FAZ 15.05.2026
14:32 Uhr

Deutschland unter Druck: Diese Krise kennen wir schon


Das Jahr 2026 erinnert in vielem an das Jahr 2001. Dazwischen kamen Reformen und goldene Jahre. Was können wir daraus lernen?

Deutschland unter Druck: Diese Krise kennen wir schon

Wenigstens die Zahlen waren damals kleiner. Der Rest allerdings sah gar nicht so sehr anders aus als heute. Im Jahr 2001, als die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ihre erste überregionale Ausgabe brachte, auch da ärgerte sich der Finanzminister über ein Haushaltsloch. Hans Eichel hieß er, und er musste für damalige Verhältnisse enorme 3,5 Milliarden Mark auftreiben. Die Geopolitik war unsicher. Es war nicht Russland, das den Westen in Schrecken versetzte, sondern der islamistische Terror. Mehrere Anschläge hatten die Terroristen schon verübt, dann kamen am 11. September 2001 die Attacken auf das World Trade Center in New York. Und mancher dachte für einen Moment, jetzt fange der Dritte Weltkrieg an. Zwar stand der damalige US-Präsident George W. Bush nicht im Verdacht, mit dem Gegner heimlich gemeinsame Sache zu machen, aber als Kriegstreiber galt er manchem schon. Und dann war da natürlich die Sache mit den Reformen. Deutschland hatte Jahre ohne ordentliches Wachstum hinter sich. Die Arbeitslosigkeit wuchs und wuchs, und das schon seit Jahren. Vor dem Land stand die bis dahin längste Rezession der Nachkriegsgeschichte. Und die F.A.S. kommentierte: „Gehandelt werden muss da, wo die Bundesregierung offenkundig das Handeln scheut. Bei Reformen des Arbeitsmarktes, des Gesundheitssystems und der Rentenversicherung. Hier setzt der Kanzler aber offenkundig auf Unterlassen.“ Das klingt gar nicht so anders, als informierte Kommentare heute klingen könnten. Es sollte damals noch ein paar Jahre dauern, bis die Reformen tatsächlich kamen. Doch dann ging es los. Das Rentenalter wurde nach hinten geschoben. Die Rentenerhöhungen wurden mit einer Bremse versehen, die sich automatisch auf die demographische Entwicklung einstellen sollte. Viele Gewerkschaften verzichteten auf übertriebene Lohnerhöhungen, um Arbeitsplätze zu sichern. Und gleich mehrere Reformen der Arbeitsagentur führten dazu, dass Arbeitslose wieder leichter eine passende Stelle fanden. 2005 war der Höhepunkt der Arbeitslosigkeit im Land erreicht. Von da an verbesserte sich die Lage am Arbeitsmarkt. Goldene Jahre – zumindest im Rückblick Es folgten goldene Jahre. Das sieht man selten so, während man drinsteckt, aber die zusammenfassende Rückschau lässt gar keinen anderen Schluss zu. Kaum drei Jahre nach dem Höhepunkt der Arbeitslosigkeit erlebte die Welt eine Finanzkrise historischen Ausmaßes. Deutschland verlängerte sein Kurzarbeitergeld und kam mit wenigen Schrammen durch. Die Welt sprach vom „Deutschen Jobwunder“. Nach der Finanzkrise gerieten gleich mehrere Eurostaaten in Finanznöte. Der Zusammenhalt des Euro war in Gefahr. Deutschland war das größte Land in der Eurozone, das die Währung für ganz Europa stabilisierte. Die Arbeitslosigkeit sank und sank. Im Jahr 2013 leisteten sich F.A.S. und F.A.Z. einen redaktionellen Schwerpunkt, in dem sie über die Aussichten auf Vollbeschäftigung nachdachten. Damals konnte sich das sonst noch kaum jemand vorstellen. Ein paar Jahre später klagte Deutschland über Arbeitskräftemangel. Das Modell bekam erste Risse In der Folge wuchsen selbst die Löhne der prekärsten Beschäftigten. Ausländer kamen ins Land und übernahmen die Arbeit, die die Deutschen selbst nicht mehr schafften. Zeitweise ging mehr als die Hälfte aller neu geschaffenen Stellen an Ausländer – und zwar nicht nur an Flüchtlinge, sondern auch an