FAZ 08.05.2026
11:57 Uhr

Ein Jahr Leo XIV.: Der Papst, der keiner Fraktion angehört


Vor einem Jahr wurde zum ersten Mal ein Amerikaner zum Papst gewählt. Die bisher beste Biographie beschreibt Leo XIV. als Kirchenmann, der unabhängig handelt.

Ein Jahr Leo XIV.: Der Papst, der keiner Fraktion angehört

Am 8. Mai 2025 wurde Kardinal Robert Francis Prevost zum Papst gewählt. Rechtzeitig zum ersten Jahrestag der Wahl Leos XIV. ist am 30. April die englischsprachige Ausgabe der von Elise Ann Allen verfassten Biographie erschienen. Das spanischsprachige Original mit dem Titel „León XIV – Ciudadano del mundo, misionero del siglo XXI“ (Leo XIV. – Weltbürger, Missionar des 21. Jahrhunderts) kam bereits im September 2025 heraus. Eine französische und eine italienische Fassung liegen seit November 2025 beziehungsweise seit Februar 2026 vor. Es ist bemerkenswert, dass die bisher beste Biographie des ersten Papstes aus den USA erst in drei „fremdsprachigen“ Versionen herauskommt, ehe die Fassung in der Muttersprache des am 14. September 1955 in Chicago im US-Bundesstaat Illinois geborenen Papstes erscheint. Wesentliche Grundlage des Buches ist ein insgesamt gut zweieinhalbstündiges Gespräch auf Englisch, das die Vatikanjournalistin Elise Ann Allen mit Papst Leo XIV. führen konnte. Das erste exklusive Interview, das Leo nach seiner Papstwahl gewährte, wurde in zwei Sitzungen im Juli 2025 geführt. Die erste fand in der päpstlichen Sommerresidenz in Castel Gandolfo statt, die zweite im Vatikan. „Wir müssen ihn einfach er selbst sein lassen“ Das Interview ist am Ende der Biographie im Wortlaut abgedruckt. Das führt zu einigen Doppelungen. Denn Zitate aus dem Gespräch webt Allen auch in ihre detaillierte Beschreibung des Werdegangs von Robert Francis Prevost immer wieder ein – von der Kindheit und dem Studium über das Ordensleben und die Missionstätigkeit bis zu Führungsämtern als Bischof und als Kirchenrichter, als Ordensoberer und als Präfekt in Rom. Andererseits lässt Allen die Stimmen von Dutzenden weiteren Gesprächspartnern einfließen – von Familienmitgliedern und Freunden, von Kommilitonen und Gemeindemitgliedern, von Ordensbrüdern und Bischöfen. Allen stammt aus Denver im US-Bundesstaat Colorado, ist 37 Jahre alt und berichtet seit September 2013 aus Rom über die Weltkirche – zunächst für die konservative amerikanische Catholic News Agency (CNA) mit Sitz in Denver, seit 2018 für das US-Portal Crux. Das katholische Portal wurde 2014 von John Allen Jr. – dem Ehemann von Elise Ann Allen – gegründet und bis zu dessen Tod im Alter von nur 61 Jahren im vergangenen Januar geführt. Unter den amerikanischen Vatikanmedien nimmt das Portal Crux eine Mittelposition ein: Es gehört weder zur linksliberalen noch zur rechtskonservativen Strömung des US-Katholizismus. Das Gleiche kann man, ein Jahr nach der Papstwahl Leos, auch über den ersten US-Amerikaner auf dem Stuhl Petri sagen. Und Elise Ann Allen sagt genau dies über ihren Landsmann: „Er gehört keiner Fraktion an. Er ist sehr unabhängig und tut Dinge, die jeweils den einen gefallen und den anderen missfallen. Wir müssen ihn einfach er selbst sein lassen – ohne ihn in ideologischer Hinsicht zu sehr mit seinen Vorgängern zu vergleichen.