Ob beim Spielen und Siegen oder ob bei den Wasserduschen am Ende: Die Momente am Ende des Davis-Cup-Wochenendes in der ostwestfälischen Stadt Halle gerieten zum emotionalen Höhepunkt von Alexander Zverevs neuer Charmeoffensive. Deutschlands bester Tennisspieler steuerte nicht nur zwei Punkte bei zum 3:1-Sieg im Davis-Cup-Achtelfinale gegen Kroatien. Der Weltranglistenzweite war auch beim Feiern ganz vorne dabei. Zum sechsten Mal in sieben Jahren hat sich die deutsche Nationalmannschaft für die Davis-Cup-Finalrunde qualifiziert. In den vergangenen zwei Jahren, einmal mit, einmal ohne Zverev, verlor das Team des Deutschen Tennis Bundes (DTB) jeweils äußerst knapp im Halbfinale. Mit einem motivierten Zverev in der Form dieses Tennisjahres scheinen die Chancen auf den ersten Titel seit 1993 groß wie selten zuvor. Doch die sportliche Gemengelage des Tennisstars ist komplex. Für Zverev, das wurde in den Tagen von Halle deutlich, kollidieren zwei unterschiedliche Ziele. Auf der einen Seite strebt er als Einzelspieler den Spitzenplatz an der Weltrangliste an. Nach zwei Grand-Slam-Titeln binnen drei Monaten und den körperlichen Beschwerden des am Knie verletzten Jannik Sinner scheint die Aussicht, zur Nummer eins der Tenniswelt aufzusteigen, realistisch. Dafür muss Zverev bei den kommenden Turnieren in Asien und Europa eifrig Punkte sammeln. In 48 Stunden hat Zverev viel für sein Image getan Auf der anderen Seite fehlt ihm noch die von vielen als „hässlichste Salatschüssel der Welt“ titulierte Davis-Cup-Trophäe. Der traditionsreiche Teamwettbewerb gilt trotz gescheiterter Reformen unter Topspielern immer noch als etwas, das es zu gewinnen gilt. Roger Federer, Novak Djokovic und Andy Murray etwa komplettierten ihre Weltkarrieren, indem sie ihr Land trotz der Strapazen einer Einzelsaison mit Präsenz und herausragenden Leistungen jeweils einmal zum Titel führten. Deshalb hatte sich Zverev trotz Werbeverpflichtungen in New York, Reisestrapazen sowie gegen den Rat seines Umfelds und nach nur knapp zweitägiger Vorbereitung für das deutsche Team zugesagt. Und, als er da war, auf- und abseits des Platzes abgeliefert. Damit hat er in rund 48 Stunden auf natürliche Art und Weise mehr für sein Image getan, als das frühere PR-Berater über Jahre hinweg nach Fehltritten und Vorwürfen häuslicher Gewalt versuchten. „Ihr macht daraus, glaube ich, ein bisschen mehr Belastung, als es sich für mich anfühlt“, sagte der Neunundzwanzigjährige auf dem Platz ins Mikrofon, angesprochen auf die Strapazen dieser Woche seit seinem US-Open-Triumph vergangenen Sonntag. Ob der nun zweimalige Grand-Slam-Champion seine Energieleistung bewusst herunterspielte oder es wirklich exakt so fühlt, ist schwer zu sagen. Zudem bürdet er sich selbst Auftritte auf, die eine Stange Geld bringen, aber sportlich zweitrangig sind: Am kommenden Wochenende spielt Zverev mit dem Team Europa beim Schauturnier Laver Cup in London. Zverevs Aufschlag und Offensivpower liegen nahe am Optimum Seine deutschen Teamkollegen empfingen ihn in der vergangenen Woche herzlich. Zverev trainierte nach seiner Ankunft am Donnerstag im leeren Stadion sofort mehrere Stunden konzentriert. Tags darauf arbeitet er daran, sich an den im Vergleich zu New York viel langsameren Hardcourt anzupassen. Er wirkte auf natürliche Art und Weise integriert ins DTB-Team. Am Samstag wurde er von rund 8000 Zuschauern beim Einlaufen gefeiert. Seine Leistung beim Sieg gegen das kroatische Talent Matej Dodig bezeichnete er als „okay“. Er übertraf sie am Sonntag gegen die gegnerische Spitzenkraft Dino Prižmić, die am Samstag Daniel Altmaier besiegt hatte. Aufschlag und Offensivpower lagen bei Zverev am Sonntag nahe am Optimum, nachdem er von Kevin Krawietz und Tim Pütz die perfekte Doppel-Vorlage geliefert bekam. Die US-Open-Finalteilnehmer besiegten die Olympiasieger Mekic/Pavic mit ihrer laut eigener Aussage vom Niveau her besten Davis-Cup-Leistung ihrer Karriere. Die deutschen Fans bestaunten Zverevs starke Leistung, den 3:1-Erfolg über Kroatien und die Charmeoffensive, die der Weltranglistenzweite sowie das gesamte Team an den Tag legten. Fast eine Stunde blieben die Spieler noch auf dem Centre Court, spielten Ballwechsel mit Fans und gaben Autogramme. Der neue Hauptsponsor des Teamwettbewerbs hatte die Aktivitäten eingefädelt. Den Zuschauern schien es egal, sie sahen eine geschlossene, erfolgreiche Teamleistung, in die sich Zverev ohne Allüren und mit guter Laune einfügte. Applaus erhielt Deutschlands bester Tennisspieler für seine wiederholte Generalkritik an dem seit Jahren üblichen Konzept, das Davis-Cup-Jahr mit einer Finalrunde zu beenden. „Das hier, mit der Heim- und Auswärtsatmosphäre, ist der richtige Davis Cup“, sagte Zverev. „Das, was wir in Bologna spielen, ist absoluter Mist.“ Die Zusicherung, dass er Ende November bei den Finals in der italienischen Stadt antritt, wollte Zverev nicht geben: „Das Ziel ist, mit der Mannschaft dabei zu sein. Bis dahin sind es aber noch zwei Monate mit viel Tennis. Wir werden sehen, wo die Reise hingeht.“ Wenn alle Umstände passen, weiß Teamkapitän Michael Kohlmann, bliebe noch Zeit für den ersten deutschen Davis-Cup-Titel seit 1993. „Er weiß, was er an diesem Team hat, sonst wäre er nicht nach Halle gekommen.“ Man bleibe angesichts seines vollen Spielplans stetig im Austausch. „Dann werden wir zu gegebener Zeit sprechen.“