Hunderttausende von Osteuropäern aus der EU, die ohne großes Aufhebens nach Deutschland kamen, Kranke pflegten und Häuser bauten. Dem Land ging es so gut, dass es auch die Aufnahme von mehr als einer Million Flüchtlingen zumindest wirtschaftlich problemlos stemmen konnte. Obwohl viele Leute ins Land kamen, die keinen Cent mitbrachten und anfangs kaum Geld verdienten, wuchsen nicht mal die Armutsquote oder die Ungleichheit. Der Aufschwung war so stark, dass Deutschland all das einfach mitnahm. Und wie es so ist mit dem Überfluss: Als die Deutschen Arbeit im Überfluss hatten, ließ ihre Lust an der Arbeit nach. Seit Jahren gehen die Arbeitszeitwünsche der Deutschen zurück. Das Volumen der insgesamt geleisteten Arbeitsstunden wuchs trotzdem, dank der Einwanderer. Doch während die Deutschen noch ihre Arbeit von Ausländern erledigen ließen, bekam das Wirtschaftsmodell unter der Oberfläche schon erste Risse. Nachdem Deutschland mit seinen Exporten in den Zehnerjahren lange an Boden gewonnen hatte, begann der deutsche Anteil am Welthandel schon im Jahr 2017 zu schrumpfen. Von 2018 an wuchs die Wirtschaft im Land nur noch langsam. Anfangs hielt das niemand für ein großes Problem, doch jetzt wissen wir: In den Jahren danach ist im Land nicht mehr viel passiert. Deutschland fiel in die Corona-Krise, holte wieder auf und kam in die nächste Rezession. Insgesamt ist das Land heute kaum reicher als vor acht Jahren. Und schon lange bevor die Arbeitslosigkeit wirklich wieder stieg, verschob sich etwas unter der Haube: Neue Arbeitsplätze entstanden vor allem in Verwaltung und Pflege, die Industrie baute eher ab. Ein Teil der Misere ist hausgemacht Lag das alles nur an den Wirren der Welt? An der Großmachtrivalität zwischen den USA und China – und an Donald Trump, der mit seinen Zöllen den Welthandel einschränkte? An der Corona-Pandemie? An den Kriegen in der Ukraine und in Iran, die Energie teurer machten? Wenn das so wäre, müsste man in den anderen Ländern auch etwas davon merken. Unbeschadet sind die von den Kalamitäten nicht geblieben, aber Deutschland hat sich in den vergangenen acht Jahren doch schwächer entwickelt als die meisten anderen reichen Länder. Und doch hat eine Entwicklung Deutschland besonders mitgenommen, im Guten wie im Schlechten, und auch diese Entwicklung begann im Jahr 2001. Damals trat China in die Welthandelsorganisation ein und markierte so seinen Eintritt in den Welthandel. Erst war das hervorragend für Deutschland. Denn China brauchte all die Maschinen und Autos, die Deutschland zu bieten hatte. Dann wendete sich das Blatt. China wuchs immer weiter und wandelte sich vom Kunden zum Konkurrenten der deutschen Industrie. Italien habe genau das schon in den vorigen Jahrzehnten erlebt, sagt Clemens Fuest, der Chef des Ifo-Instituts, und sei so in eine längere Phase der Stagnation gekommen. Und doch erklärt das die aktuelle Schwäche Deutschlands nicht komplett. Ein großer Teil der Misere ist sehr wohl hausgemacht. Das Land hat in den vergangenen Jahren seine Infrastruktur verfallen lassen. Es hat sich in den guten Zeiten darauf konzentriert, immer neue Leute vor den Aktivitäten anderer zu schützen – und zwar so lange, bis praktisch jede Aktivität absurd schwierig wurde, vor allem die Entwicklung neuer Techniken und Geschäftsmodelle. Wenn am Münchener Flughafen die Passagiere eines Flugzeugs die ganze Nacht auf dem Rollfeld ausharren müssen, weil sich eben kein Busfahrer mehr findet, der sie zum Terminal bringen kann, dann wirkt das wie ein Sinnbild für ein Land, dem Arbeitszeitregularien wichtiger geworden sind als irgendein Erfolg. Das Land scheint fast kollektiv seine