Im Büro von Dominic Dorfner, dem neuen Vorstandsvorsitzenden von Jenoptik, hängt ein Bild aus der Kunstsammlung des Thüringer Technologiekonzerns. „Das Motiv erinnert ein bisschen an den Mars-Rover der amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA, den Jenoptik mit Objektiven ausgestattet hat“, sagt der promovierte Physiker über das Ölgemälde „Astronaut im Weltall“ des russischen Malers Andrei Sokolow, das hinter seinem Schreibtisch hängt. Es ist eines von mehr als 500 Werken aus der Kunstsammlung des M-Dax-Unternehmens aus Jena. „Als ich vor drei Wochen in unserem Mikrooptikwerk in Huntsville war, habe ich erlebt, wie stolz unsere Leute sind, wenn sie über so ein Projekt wie den Mars-Rover sprechen“, sagt Dorfner über seinen ersten Besuch am Standort von Jenoptik im US-Bundesstaat Alabama. Ob er das Bild mit dem Astronauten hinter seinem Schreibtisch hängen lässt, ist trotzdem offen. In den nächsten Wochen geht es für den 1980 geborenen Manager erst einmal darum, sich möglichst schnell ein Bild vom Unternehmen zu machen. Bereits Ende März wurde Dorfner vom Aufsichtsrat von Jenoptik als Nachfolger des Mitte Februar ausgeschiedenen Vorstandsvorsitzenden Stefan Traeger berufen. Bis Ende Juli war er an Semikron Danfoss gebunden, die Leistungselektroniksparte des dänischen Technologiekonzerns Danfoss. Seine Urlaubstage nutzte Dorfner in den vergangenen Wochen für mehrere Besuche an Standorten von Jenoptik in Deutschland, in den USA und in China. Am 1. August ist er an die Konzernspitze gerückt. Promotion am Halbleiterinstitut in München Jenoptik ist 1991 aus Teilen des ehemaligen Kombinats Carl Zeiss entstanden. Die Geschichte des Unternehmens geht zurück bis 1846, als Carl Zeiss seine erste optische Werkstatt in Jena eröffnete. Das Büro von Dorfner befindet sich in einem der ersten Hochhäuser Deutschlands, das 1935 am damaligen Sitz der Carl-Zeiss-Werke errichtet wurde. „Das ist das Büro von Lothar Späth, damit ist eine große Verantwortung verbunden“, sagt Dorfner über den ersten Vorstandsvorsitzenden von Jenoptik, der das Unternehmen bis 2003 leitete und 1998 an die Börse führte. „Mein Ziel war es schon immer, ein Hightechunternehmen zu führen“, sagt Dorfner über seine neue Aufgabe. Knapp zwanzig Jahre nach seiner Promotion am Walter-Schottky-Institut für Halbleiterforschung der TU München im Bereich Optik und Photonik schließt sich für ihn ein Kreis. Denn nach Stationen in der Strategieberatung bei Roland Berger, im Geschäft mit Antriebstechnik bei Voith und in der Führung von Semikron Danfoss, wo Dorfner zuletzt rund 4000 Beschäftigte und mehr als eine Milliarde Euro Umsatz verantwortete, rückt er bei Jenoptik an die Spitze eines der führenden Hersteller im Bereich Optik und Photonik in Europa. Für die Entscheidung, dem Ruf nach Jena zu folgen, habe etwas anderes den Ausschlag gegeben, sagt der in Bayern aufgewachsene Dorfner. „Ich habe den Eindruck, dass wir großes Potential haben, Jenoptik weiterzuentwickeln“, sagt er. Das deckt sich mit den Erwartungen des Kapitalmarkts. Die Analysten von BNP Paribas, die derzeit das höchste Kursziel für die Aktie ausgeben, begründen ihren Optimismus auch mit der Erwartung, dass Dorfner das Portfolio des Unternehmens mit insgesamt rund 4500 Beschäftigten straffen wird. Große Erwartungen des Kapitalmarkts Eine ähnliche Erwartung haben die Analysten der Deutschen Bank. Vor allem in den zwei Jahren an der Spitze von Semikron Danfoss habe Dorfner nachgewiesen, dass er pragmatische Entscheidungen zum Zuschnitt