperaturen und Drücke durchlief. „Marmor“ bürgerte sich für den Kalkstein ein, weil er sehr gute Eigenschaften zum Polieren besitzt. Erst musste man jedoch erkennen, dass stumpfe Flächen in zwölf aufeinander abgestimmten Schleifvorgängen so lange bearbeitet werden müssen, bis sie spiegelglatt sind und ihre faszinierenden Farben und Strukturen offenbaren. Diese von Menschenhand bewirkte Metamorphose bildet das Leitmotiv des Museums am Lahnufer, das vor 30 Jahren gegründet und vor zehn Jahren neu errichtet wurde. Seither ist in dem zweistöckigen Gebäude ausreichend Platz, die Abläufe vom mühsamen Brechen der Felsblöcke über den schwierigen Transport bis zur hohen Kunst des Bearbeitens auszubreiten. Modelle und Fotografien erinnern daran, wie begehrt das dekorative Gestein für Kirchen, Foyers oder Treppenhäuser war. Unter den illustren Namen sind die Petersburger Eremitage, der Berliner Dom oder Burg Hohenzollern zu finden. Seinen ästhetischen Reiz verdankt der Stein einem außergewöhnlichen geologischen Phänomen: Kein späteres Ereignis überformte das Riff, das vor rund 380 Millionen Jahren im Devon aus Schalentieren und schwammartigen Stromatoporen entstand. Dadurch konnten eingedrungene Mineralien teils surreal anmutende Muster hervorbringen. Von dem rosa schimmernden „Bongard“ bis zum schwarz-weiß gebänderten Schupbacher Marmor weist jeder der mehr als 80 – inzwischen stillgelegten – Steinbrüche im Raum Villmar eine eigene charakteristische Varietät auf. Die berühmteste Formation, „Unica“, verleiht mit ihrer zwischen Dunkelrot und Violett changierenden Farbpalette weltweit Hunderten Gebäuden repräsentativen Glanz, darunter das Empire State Building von New York. Als „nationales Geotop“ ergänzt ein Anschnitt ideal das Museum, schon um mit seiner abgetreppten Form die Abbautechnik zu demons­trieren. Marmor fand natürlich auch in Villmar Verwendung. In der barocken Pfarrkirche, bei Hauseingängen, Wegkreuzen, Grabstätten und selbst für die einzige Marmorbrücke Deutschlands. Wie anders dagegen der Nachbarort Runkel. Als hier das gleichnamige Geschlecht eine erstmals 1159 genannte Burg errichtete, ahnte man noch nichts von Marmor. Dunkles Bruchsteingemäuer dominiert den historischen Kern, obwohl die Anlage 1634 zerstört wurde. Einige der älteren Mauern sind wieder aufgebaut und begehbar gemacht, jüngere zu Gemächern umgewidmet. Seit die Neuwieder Linie der Fürsten zu Wied die Burg bewohnt, hat sie sich zu einem Schmuckstück mit Museum entwickelt. Das Ensemble verbindet wohnliches Ambiente mit seiner einstigen Wehrhaftigkeit – einschließlich des begehbaren Bergfrieds. Wegbeschreibung Das Lahn-Marmor-Museum ist bequem mit der Bahn erreichbar: Der Eingang befindet sich direkt gegenüber der Station. Abgesehen von den museumseigenen Stellplätzen gibt es vor Ort keine Parkmöglichkeiten. Weitere Parkplätze liegen am Ortseingang neben der König-Konrad-Halle sowie in der Nähe der Pfarrkirche. Beginnt man unten, weist die König-Konrad-Straße hinauf; davon abweichend links zu dem strahlend weiß über der Lahn schwebenden Gotteshaus. Ihre Marmorausstattung ist aber zumeist verschlossen. Von dort geht es direkt zum zentralen Parkplatz und rechts in die Straße Am Kissel. Sie führt stark ansteigend durch ein Eigenheim-Quartier – bis vor dessen Rand. Dahinter verläuft ein Grasweg. Jetzt rechts und damit zum Lahnhöhenweg (L). Bereits nach wenigen Metern bietet sich an der Linkskurve ein Blick über den „lieben Fluss der Ruhe“, wie Clemens von Brentano die Lahn beschrieb. Für die Nutzung war sie, flach und mäandernd, nie recht geeignet. Die ehrgeizigen Pläne des 19. Jahrhunderts, die Lahn schiffbar zu machen, scheiterten; selbst der Kanaltunnel bei Weilburg blieb eine Episode. Heute ist der Fluss den Freizeitkanuten vorbehalten. Leicht bergauf säumen prächtige Linden den Weg, während links Äcker und Wiesen liegen. Wieder abwärts, erreicht man