FAZ 11.09.2026
17:04 Uhr

F.A.Z.-Serie Schneller Schlau: Produktfälschungen: Günstig oder alles nur geklaut


Gefälschte Sneaker, Trikots und Handtaschen sind nur einen Klick entfernt. Wie groß das Geschäft mit Plagiaten ist – und warum es nicht nur der Wirtschaft schadet.

F.A.Z.-Serie Schneller Schlau: Produktfälschungen: Günstig oder alles nur geklaut

Illustration: Felipe Gonzalez Schneller Schlau Günstig oder alles nur geklaut Von JULIA BELLAN 12. September 2026 · Die Schuhe auf der Secondhand-Plattform erschienen wie ein Schnäppchen. Daher war die Freude groß, die teuren Treter zu einem um 30 Prozent niedrigeren Preis als im Laden und in sehr gutem Zustand erstanden zu haben. Mit der Lieferung kam die Ernüchterung: Bei genauerem Hinsehen und im Vergleich mit Fotos auf der Website des Schuhherstellers fielen deutliche Verarbeitungsfehler auf. Die Schuhe waren ein Fake – eine dreiste Produktfälschung. Reingefallen, unwissentlich ein gefälschtes Produkt bestellt. Zahlreiche Kunden haben schon Fälle von Produkt- und Markenpiraterie erlebt. Fälschungen verletzen geistiges Eigentum, indem sie ein geschütztes Design nachahmen oder eine Marke unerlaubt auf einem Produkt anbringen. Weil Design einen hohen wirtschaftlichen Wert hat, sind designgetriebene Branchen wie Mode, Möbel und Elektronik nach Angaben des Deutschen Patent- und Markenamts (DPMA) besonders häufig betroffen. Mehr als 19.000 Mal zog der deutsche Zoll im vergangenen Jahr gefälschte Waren aus dem Verkehr. In 6692 Fällen handelte es sich um Bekleidung. Der Wert der beschlagnahmten Stücke lag bei mehr als 313,5 Millionen Euro. In weiteren 4820 Aufgriffen stellte der Zoll Plagiate von Handtaschen und anderen Accessoires sicher, darunter Sonnenbrillen, Schmuck und Uhren. Auch Schuhe, Spielzeug und Spielekonsolen, Kosmetika und Arzneimittel wurden vom Zoll sichergestellt. Insgesamt belief sich der Wert der aufgegriffenen Waren auf rund 446 Millionen Euro. Die Zahlen lassen keine unmittelbaren Rückschlüsse auf die tatsächliche Verbreitung von Fälschungen zu. Sie bilden nur die Ergebnisse der Maßnahmen des Zolls ab. Ein einzelner Aufgriff kann laut Generalzolldirektion eine einzelne Ware, aber auch eine Sendung mit einer großen Zahl gleichartiger oder unterschiedlicher Produkte umfassen. Bei Tabakerzeugnissen und Zigaretten gab es 2025 beispielsweise nur sechs Aufgriffe. Beschlagnahmt wurde dabei dennoch eine große Zahl an Packungen im Gesamtwert von knapp 98.000 Euro. Tabakwaren gehören neben Schuhen, Strickbekleidung, Lederwaren und Handtaschen zu den am häufigsten gefälschten Produkten. Das geht aus einer Untersuchung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hervor. Die Organisation hat den GTRIC-p-Index entwickelt, mit dem die Fälschungsanfälligkeit verschiedener Produktkategorien im internationalen Handel – die relative Wahrscheinlichkeit, dass Warengruppen von Produkt- und Markenpiraterie betroffen sind – angegeben wird. Schuhe, Strick- und Lederwaren sowie Handtaschen erreichen den Höchstwert 1,0. Schmuck hat einen Index-Wert von 0,866, Arzneimittel (0,201) und Lebensmittel (0,139) sind weniger häufig betroffen. Insgesamt wurden in fast 50 der 96 von der OECD definierten Produktkategorien Fälschungen identifiziert. Fast zwei Drittel der vom deutschen Zoll aufgegriffenen Fälschungen im Jahr 2025 stammten aus China. Zwei Jahre zuvor waren es mehr als 72 Prozent. Andere Herkunftsländer gewannen an Bedeutung: Aus der Türkei kamen 2023 gut sechs Prozent der Fälscherware, 2025 waren es gut elf Prozent. Der Anteil der Plagiate aus Großbritannien lag 2023 bei 1,15 Prozent, 2025 waren es 5,7 Prozent. Wie die Daten zum Warenwert und zu den Aufgriffen beziehen sich auch diese Werte nur auf das Hellfeld, also auf die aufgespürten Produktfälschungen. Sie lassen daher nicht unmittelbar auf einen Trend