FAZ 29.09.2026
11:47 Uhr

Einfacher Bezahlen: Bling gründet Schulservice


Das Berliner Start-up will Schulen von der Bürokratie rund um Klassenkassen und Mensa-Essen befreien. Die Investitionen dafür werden verdoppelt.

Einfacher Bezahlen: Bling gründet Schulservice

Nils Feigenwinter ist noch jung genug, um sich sehr genau erinnern zu können, wie viel Klassenfahrten und Ausflüge in einem Schülerleben bedeuteten. Er lenkt auch deshalb den Fokus seines vor fünf Jahren mit Bezahlkarten für Kinder gestarteten und sehr erfolgreichen Unternehmens Bling nun verstärkt auf den Schulalltag der Kinder. „Wenn ich höre, unter wie viel Bürokratie Schulen leiden und am Ende Aktivitäten wie Klassenausflüge nicht zustande kommen, weil Kraft und Zeit für die Organisation fehlen, ist das schon eine sehr starke Antriebsfeder, hier Unterstützung anzubieten“, sagt der 26 Jahre alte Gründer im Gespräch mit der F.A.Z. Er hat daher nun im September die Bling Schulservice GmbH gegründet. Die Abteilung seines Unternehmens hat nun den vollen Fokus darauf, alle Bezahlvorgänge an Schulen zu vereinfachen und zu digitalisieren und damit Sekretariate, Schulleitungen, Lehrer, Eltern und Schüler zu entlasten. Rund zehn Personen seiner gut 50 in Berlin tätigen Mitarbeiter sind in der neuen Gesellschaft tätig. „Wir werden in den wenigen Monaten bis Jahresende die Investitionen hier noch mal mehr als verdoppeln gegenüber dem, was wir hier seit gut einem Jahr schon investiert haben“, sagt Feigenwinter. Zahl der angebundenen Schulen verzehnfachen Mit Bling Mensa hatte Feigenwinter zu Jahresbeginn das in 500.000 Familien gut erprobte Bezahlsystem mit der Bling-Taschengeldkarte in Schulen gebracht und dort seither an gut hundert Schulen ein Bling-Bezahlsystem eingeführt. „Zum Schulhalbjahrwechsel im Januar gehen wir davon aus, die Zahl der Schulen zu verdoppeln, bald aber auch zu verzehnfachen“, sagt Feigenwinter. „Obwohl wir kein Marketing machen, haben wir so viele Anfragen, dass wir sie kaum bearbeiten können, das hätten wir nicht gedacht, dass der Ansturm so groß ist.“ Es ist ganz im Sinne des jungen Schweizer Gründers, dass die Bewegung von unten kommt: „Eltern bringen das Thema proaktiv von sich aus auf Elternabenden ein und stoßen die Einführung an. Das funktioniert besser, als wenn so etwas von oben verordnet wird.“ Papierlisten mit Schülernamen und Allergien, Essensmarken, Bargeldkassen und Bildungs- und Teilhabebescheinigungen per Fax gehören der Vergangenheit an. Und was in der Mensa gut klappt und für Erleichterung bei Schulen und Caterern sorgt, weitet Feigenwinter nun deutlich aus. Klassenkasse als Sinnbild für deutsche Probleme „Das nächste große Thema sind die Klassenkassen, sinnbildlich für manches, was in Deutschland besser laufen sollte“, sagt Feigenwinter. Mehr als ein Dutzend Gesetze regele den Umgang mit der Klassenkasse hierzulande. Passenderweise sind die Regelungen in jedem Bundesland anders. „Oft muss die Klassenkasse die Schulleitung einrichten, in der Praxis führen aber oft Eltern Paypal-Konten, es wird Bargeld eingesammelt, was in der Regel per Gesetz verboten ist, oder die Lehrer nehmen Zahlungen auf ihre Privatkonten, was ebenfalls meist verboten ist und von der Haftung nicht unproblematisch ist, zumal es bei Klassenfahrten um mehrere Tausend Euro je Klasse geht“, sagt Feigenwinter. Meist treten die Schulleitungen an Bling heran, oft aber auch Lehrer gemeinsam mit Eltern. Am Ende soll es für alle eine Erleichterung sein, wenn der Prozess des Geldeinsammelns, des Hinterherlaufens säumiger Eltern, der Zahlungen während Ausflügen und Klassenfahrten und der Abrechnung hinterher transparenter auf einem eigenen digitalen Konto der Klasse erfolgt. Für Bling lohnt sich der Aufwand, nicht nur weil das Unternehmen sich radikale Digitalisierung auf die Fahnen geschrieben hat und komplett neue, genau darauf zugeschnittene Systeme bauen konnte und schon eine perfekt funktionierende Zahlungsinfrastruktur hat. Bling hat auch schon so viel Wissen und