nach gut einem Kilometer das 1894 errichtete Denkmal für den aus dem „Lahngau“ stammenden König Konrad I. (regierend 911 bis 918). Wegen seines dynastischen Thronverzichts zugunsten des Sachsen Heinrich I. gilt er als einer der Wegbereiter für das Werden Deutschlands. Selbstredend steht er auf einem Marmorpodest. Hinter der Leitplanke folgt man dem Sträßchen, bis es in einen ansteigenden Feldweg übergeht. Kurz darauf führt dieser rechts in vertrautes Gelände: links Felder, rechts Wald. Kiefern und Eichen rücken immer dichter zusammen, bis sich nach etwa 1,2 Kilometern, am Ende einer langen Linkskurve, eine urwaldartige Szenerie auftut. Im Vergleich zur früheren Führung direkt nach Runkel gewinnt der Lahnhöhenweg durch die Verlegung ins felsengesäumte Ansbachtal deutlich an Reiz, ohne an Höhe zu verlieren. Ein rutschiger Pfad führt zurück in den Hang. Wegen der Steilheit wächst dort nur Niederwald, der immer wieder Blicke ins Lahntal freigibt. Erst beim anschließenden Abstieg verschwindet der Ausblick für eine Weile. Unten kommt man an einer Landstraße heraus, kurz rechts und links zum Flussufer. Rechtsseitig säumt eine hohe Felswand das Ufer, und voraus überragen zwei mächtige Wächter die fast 600 Jahre alte Lahnbrücke – links das dunkel dräuende Gemäuer von Burg Runkel, rechts die helle Fassade der Schadeck. Sie ist nicht zugänglich. Nach Erreichen einer Freiluft-Gaststätte verbindet die Straße Linsenberg mit dem Burgeingang. Das Museum kann seit seiner Erweiterung ohne Führungsdienste besucht werden. Danach ist man rasch in den engen Ortskern unterhalb der gewaltigen Burgmauern hinabgelaufen. Über die vierbogige Lahnbrücke gelangen wir an das andere Ufer und biegen gleich rechts in den Uferweg. Einmal mehr steht ein L bereit, bald ergänzt um den neueren Lahnwanderweg (LWW). Selbst an einem Planetenweg fehlt es nicht. Die vier Kilometer lange Strecke zwischen Runkel und Villmar erlaubt die Darstellung im gängigen Maßstab. Er verläuft allerdings auf dem asphaltierten, von Radlern genutzten Weg. Schöner ist die Variante über die Höhe. Hinter der Station „Erde“ folgt man den Markierungen über Wiesen und Bahngleise aus dem Tal hinaus. Eine Allee aus Laubbäumen führt hinauf zum Hochplateau, wo wieder Äcker das Landschaftsbild bestimmen. Bald weist dichtes Ufergrün den Weg; für einen Aussichtspunkt öffnet es sich nach einem kurzen Abstecher. Anschließend biegt der Weg links ab und erreicht nach gut 300 Metern einen Wegweiser zum Abstieg ins Lahntal. Unten überquert man die Gleise und gelangt rechts über die Marmorbrücke direkt zurück. Wer nach links geht, erreicht das Lahn-Marmor-Museum und das Naturdenkmal „Unica“. Ein geologischer Lehrpfad führt zu der nach 400 Metern unter einem Zeltdach aufragenden Steinbruchwand. Anfahrt Von der A 3, Ausfahrt Limburg, zur B 49 in Richtung Weilburg, nach zehn Kilometern Abzweig gen Runkel und Villmar; stündliche Bahnverbindung im Wechsel über Gießen und Limburg-Eschhofen Sehenswert Dass Villmar an der Lahn eine 1895 erbaute Marmorbrücke besitzt, ist nicht Ausdruck von Übermut, sondern erinnert an die seit dem 16. Jahrhundert nachweisbare Gewinnung von „Marmor“. Der entstammt allerdings einem 380 Millionen Jahre alten Riff, dem eingedrungene Mineralien einzigartige Strukturen und Farbigkeit schenkten, wie das Lahn-Marmor-Museum zeigt. Auch das Museum der Burg im Nachbarort Runkel bewahrt kunsthandwerkliche Arbeiten aus Marmor. Die Sammlung ist eingebunden in adlige Wohnkultur, Waffenkammer und Ahnengalerie. Ihnen stehen halb ruinös gehaltene Bereiche des Mittelalters gegenüber. Vom besteigbaren Bergfried kann gut die 1440 erbaute, vierbogige Lahnbrücke eingesehen werden. Öffnungszeiten Lahn-Marmor-Museum in Villmar, täglich außer montags 14 bis 17 Uhr, am Wochenende von 10 Uhr an (Winterpause von 27. Oktober an); Burg Runkel, täglich 10 bis 17 Uhr (montags Ruhetag; Saisonende 31. Oktober).