schließen, können laut Zoll aber auf veränderte Warenströme, Transportrouten und ein anderes Kaufverhalten hindeuten. Deutschland ist international einer der Top-Zielmärkte für Fälschungen. Die OECD und das Amt der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO) veröffentlichten 2025 eine Studie, für die Daten aus den Jahren 2020 und 2021 ausgewertet wurden. Von den global beschlagnahmten Waren in den beiden Jahren war der Anteil in Deutschland am größten, mehr als ein Viertel des internationalen Werts an Fälschungen wurde hierzulande sichergestellt. Auf Platz zwei lagen die Vereinigten Staaten mit 22,6 Prozent. Der Markt für Fälschungen unterliegt einem ständigen Wandel, die Handelsrouten entwickeln sich weiter. Laut OECD und EUIPO nutzen Fälscher etwa internationale Wasserstraßen wie die Donau und verfolgen sogenannte Lokalisierungsstrategien: Einzelteile und Etiketten werden getrennt versendet und näher am Zielmarkt zusammengefügt. Diese Lokalisierung der Montage könne dazu führen, dass Waren wie Düngemittel, Kosmetika, Spielzeug und Arzneimittel in den Beschlagnahmedaten unterrepräsentiert sind, obwohl sie weit verbreitet sind. Zudem nutzen die Fälscher Onlineplattformen und den regulären Postversand, um den legalen Handel zu unterwandern. Sie verschicken Kleinstpakete mit nur einem oder wenigen gefälschten Produkten. Eine vollständige Kontrolle solcher Sendungen übersteigt die Kapazitäten der Zollbehörden. Gefälschte Trikots lassen sich zum Beispiel einfach auf etlichen Websites bestellen. Die Bezahlung erfolgt über Paypal ohne Verwendungszweck, damit die Transaktion unauffällig bleibt. Möglich war dies bislang auch wegen der Zollfreigrenze für Warensendungen unter 150 Euro. Diese durften zollfrei aus Nicht-EU-Ländern eingeführt werden. Damit ist seit dem 1. Juli 2026 Schluss. Die EU hat die Freigrenze abgeschafft, nun wird eine pauschale Zollabgabe von drei Euro je Warenkategorie fällig. Außerdem müssen Produktkennungen angegeben werden, was die Kontrolle erleichtern soll. Als Teil der Reform der europäischen Zollunion soll im Herbst die neue European Union Customs Agency (EUCA) mit Sitz im französischen Lille entstehen. Sie soll unter anderem eine neue EU-Zolldatenplattform aufbauen und die Zusammenarbeit der nationalen Zollbehörden unterstützen. Wer im Türkeiurlaub oder online ein gefälschtes Trikot kauft, freut sich vermutlich zunächst über das vermeintliche Schnäppchen. Einer Erhebung der EUIPO zufolge haben 13 Prozent der Europäer schon wissentlich gefälschte Ware gekauft. Bei den 15- bis 24-Jährigen waren es 26 Prozent. An wirtschaftliche Schäden denken dabei wohl die wenigsten. DPMA-Präsidentin Eva Schewior warnte daher zum Beginn der Urlaubssaison: „Produkt- und Markenpiraterie schadet den Unternehmen, die Geld in die Entwicklung und Produktion der Originale investieren, kostet in Deutschland Zehntausende Arbeitsplätze und mindert den Wohlstand für uns alle. Teils gefährden gefälschte Produkte sogar die Gesundheit von Menschen.“ Allein die Bekleidungsbranche in der EU verliert durch Fälschungen jährlich 12 Milliarden Euro Umsatz, auf Deutschland entfallen davon 2,9 Milliarden Euro. Frankreich und Italien folgen mit je rund 1,7 Milliarden Euro. Weil die Unternehmen weniger Originale produzieren, kosten Plagiate die Branche europaweit rund 160.000 Arbeitsplätze im Jahr. In Deutschland gehen mehr als 31.000 Stellen verloren, in Italien sind es 19.081, in Polen 15.378. Während der illegale Handel mit importierten Fälschungen in der EU vor allem wirtschaftlichen Schaden anrichtet, ist er in den Herstellerländern auch ein gesellschaftliches Problem. Die Produktion der Fälschungen geht dort häufig mit der Ausbeutung von Arbeitern, Zwangsarbeit und Kinderarbeit einher, wie eine OECD-Analyse zeigt. 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