FAZ 18.08.2026
13:48 Uhr

Deutschland bei Hockey-WM: Im Stile eines Titelkandidaten


Zwei Spiele, zwei Siege: Auch beim „Höllenritt“ gegen Topfavorit Belgien bleibt die junge deutsche Hockey-Auswahl standhaft. Besonders einer überragt. Der Weg ins Halbfinale ist nicht mehr weit.

Deutschland bei Hockey-WM: Im Stile eines Titelkandidaten

Jakob Brilla wirkte wie auf der größten Abenteuerfahrt seines Lebens. Er staunte und strahlte, und dann strahlte und staunte er wieder. Noch nie, sagte der Zweiundzwanzigjährige am Mikrofon von Magenta TV, habe er vor so vielen Menschen Hockey gespielt. Knapp 10.000 Zuschauer füllten am Montagabend das wunderschöne, neu gebaute Hockeystadion im belgischen Wavre. Und die sahen, wie ein international unbekannter junger Deutscher in der Defensive die kompliziertesten Aufgaben bravourös löste – und sich in der Offensive zum Siegtorschützen aufschwang. Der Bundestrainer outete sich am späten Abend als zuschauender Genießer von Brillas Spielvortrag. Er habe draußen nur gedacht, „Donnerwetter, was macht der für ein Spiel“, sagte André Henning. Der Coach hatte die WM-Auseinandersetzung in Belgien gegen den Gastgeber vorher ziemlich aufgeladen. Ein schier unvergessliches Erlebnis für viele seiner Spieler hatte er vorausgesagt. Samt eines Ergebnisses, das Aufschluss darüber geben könnte, wie es um die Konkurrenzfähigkeit der DHB-Auswahl auf höchstem Niveau bei diesen Titelkämpfen bestellt ist. Beides war von höchster Güte für den Titelverteidiger, der aber nur noch neun Spieler aus der vor vier Jahren in Indien siegreichen Equipe dabeihat. Der 1:0-Sieg gegen die favorisierten Belgier verschaffte den Deutschen die nun kommode Ausgangslage, nach zwei Siegen in zwei Gruppenspielen schon vor dem Match gegen Frankreich an diesem Mittwoch (17 Uhr, live und kostenfrei auf Magenta TV) für die Zwischenrunde qualifiziert zu sein. Und weil sie aller Voraussicht nach die drei gegen Belgien erreichten Punkte dorthin „mitnehmen“ können, wirkt der Weg ins Halbfinale gar nicht mehr so weit. Mit Geschick, Reife – und etwas Glück War der Auftakt gegen Außenseiter Malaysia (5:1, inklusive Tor von Brilla) eher ein lockerer Aufgalopp, war die Auseinandersetzung gegen den Weltranglistenersten ein hochintensiver Schlagabtausch. Organisatorisch und taktisch und vom Tempo her auf Topniveau, auch wenn es nur wenige große Torchancen gab. Zum großen Geschick der Deutschen bei ihrer hingebungsvollen Abwehrarbeit, den belgischen Angriffen standzuhalten, gehörte auch etwas Glück. Am Ende bewies die deutsche Auswahl aber auch Abgezocktheit und Reife, die Rolle als Partycrasher bis zum Schlusspfiff auszuüben. Bei „diesem Höllenritt“ einen Sieg zu null einzufahren, war in den Augen des Bundestrainers „ein tolles Ausrufezeichen“. Zumal vor Turnierbeginn noch einige Fragezeichen auszumachen waren. Wie würde das drittjüngste Team im Turnier nach in den vergangenen Monaten wechselhaften Leistungen wirklich in Schuss sein? Wie kompensiert es im deutschen dezentralen System dieses Mal die viel geringere gemeinsame Trainings- und Vorbereitungszeit im Vergleich zu anderen Nationen, deren Nationalspieler jede Woche tagelang zusammen sind?  Wie geht es auf und neben dem Kunstrasen um mit dem Verlust der jahrelangen Stützen Mats Grambusch und Lukas Windfeder? Wie mit dem Ausfall von Gonzalo Peillat, einem der weltbesten Strafeckenschützen? Indem es einen Jungspund wie Jakob Brilla die erste Ecke des Spiels gegen Belgien schießen lässt. Der Mann vom TSV Mannheim „strahlte“, wie man im Hockey-Jargon sagt, den Ball mit enormer Kraft und Präzision ins Netz (39.). Solche Momente in solchen Spielen seien „der Schlüssel, um Potential freizulegen“, so Bundestrainer Henning. Die Mischung aus erfahrenen Kräften und jungen Kerlen scheint zu stimmen und zu tragen. Abwehrchef Grambusch: „Die Defensive war der Schlüssel“ Bei der vergangenen WM 2023 in Indien hatten die Deutschen im Finale die goldene Ära der Belgier beendet, die als aktueller Welt- und Europameister und aktueller Olympiasieger ins Turnier gegangen waren. Es war zugleich der Auftakt einer deutschen Erfolgsgeschichte im Herrenhockey – auf den WM-Titel folgten Silber bei den Olympischen Spielen in Paris 2024 und der EM-Triumph beim Heimturnier in Mönchengladbach im vorigen Sommer. Ob sich die deutsche Herrlichkeit fortsetzt? Ein wichtiger wie überzeugender Anfang bei der gemeinsamen WM für Herren und Damen in Belgien und den Niederlanden ist gemacht. Auch wenn es, wie es die Hockey-Anhänger hierzulande von den letzten Turnieren gewohnt sind, nicht ohne Drama bis zur letzten Minute abläuft. In Wavre war es tatsächlich die Schlusssekunde, als der deutsche Torhüter Jean-Paul Danneberg noch eine doppelte Glanzparade zeigte. Bei der darauffolgenden Strafecke für die Belgier wehrten die Deutschen den Ball auf der Linie gegen den eigenen Pfosten ab. „Die Defensive war der Schlüssel“, sagte Abwehrchef Tom Grambusch, der das Kapitänsamt von seinem älteren Bruder übernommen hat. „Über die gewinnt man übrigens auch Titel.“