Laura Freigang hatte nicht einmal im Kader der DFB-Frauen gestanden, und trotzdem rückte sie während des vorletzten WM-Qualifikationsspiels in den Mittelpunkt. Die erste Halbzeit gegen Norwegen neigte sich dem Ende entgegen, als eine Meldung über das Kölner Stadion hineinplatzte, die den restlichen Abend bestimmen sollte: Die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) bestätigte einen „möglichen Verstoß“ von Freigang gegen die Aufenthaltsbestimmungen des Anti-Doping-Gesetzes. Innerhalb von zwölf Monaten soll die 44-malige Nationalspielerin dreimal für eine Kontrolle nicht an dem von ihr angegebenen Ort gewesen sein. Unter Dopingverdacht steht Freigang nicht. Laut Medien sollen alle bisherigen Proben negativ ausgefallen sein. Drei solcher „Strikes“ führen jedoch in der Regel ebenfalls zu einer Sperre von bis zu zwei Jahren. Der Fall wurde an den Deutschen Fußball-Bund (DFB) weitergeleitet, der für das Disziplinarverfahren gegen die Sportlerin verantwortlich ist. Dieser werde „den vorliegenden Sachverhalt prüfen, bewerten und über die Feststellung eines Verstoßes gegen Anti-Doping-Bestimmungen und die entsprechenden Sanktionen entscheiden“. Bundestrainer Christian Wück hatte für die beiden WM-Qualifikationsspiele gegen Norwegen und in Slowenien überraschend auf eine Nominierung Freigangs verzichtet. Dass die Kapitänin von Eintracht Frankfurt nicht berücksichtigt worden war, soll aber nicht mit ihren Meldepflichtversäumnissen zusammenhängen. Nach dem Spiel hielt sich Wück in dem Fall vorerst bedeckt. „Dazu werde ich mich nicht äußern“, antwortete er auf eine entsprechende Frage. „Die Mitteilung der NADA ist eingegangen, mehr können wir dazu aktuell nicht sagen“, ergänzte eine DFB-Sprecherin. Da war Freigang aber schon längst zu einem Thema geworden und überschattete auch die Freude über die vorzeitige WM-Qualifikation. „Wir sind die Treppenstufe wieder hochgegangen“ Während also die drohende Sperre gegen Freigang im Stadion die Runde machte, lief auf dem Rasen das, wofür die DFB-Frauen eigentlich nach Köln gekommen waren. Nach dem 2:0 gegen Norwegen und dem damit verbundenen Gruppensieg ist sicher: Die erste Frauen-Weltmeisterschaft in Südamerika wird mit den deutschen Fußballerinnen stattfinden. Zehn Jahre nach dem Olympiasieg von Rio de Janeiro könnten sie in Brasilien ihren nächsten Titel gewinnen. Die vorzeitige Qualifikation sei das große Ziel gewesen, sagte Wück, daher wolle er diesen Moment erst einmal genießen und die Gespräche über das, was seiner Elf noch nicht gelang, auf die nächsten Tage verschieben: „Wir sind die Treppenstufe wieder hochgegangen, die wir gegen Österreich runtergegangen sind.“ Der Umweg über die Play-offs war vor dem Spiel nicht mehr auszuschließen. Durch das enttäuschende 0:0 gegen Österreich im April stand Deutschland nur noch einen Punkt vor Norwegen. Bei einer Niederlage hätte das Schicksal in Gruppe D nicht mehr in der eigenen Hand gelegen. Für zusätzliche Unruhe sorgte die Personalsituation: Die beiden Außenverteidigerinnen Giulia Gwinn und Franziska Kett fehlten verletzt, Innenverteidigerin Janina Minge war rotgesperrt. Doch die DFB-Frauen erledigten ihre Aufgabe davon unbeeindruckt. „Dieses 0:0 war ein reinigendes Ergebnis“, sagte Wück. Es sei ärgerlich, dass nach einem schlechten Spiel wieder vieles, was sich die Mannschaft erarbeitet habe, infrage gestellt werde. „Wir müssen aufpassen, dass wir bei uns bleiben und uns nicht verunsichern lassen. Wenn wir alle schlechten Spiele mit einem Punkt beenden, haben wir für die Zukunft gute Chancen.