Erfahrungen angesammelt bei dem Thema wie kein Zweiter. Bling verdient an den Interbankengebühren bei Bezahlungen und an (geringen) Festpreisen je Schüler, für den die Klassenkasse genutzt wird. Profitabel ist Bling dabei noch nicht. „Für uns geht erst einmal darum, die Systeme in der Fläche ans Laufen zu bringen, und die deutschlandweite Skalierung kommt dann später“, sagt Feigenwinter und meint bei der Strategie seine Investoren hinter sich zu wissen. „Wir müssen im Wesentlichen gar nichts mehr tun“ Gerade im Bereich der Mensa gibt es viele Insellösungen, die auch schon digitale Abrechnungen und Zahlungen ermöglichen. Feigenwinter ist aber überzeugt, dass ein flächendeckend angelegtes, von Grund auf digitales System große Synergieeffekte für alle Beteiligten generieren würde. „Es herrscht überall Personalknappheit, da ist es angesichts der immensen Aufgaben in der Bildung wichtig, die Zeit mit Bürokratie zu reduzieren und besser bei den Kindern zu verbringen“, sagt Feigenwinter. Björn Mayr, Schulleiter der Stiftsschule St. Johann Amöneburg, die das Bling-System nutzt, sagt einen Satz, den wohl viele Schulleiter gern sagen würden: „Wir müssen im Wesentlichen gar nichts mehr tun.“ Und: „Was sich für uns vor allem verbessert hat, ist die Kommunikation mit den Eltern. Die Eltern können direkt mit Bling kommunizieren, während wir vorher immer als Kommunikationsebene zwischengeschaltet waren.“ Feigenwinter ist auch die Erleichterung für die Gastronomiebetriebe wichtig: „Die Caterer sind ein ganz wichtiges Puzzleteil für eine erfolgreiche Ganztagsschule. Es fehlt an Caterern, die bereit sind, sich jeden Tag im komplexen System Schule ins Risiko zu begeben.“ Bling übernimmt den kompletten Support. „Die Sekretariate sollten hierzu gar keine Anrufe mehr bekommen, die haben mehr als genug anderes zu tun“, sagt Feigenwinter. „Bei unseren Anfragen überholen die Schulthemen gerade die Taschengeldkarte, es wird sehr geschätzt, dass wir da binnen einer Minute telefonisch erreichbar sind und die Anliegen schnell lösen können.“ Ganze Gemeinden könnten umstellen Generell wünscht sich Feigenwinter etwas mehr Pragmatismus: „Dann könnten wir deutlich schneller entbürokratisieren und mit wenig Aufwand viel erreichen.“ Bis auf Weiteres schlägt er sich noch mit Bescheinigungen nach dem Bildung&Teilhabe-Gesetz herum, die von Kommune zu Kommune unterschiedlich aussehen. „Manche senden es per Fax, manche per Brief, oft werden sie zu spät versendet, oft ist der diskriminierende Gang der Familien mit dem Bescheid zum Sekretariat nötig“, sagt der Start-up-Gründer. „Wir prüfen für die Schulen und auch für Kitas, denen wir ebenfalls unsere Dienstleistungen rund um Abrechnung von Gebühren und Mittagessen anbieten, alle diese Bescheide, laden sie im System hoch und integrieren es direkt in die personalisierten Bezahlkarten der Kinder, ohne dass der Caterer am Tresen sieht, ob das Essen des Kindes staatlich bezuschusst wird und ohne dass er mit dem Bescheid überhaupt etwas zu tun hat.“ Wenn er sich dann selbst in Schulen begibt, um zu sehen, wie das Bling-Bezahlterminal in der Praxis funktioniert und die Kinder mit ihren Bling-Karten um den Hals (bald vielleicht auch als Bezahlarmband) zügig in der Mensa und am Kiosk bezahlen können, sei das extrem motivierend. „Eigentlich ist es Arbeitgeberaufgabe, die Bezahlvorgänge effizient zu organisieren, aber wir erleben, dass die Systeme Schule und Sozialverwaltung sehr am Limit arbeiten und kaum Zeit und Kraft für Veränderungen bestehen und wenn, dann gehen diese sehr träge vonstatten“, sagt Feigenwinter. Er zieht seine Motivation auch aus der Dankbarkeit, wenn externe Hilfe Erleichterung schafft und ein bisschen mehr Zeit für die eigentlichen Aufgaben von Schulen und Kitas freigeschaufelt wird. Sein Ziel: mehr Gemeinden wie Donaueschingen, wo die Gemeinde alle Einrichtungen auf Bling umgestellt hat. „Wir reduzieren Verwaltungsaufwand und schaffen Freiräume“, zeigt sich der dortige Bürgermeister Severin Graf jedenfalls zufrieden.