Ambitionen verloren zu haben. Mehr arbeiten, um mehr zu verdienen, das ist auch jetzt noch nicht besonders beliebt. Schafft Deutschland die nötigen Reformen? Kann so ein Land jetzt die Reformen beschließen, die es braucht, um seine Probleme zu beheben, um womöglich gar neue Geschäfte zu entwickeln und schlagkräftiger zu werden? „Ich könnte mir schon vorstellen, dass es schwer wird“, sagt Clemens Fuest vom Ifo-Institut. Er erinnert daran, dass die Arbeitslosigkeit niedriger ist als 2001 und angesichts der Demographie in den nächsten Jahren wohl nicht so hoch steigen wird wie damals. „Das hat Folgen für die Politik und die Akzeptanz von Reformen.“ Gleichzeitig, sagt Fuest, sind die Probleme vielfältiger als damals. „Die Geopolitik war damals nicht so existenziell, man musste nicht so viel Geld für Verteidigung ausgeben. Deutschland hatte noch Kernkraftwerke.“ In den vergangenen Jahren hat Deutschland zudem davon profitiert, dass Frauen jahrelang immer mehr gearbeitet haben. „Diese Reserven hat Deutschland nicht mehr.“ Auch die Einwanderung dient nicht mehr unbedingt als Reserve. Ob Deutschland kulturell noch einmal so viel Zuwanderung verkraftet wie in den Zehnerjahren, ist eine ganz eigene Frage. Es gibt nicht viele Länder, in denen der Einwandereranteil so schnell wuchs wie im Deutschland der vergangenen Jahre. Eines ist seit 25 Jahren schwach Und doch ist da eine Sache, die hat Deutschland noch übrig. In einem blieb die Bundesrepublik nämlich schwach, durch den ganzen 25 Jahre langen Zyklus von Krise, Reformen, Aufschwung und neuer Krise. In diesem einen Punkt ging es immer weiter abwärts, und zwar ungefähr seit der Jahrtausendwende. Es geht um die Produktivität je Arbeitsstunde: wie viel die Deutschen aus einer Arbeitsstunde an Wohlstand herausholen. Vom Zweiten Weltkrieg bis ungefähr 2001 holte Deutschland auf die Vereinigten Staaten auf, danach setzte sich Amerika immer weiter ab. Dabei wäre Produktivität genau das, was das Land jetzt bräuchte: mehr zu schaffen, ohne mehr zu arbeiten. Bessere Züge, mehr Behandlungen beim Arzt, neue Techniken – und das alles innerhalb der wenigen Arbeitsstunden, die das Land leisten kann und will. Warum bleibt Deutschland seit 2001 zurück? Weil es die Digitalisierung verpasst. Weil es die neuen Möglichkeiten der Technik nicht so gut nutzt wie andere. Darauf macht nicht zuletzt Harold James aufmerksam, Historiker an der Princeton University, der Deutschland seit Jahrzehnten von außen betrachtet und sich dafür großes Ansehen erworben hat. Auch er hat dieses Jahr einen runden Geburtstag gefeiert. 70 Jahre alt ist er geworden. Und doch liest er den Deutschen die Leviten in Sachen neuer Technik – jetzt über Künstliche Intelligenz. „Es kann zum Problem werden, wenn Sie sich die ganze Zeit gegen KI verteidigen wollen. Sie werden blind für die Chancen, die sich daraus ergeben.“ Aus all den Problemen helfe nur größeres Wachstum. „Wenn Sie Anwendungsmöglichkeiten von Künstlicher Intelligenz finden, dann bekommen Sie den Nutzen der KI ohne die großen Risiken, die sich die Vereinigten Staaten zumuten.“ Ganz pessimistisch möchte James die Deutschen indes nicht entlassen. „Von den Vereinigten Staaten aus blicken wir auf Deutschland und Europa mit einem gewissen Neid“, sagt er. „Die Leute außerhalb sehen die positiven Aspekte viel eher. Sie haben sich nicht auf ein verrücktes militärisches Abenteuer eingelassen. Sie machen gerade nicht alle möglichen kulturellen und wissenschaftlichen Institutionen kaputt. Und Sie haben keinen Handelskrieg begonnen. Das ist das Gute.“ Nur die Eisenbahn, meint James, „die ist in Deutschland gerade wirklich nicht sehr gut“.