“ Dass es auch ohne drei von vier Stammkräften in der Abwehr geht, wertete Wück als Beleg für die Kadertiefe im deutschen Team, aber auch als eine „Bestätigung unserer Scouting-Arbeit, unserer Einschätzung von Spielerinnen, ihnen die Chance zu geben“: Neben Rebecca Knaak verteidigte die routinierte Kathrin Hendrich. Carlotta Wamser rückte auf die linke Seite, auf der rechten Seite kam Marie Müller zu ihrem ersten Länderspiel. Treffer von Müller und Dallmann Die 25-Jährige zahlte das Vertrauen mit ihrem platzierten Linksschuss zur Führung (18. Minute) zurück. Dann hatte Linda Dallmann nach einer Einzelaktion, bei der sie mehrere Gegenspielerinnen stehen ließ, das Auge für Wamser, die den Ball ins Tor schlenzte (27.). Norwegen kam vor und nach der Pause zu guten Möglichkeiten: Der Treffer zum 1:2 wurde jedoch wegen einer Abseitsstellung nicht gegeben, bei der zweiten Chance war Torhüterin Ann-Katrin Berger erstmals gefordert und lenkte den Ball über die Latte Auch zu Beginn der zweiten Halbzeit, als Norwegen Deutschland unter Druck setzte, war Berger mehrfach zur Stelle. Während die Gegnerinnen jedoch insgesamt zu uninspiriert und im letzten Drittel zu ungenau waren, um nochmals zurückzukommen, zeigten sich die DFB-Frauen wie schon im Hinspiel sehr effektiv und spielten mit viel Überzeugung. Die in den USA für die Portland Thorns aktive Müller war im Februar 2025 schon einmal für die A-Nationalmannschaft nominiert worden, wurde jedoch von einem im Training erlittenen Kreuzbandriss zu einer langen Pause gezwungen. „Mein Kopf war dann erst mal völlig leer, weil ich wusste, dass ich gerade die Chance meines Lebens verpasse“, hatte Müller unter der Woche in einem DFB-Interview gesagt: „Nun weiß ich, dass sich alle Mühen ausgezahlt haben.“ Vor allem in der ersten Halbzeit gewann sie viele Zweikämpfe und sorgte auch immer wieder für Gefahr nach vorn. Sie ist bereits die zwölfte Spielerin, die seit Wücks Amtsantritt im Oktober 2024 zum Debüt kam. Müller sei noch etwas schüchtern, habe eher einen vorsichtigen Charakter, sagte Wück – „aber nicht auf dem Fußballplatz“. Dort sei die 25-Jährige genau das Gegenteil: „Sie fordert Bälle, positioniert sich gut, hat eine feine Technik.“ Müller habe schon länger auf seiner Liste gestanden, betonte Wück, und habe bei ihrem Debüt all das bestätigt, was er und seine Co-Trainerinnen von ihr erwartet hätten. Sie habe noch viel Potenzial auf der Rechtsverteidigerinnenposition, die für das Spiel der deutschen Mannschaft so wichtig sei. Auch dass sie ihr Tor mit dem linken Fuß erzielte, freute Wück, der bei seinen Spielerinnen großen Wert auf Beidfüßigkeit legt. „Das ist ein Punkt, den ich immer wieder anbringe, und dafür ist sie ein Paradebeispiel.“ Die Mannschaft habe schon vieles von dem umgesetzt, was sie sich vorgenommen hat. Für den Titel fehle aber noch sehr viel, mahnte Wück, das sei ein stetiger Prozess, der auch so schnell nicht zu Ende sei: „Wir versuchen, uns so weiterzuentwickeln, dass wir nicht nur bei der EM, sondern mit Mannschaften aus der ganzen Welt mithalten können.“ Die gewonnene Zeit im Herbst, wenn andere Nationen, darunter auch Europameister England, in die Play-offs müssen, wolle er vor allem dafür nutzen, um gegen südamerikanische und afrikanische Teams zu testen. „Das sind Mannschaften, die für unsere Entwicklung hilfreich sein werden, um ein Gefühl zu bekommen, wo wir schon auf einem guten Weg sind und was uns noch fehlt.“ Als die erste Zwischenstation erreicht, ihnen die WM-Qualifikation nicht mehr zu nehmen war, fielen sich die Spielerinnen am Mittelkreis in die Arme. Auf der Tribüne hatten die Fans längst ein Transparent ausgerollt: „Brasilien ’27, wir kommen“. Wolfgang Petrys „Verlieben, verloren, vergessen, verzeihen“, seit der EM die inoffizielle Hymne der DFB-Frauen, schallte durch das Stadion. Laura Freigang fehlte bei alledem. Ob sie in Brasilien dabei sein wird, ist offen. Das entscheidet sich nicht auf dem Rasen, sondern in einem Disziplinarverfahren.
