FAZ 01.10.2026
15:02 Uhr

Evangelische Kirche: Volker Wissing für hohes Kirchenamt im Gespräch


Der frühere FDP-Politiker soll nach F.A.Z.-Informationen das höchste Laienamt im deutschen Protestantismus übernehmen. Die bisherige Präses der EKD-Synode tritt nicht wieder an.

Evangelische Kirche: Volker Wissing für hohes Kirchenamt im Gespräch

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) steuert auf eine personelle Neuaufstellung zu. Die amtierende Synode trifft sich im November zum letzten Mal; Ende April 2027 wird sich in Hannover ein neues Kirchenparlament für die kommenden sechs Jahre konstituieren. Dann wird auch ein neuer Präses an der Spitze der EKD-Synode gewählt. Denn die aktuelle Synodenpräses, Anna-Nicole Heinrich, wird nicht noch einmal für dieses Ehrenamt kandidieren, wie sie am Donnerstag erstmals bestätigte. „Ich habe mein Amt als verlässliches Engagement für eine begrenzte Zeit verstanden“, begründet die 30 Jahre alte Organisationsberaterin diesen Schritt im Gespräch mit der F.A.Z. Mit der Wahl der damaligen Studentin Heinrich hatte die EKD im Jahr 2021 ein Zeichen ihres Erneuerungswillens gesetzt. „Wir haben inzwischen deutlich mehr junge Menschen in verantwortlichen Positionen“, lobt Heinrich diesen Ansatz, die sich künftig an anderer Stelle in der Kirche einbringen möchte. Ein Schwerpunkt ihrer Amtszeit sei es gewesen, die Sprachfähigkeit der Christen in ihrem Glauben zu stärken. Infolge des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine habe die EKD zudem ihre Friedensethik einem „Realitycheck“ unterzogen und grundlegend überarbeitet. Die von Heinrich betriebene Verkleinerung der EKD-Synode fand hingegen keine Mehrheit. Diese Abstimmung bedeute aber nicht das Ende der Debatte, sondern eher einen Doppelpunkt, sagt Heinrich. „Wenn die ganze evangelische Kirche sich verschlanken muss, betrifft das grundsätzlich alle Ebenen“, sagt sie. „Kirchenentwicklung beginnt für mich nicht mit einem Organigramm, sondern mit der Frage: Was brauchen Menschen – und was davon können wir in der Kirche ihnen geben?“ Die Personalie Wissing wird seit Monaten vorbereitet Da sich der Abschied von Heinrich intern bereits seit geraumer Zeit angedeutet hatte, laufen in der EKD schon seit einigen Monaten Überlegungen, wer stattdessen die ranghöchste Laienfunktion im deutschen Protestantismus übernehmen könnte. Dabei spielt auch eine Rolle, dass die Studentin Heinrich aus einer gewissen Verlegenheit heraus gewählt worden war. Denn 2021 stand kein bekannter Politiker zur Verfügung, um als Präses der EKD-Synode eine Tradition fortzusetzen, die von Gustav Heinemann über Jürgen Schmude und Katrin Göring-Eckardt bis zu Irmgard Schwaetzer reicht. Auch wenn die Zahl der bekennenden Protestanten in der Politik seither nicht größer geworden ist, möchte man in der EKD wieder an diese Reihe anknüpfen. Fest im Blick hat man den früheren Bundesverkehrsminister Volker Wissing. Der langjährige FDP-Politiker hat in seiner pfälzischen Heimatgemeinde jahrelang Orgel gespielt und entstammt einer calvinistischen Familie. Wissing hat seinen christlichen Glauben zwar niemals offensiv vermarktet, seine Haltung aber auch nicht verschwiegen oder versteckt. Kontaktaufnahme liegt viele Monate zurück Die Kontaktaufnahme zwischen EKD-Vertretern und Wissing liegt nach F.A.Z.-Informationen bereits viele Monate zurück. Um die Personalie vorzubereiten, fand Ende April bereits eine Podiumsdiskussion mit Wissing und Heinrich am Berliner Gendarmenmarkt statt. Dort ging es auch um die Frage, warum der 56 Jahre alte Rechtsanwalt nach dem Bruch der Ampelkoalition nicht wie andere FDP-Minister von seinem Ministeramt zurückgetreten war, sondern stattdessen seine Partei verlassen und sein Amt als Bundesminister weitergeführt hatte. Wissing hat dieses Verhalten später auch in einem Buch mit dem Titel „Verantwortung“ begründet. Der Plan ist nach F.A.Z.-Informationen, dass Wissing im November zunächst von seiner pfälzischen Landeskirche in die EKD-Synode gewählt wird. Wissing würde damit auch Mitglied der pfälzischen Synode. Die Alternative dazu wäre, dass Wissing nicht gewählt, sondern von der EKD in die Synode berufen wird. Für solche Berufungen wichtiger Funktionsträger gibt es in der EKD ein größeres Kontingent. Durch Wahl und Rückbindung an seine Landeskirche bekäme Wissing allerdings zusätzliche Legitimität. Im kommenden April könnte die neue EKD-Synode Wissing zu ihrem Präses wählen. Durch dieses Amt würde Wissing dann auch dem Leitungsgremium der EKD angehören, dem 15-köpfigen Rat der EKD. Die anderen 14 Mitglieder des Gremiums werden erst im November 2027 gewählt. Dann muss auch ein neuer EKD-Ratsvorsitzender gewählt werden, da die 65 Jahre alte EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs ebenfalls nicht wieder antritt. Die Wahl Wissings an die Spitze des Kirchenparlaments ist aber noch nicht sicher, da es in Synoden keine festen Fraktionen gibt und sich die dortigen Wahlen schon häufig als kaum kalkulierbar erwiesen haben. Wissing könnte Gegenkandidaten bekommen, zudem könnten Vorbehalte gegen die FDP in den Reihen der Synodalen eine Rolle spielen. Ihnen stünde aber Wissings Verhalten beim Bruch der Ampel entgegen. Daher ist man in EKD-Kreisen vorsichtig optimistisch, dass sich die Synodalen auf die Personalie einlassen.