“ Erfahrung im Umgang mit Missbrauchsfällen Elise Ann Allen ist ihrem Landsmann Robert Francis Prevost erstmals Ende 2018 bei einer Recherchereise zum peruanischen Missbrauchsskandal begegnet. Seinerzeit war Prevost Bischof von Chiclayo im Norden Perus und stand Allen Rede und Antwort. In den Jahren 2023 bis 2025, als Prevost Präfekt des Dikasteriums für die Bischöfe im Vatikan war, kam es zu weiteren persönlichen Begegnungen. Eine Einladung der Allens zum Abendessen in deren römischer Wohnung nahm Prevost im Oktober 2023 gerne an – und zeigte sich als Gast mit gesegnetem Appetit. Außerdem erzählte er von seiner Jugend in Chicago sowie von seinen Erfahrungen als Missionar und später als Bischof in Peru, als weitgereister Ordensoberer und als Präfekt für die Bischöfe in aller Welt. Von ihrer ersten Begegnung mit Prevost in Chiclayo berichtet Elise Ann Allen wie folgt: „Seine Worte zeugten von seiner umfassenden Erfahrung in Autoritätspositionen und im Umgang mit Missbrauchsfällen. Er hatte sich fast seine gesamte Laufbahn lang mit solchen Fällen befasst: als Richter von Kirchengerichten, als Ordensoberer der Augustiner und als Diözesanbischof in Peru.“ „Leo XIV. hat vielen Opfern zugehört“ Auch später, als Kardinal und als Präfekt in Rom, habe sich Prevost mit dem Thema Missbrauch, auch mit dessen Vertuschung durch Bischöfe, beschäftigen müssen: „Leo XIV. hat vielen Opfern zugehört. Deshalb betont er, wie wichtig es ist, den Opfern nicht nur zuzuhören, sondern ihnen auch zu glauben. Gleichzeitig weiß er als Kirchenrechtler und einstiger Kirchenrichter, dass ein Justizsystem objektiv sein und die Rechte aller Beteiligten schützen muss: ein schwieriger und langwieriger Balanceakt.“ Die Missbrauchskrise nennt Leo im Gespräch mit seiner Biographin „eine echte Krise“, mit der sich die Kirche „weiterhin auseinandersetzen muss, weil sie nicht gelöst ist“. Der wichtigste Auftrag für die Weltkirche sei es, die Opfer „mit großem Respekt“ zu behandeln, da deren Verletzungen „mitunter ein Leben lang anhalten“. Andererseits müssten in einem kirchenrechtlichen Prozess auch die Rechte der Beschuldigten berücksichtigt werden, die Unschuldsvermutung eingeschlossen. In chronologisch angelegten Kapitel beschreibt Allen den Werdegang von Robert Francis Prevost, der durch seine internationale Erfahrung, seinen großen Arbeitsfleiß und sein unermüdliches Engagement sein „Image als Weltbürger“ geprägt und gefestigt habe: „Geboren in einer westlichen Großmacht, ausgebildet als Kirchenrechtler in Rom, tätig als Missionar in Südamerika, entwickelte er sich zu einer globalen Führungspersönlichkeit, auch in Afrika und Asien.“ Es war dieses Profil, das Prevost zum fast schon unausweichlichen Kandidaten im Konklave vor einem Jahr machte: ein US-Amerikaner, der so wenig US-amerikanisch war, wie es nur ging. In ihrem Vorwort zur englischsprachigen Ausgabe hebt Allen einen Begriff hervor, den sie als Schlüssel zum Verständnis des Pontifikats von Leo XIV. nach einem Jahr Dauer betrachtet. „Welche pastorale und spirituelle Botschaft kann Leo als Amerikaner vermitteln – in dieser polarisierten, ja vergifteten Weltlage, von welcher sein Heimatland USA besonders geplagt ist? Es lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Freundschaft.“ Durch das Angebot der Freundschaft, so sei Papst Leo XIV. überzeugt, könne die Welt verändert, können die Polarisierung überwunden, könne der Weg zum Frieden gefunden werden. „So einfach ist das – und doch so schwer und auch komplex, wie jeder weiß. Denn Freundschaften erfordern harte Arbeit, sie setzen Geben und Nehmen voraus.“