des Portfolios treffen könne, schreiben sie in einer Studie. Das lässt sich auch als Kritik an Dorfners Vorgänger lesen. Der im Dezember verkündete Abschied vom langjährigen Vorstandsvorsitzenden Stefan Traeger erfolgte bei Jenoptik zwar „in gegenseitigem Einvernehmen“, kam aber für viele überraschend. Auch für das Land Thüringen, den größten Aktionär des Unternehmens, kam die Entscheidung offenbar unerwartet. Der Freistaat ist indirekt mit rund elf Prozent an Jenoptik beteiligt. „Der Schritt ist höchst erklärungsbedürftig“, ließ Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) dem Aufsichtsrat nach der Trennung von Traeger öffentlich ausrichten. Kurz darauf legte Matthias Wierlacher, der Vorstandsvorsitzende der Thüringer Aufbaubank, den Vorsitz und das Mandat im Aufsichtsrat von Jenoptik ab. Der Neujahrsempfang von Jenoptik Mitte Februar in Jena geriet zur großen Abschiedsparty für Traeger. Voigt stellte dem scheidenden Konzernchef bei dieser Gelegenheit den Verdienstorden des Landes Thüringen in Aussicht. Die neue Aufsichtsratsvorsitzende von Jenoptik, Daniela Mattheus, streute Traeger zum Abschied ebenfalls Rosen aus. Die Suche nach einem Nachfolger führte sie schnell und geräuschlos zu einem erfolgreichen Abschluss. Erster Auftritt vor den Eigentümern „Wir gewinnen einen international erfahrenen CEO mit ausgeprägter technologischer Expertise und starkem Leadership“, sagte Mattheus bei der Vorstellung Dorfners Ende März. „Er steht für strategische Klarheit und konsequente Umsetzung und hat wiederholt bewiesen, dass er Technologie nachhaltig in Wachstum und Marktposition übersetzt“, sagte sie. Beim ersten Auftritt vor den Eigentümern, auf der Hauptversammlung von Jenoptik im Juni, kündigte Dorfner an, dass der Konzern „viele Dinge anpacken“ müsse. Wo er zuerst anpacken will, verrät Dorfner noch nicht. Der Strategieprozess sei bereits gestartet. „Das Schöne ist, dass wir uns aus einer Position der Stärke weiterentwickeln können“, sagt er. Die Marktkapitalisierung von Jenoptik hat sich in den vergangenen zwölf Monaten mehr als verdoppelt, auf gut zwei Milliarden Euro. Vor allem die Aussichten im Geschäft mit Ausrüstern der Halbleiterindustrie sorgen für Phantasie. „Rechenzentren brauchen Chips, und Chips brauchen Optik“, sagt der neue Vorstandsvorsitzende. ASML, der niederländische Ausrüster der Halbleiterindustrie, zählt zu den wichtigsten Kunden von Jenoptik. Im ersten Quartal hat der Konzern in diesem Geschäft die Erwartungen übertroffen. Aber auch in anderen Geschäftsfeldern sieht Dorfner Wachstumschancen. Dazu gehört der Bereich Biophotonik, der unter anderem Komponenten für Medizintechnik und in die Rüstungsindustrie liefert. „Wir sind kein Defense-Spieler, unseren Beitrag werden wir aber auch in Zukunft leisten“, sagt Dorfner. „Und es ist gut, wenn europäische Firmen in diesem Segment wachsen“, ergänzt er. Die erste Woche an der Spitze von Jenoptik ist eng getaktet. Gespräche mit Mitarbeitern, Kunden und Investoren stehen im Mittelpunkt. Dass Dorfner dabei die Puste ausgeht, ist unwahrscheinlich. In Hamburg hat er vor ein paar Wochen einen 100 Kilometer langen Marsch absolviert. „Ich bin ein leidenschaftlicher Sportler“, sagt der Familienvater. Für den traditionsreichen Berglauf über mehr als 70 Kilometer auf dem Rennsteig durch den Thüringer Wald im nächsten Frühling ist er bereits angemeldet. Die Wahl eines anderen Bildes aus der Kunstsammlung von Jenoptik für sein neues Büro wird Dorfner bei diesem Pensum wohl noch etwas aufschieben müssen.
