Die Staats- und Regierungschefs der G-7-Staaten haben sich am Freitag darauf verständigt, innerhalb von vier Monaten 100 Millionen Barrel (Fass je 159 Liter) an Diesel und Rohöl freizugeben. Nach Angaben von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron soll dies dazu dienen, die Preise für Kraftstoffe zu senken. Darin enthalten ist eine umfangreiche Freigabe von Diesel schon innerhalb der kommenden 20 Tage durch die G-7-Mitglieder und -Partner. „Wir haben vereinbart, dass es keine Beschränkungen oder Exportverbote zwischen den G-7-Mitgliedern geben wird“, fügte Macron hinzu. Frankreich hat derzeit den Vorsitz der G 7 inne. Koordiniert wird die Freigabe durch die in Paris ansässige Internationale Energieagentur (IEA). Schon am Freitagvormittag hatten sich nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters die EU-Mitgliedstaaten auf Initiative Frankreichs darauf verständigt, strategische Reserven an Dieselkraftstoff freizugeben. Der nun erzielten Einigung zufolge sollen 50 Millionen Barrel aus EU-Staaten in den Verkehr kommen und die derzeit hohen Marktpreise dämpfen. Zusammen mit weiteren 50 Millionen Barrel aus Reserven anderer IEA-Mitgliedstaaten entspräche die Menge in etwa dem monatlichen Durchschnittsverbrauch in den EU-Staaten. Welche Anteile allerdings tatsächlich auf verarbeiteten Diesel und auf Rohöl entfallen, blieb allerdings zunächst unklar. Eine nach dem Treffen veröffentlichte Mitteilung der G 7 nennt lediglich eine Gesamtmenge für beide Stoffe. „Angesichts beispielloser Schwankungen auf den Ölmärkten – wobei steigende Preise die wirtschaftliche Stabilität und das Wohlergehen unserer Bürger bedrohen – haben wir uns auf entschlossene, koordinierte Maßnahmen geeinigt“, hieß es in der Mitteilung der G-7-Staaten. Dies geschehe, um „die unmittelbare Energieversorgung zu stabilisieren, Haushalte und Unternehmen vor Preisschocks zu schützen und die langfristige Widerstandsfähigkeit der globalen Energiesysteme zu stärken“. Die Dieselpreise an der Börse reagieren bereits Der Preis für Kontrakte auf verarbeiteten Diesel reagierte schon auf die vermeintliche Einigung in der Europäischen Union. Eine Stunde nach der ersten Agenturmeldung war er an der Frankfurter Börse um fast sechs Prozent im Minus. Mit fast 1400 amerikanischen Dollar je Tonne lag der Kurs aber noch immer mehr als doppelt so hoch wie zu Jahresanfang. Die Markteingriffe in der Regel skeptisch beurteilende Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche kommentierte die Einigung mit dem Hinweis auf die Rolle der Raffinerien. Die G 7 hielten nicht nur die Energieflüsse untereinander offen, sondern koordinierten auch ihre Raffineriekapazitäten und erhöhten die Auslastung, wo das möglich sei. „Das unterstreicht die strategische Bedeutung leistungsfähiger Raffinerien: Sie sichern Kraftstoffe für Verkehr und Krisenvorsorge und sind Teil zentraler industrieller Wertschöpfungsketten“, sagte Reiche. Umsetzung in kompliziertem Geflecht Den G-7-Beschluss umzusetzen, erfordert ein hohes Maß an internationaler Koordination, um das jeweilige nationale Recht und multilaterale Verpflichtungen einzuhalten. So sind due EU-Mitgliedstaaten dazu verpflichtet, so viel Rohöl oder Ölprodukte vorzuhalten, wie sie entweder innerhalb von 90 Tagen importieren oder binnen 61 Tagen verbrauchen, je nachdem, welcher Wert höher ausfällt. Eine Freigabe der Reserve darf nach geltendem Recht allerdings lediglich aufgrund tatsächlich drohenden Mangels erfolgen. Zuständiges Gremium ist eigentlich die Ölkoordinierungsgruppe, die erst am 15. Oktober wieder tagt. Dieses Gremium stimmt sich normalerweise eng mit der IEA ab. Deren 32 Mitglieder sind wiederum dazu verpflichtet, Vorräte in Höhe von mindestens 90 Tagen ihrer Nettoölimporte des Vorjahres zu halten. Jedes Mitgliedsland kann allerdings selbst bestimmen, wie es seine IEA-Vorratsverpflichtung erfüllt. Die Vorräte können ausschließlich für Notfälle bestimmt sein. Sie können aber auch für kommerzielle Zwecke in Form von Rohöl oder Raffinerieprodukten oder im Rahmen bilateraler Abkommen in anderen Ländern gehalten werden. Die Bestände können sowohl bei staatlichen Stellen als auch bei der Industrie oder speziellen Agenturen liegen. Im Falle einer schwerwiegenden Unterbrechung der Ölversorgung können die IEA-Mitglieder beschließen, die Vorräte im Rahmen einer gemeinsamen Maßnahme auf den Markt zu bringen. Selbst verfügt die IEA über keine eigenen Reserven. Als Koordinations- und Informationsstelle fällt ihr und ihrem Gouverneursrat aber eine wichtige Rolle zu. Sobald die Notwendigkeit einer gemeinsamen Maßnahme der IEA-Staaten vereinbart wurde, richtet sich der Beitrag jedes Mitgliedslandes nach seinem Anteil am gesamten Ölverbrauch der Mitgliedsländer. Eine Freigabe von Reserven gab es zuletzt im März dieses Jahres nach Ausbruch des Irankriegs, als die Rekordmenge von 400 Millionen Barrel auf den Markt geworfen wurde. In Deutschland droht der Diesel nicht knapp zu werden Eine physische Dieselknappheit würde in Deutschland auch ohne Freigabe der Reserven nicht drohen. Die amtliche Mineralölstatistik zeigt für die ersten sieben Monate des Jahres 2026 eine inländische Produktion von 19 Millionen Tonnen Diesel, eine Steigerung von rund sieben Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, während die Importe gleichzeitig um zwei Millionen Tonnen zurückgingen. Der Export liegt wiederum rund eine Million Tonnen höher als der Import. Allerdings zeigt die Statistik auch, dass die höhere Dieselproduktion zulasten der Herstellung des chemisch eng verwandten Heizöls ging. Dessen Produktion war per Ende Juli um zwölf Prozent rückläufig. In Europa decken die heimischen Raffinerien nur etwa zwei Drittel des Dieselverbrauchs. Nach den Sanktionen gegen Russland, einst das wichtigste Herkunftsland, hatten sich die Vereinigten Staaten bereits im vergangenen Jahr nach Saudi-Arabien zum zweitwichtigsten Lieferanten entwickelt. Auf sie entfielen 17 Prozent der EU-Importe, also rund sechs Prozent des gesamten Verbrauchs. Im Zeitraum von Februar bis Juni 2026 hatten sich infolge des Irankriegs die Liefermengen der Denkfabrik Global Trade Policy Observatory (GTPO) zufolge gegenüber der Vorjahresperiode verdoppelt, während sich gleichzeitig die Lagervorräte in den Vereinigten Staaten doppelt so schnell reduzierten wie in Europa.
