Illustration: Felipe Gonzalez F.A.Z.-Serie Schneller schlau Hier spielt die Musik Von BENJAMIN FISCHER, Grafiken: JULIA BELLAN, Datenrecherche: MATTHIAS JANSON (Statista) 27. Juli 2026 · München, Paris, ein Kurzauftritt in der Halbzeit des WM-Finales und dann weiter in den USA: 79 Konzerte stehen auf dem Tourplan der K-Pop-Superstars BTS – natürlich allesamt in Stadien und Arenen. Damit dürfte die Band einen der vorderen Plätze in der Jahresauswertung von Pollstar einnehmen, wenn nicht gar das Ranking anführen. Die alljährliche Liste des Fachmagazins für die Livebranche weist die wirtschaftlichen Rahmendaten der weltgrößten Tourneen aus. Vor allem aber zeigt sie sehr gut, warum der bloße Blick auf den Gesamtumsatz aus dem Ticketing nur bedingt sinnvoll ist. So spielte die Comeback-Tour der Gallagher-Brüder fast genau so viel ein wie Beyoncés „Cowboy Carter Tour“, benannt nach dem im Jahr 2024 erschienenen Country-Album der Amerikanerin. Doch während Oasis „nur“ mit Band auf der Bühne standen, die mit einer riesigen LED-Wand versehen war, gehörte zur Beyoncé-Show obendrein eine aufwendige Inszenierung mit einer großen Tanz-Crew, diversen Bühnenbildern und mehr. All diese Faktoren spielen am Ende bei der Kalkulation der Ticketpreise eine Rolle. Natürlich immer vor dem Hintergrund, was Künstler und ihre Teams mit Blick auf die Kosten, aber eben auch ihre erhofften Einnahmen aus der Tour ansetzen wollen. Beyoncé absolvierte so vergleichsweise wenig Konzerte und verkaufte auch weniger Tickets als andere in den Top Ten. Platz eins im Ranking bescherte ihr der höchste durchschnittliche Ticketpreis und die Tatsache, dass sie im Gegensatz zu beispielsweise Lady Gaga ausnahmslos in sehr großen Veranstaltungsstätten spielte. Die Konzertwelt prägen vor allem drei Unternehmen: Weltmarktführer Live Nation aus den USA, die ebenfalls US-amerikanische Anschutz Entertainment Group (AEG) und der M-Dax-Konzern CTS Eventim. Den meisten Konzertbesuchern dürften vor allem Live Nation und Eventim ein Begriff sein. Beide veranstalten zahlreiche Tourneen und Festivals, wobei das Gros der globalen Stars auf Live Nation als Tourveranstalter setzt. Obendrein betreiben beide selbst Spielstätten und besitzen Ticketingplattformen, die auch bei Events konzernfremder Veranstalter oft die erste Anlaufstelle für Fans sind. Live Nation managt zudem auch zahlreiche Musiker. Zu AEG gehören ebenfalls Veranstalter und ein Ticketingdienstleister. Nicht zuletzt Taylor Swifts „Eras Tour“ wurde von einer AEG-Gesellschaft organisiert. Doch im Gegensatz zu den beiden börsennotierten Konkurrenten hält sich AEG wie auch Besitzer Phil Anschutz öffentlich eher bedeckt. Dafür ist AEG im Bereich Immobilien umso umtriebiger: Mehr als 70 Arenen besitzt oder betreibt die Gruppe, in Los Angeles und London hat der Konzern ganze Entertainment-Viertel rund um Spielstätten errichtet. Auch das Areal um den Uber-Platz in Berlin hat AEG entwickelt. Sportteams gehören ebenfalls zum Portfolio, in Deutschland zum Beispiel das Eishockeyteam Eisbären Berlin. Ihre Heimspiele tragen die Eisbären in der 17.000 Fans fassenden Uber Arena aus, die wie die kleinere Uber Eats Music Hall und die Barclays Arena in Hamburg AEG gehört. In Spielstätten investiert derzeit auch Eventim. Der Unipol Dome in Mailand wurde Anfang des Jahres eröffnet, in Wien laufen die Planungen, und im Gespräch mit der F.A.Z. schloss Eventim-Chef Klaus-Peter Schulenberg weitere Projekte in Europa nicht aus. Wobei Eventim die Spielstätten nicht dauerhaft besitzen wolle. In solchen Plänen drückt sich eine Zuversicht aus, die die Prognosen für den Livemarkt untermauern. Die nominalen Umsätze von Live Nation und Eventim lagen schon im Jahr 2022 über Vor-Pandemie-Niveau. Bis die Anzahl der Konzerte hierzulande auf dieses Level kam, dauerte es allerdings bis 2025. Die Besucherzahlen erholten sich schneller, primär getrieben von 53 Großkonzerten mit mehr als 50.000 Zuschauern im Jahr 2024. Die Zahlen der GEMA (Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte) ermöglichen einen guten Überblick über die hiesige Konzertlandschaft. Denn Setlisten von Konzerten müssen bei der Verwertungsgesellschaft eingereicht werden. Nur so können Songwriter und Verlage hinter den gespielten Songs für die Aufführung vergütet werden. Die Datensammlung gibt so auch ein Ranking der meistbesuchten Konzertlocations her. Im vergangenen Jahr ging Platz eins klar an die Lanxess Arena in Köln. Allzu überraschend kommt das nicht, immerhin ist die von Eventim betriebene Spielstätte die größte Multifunktionsarena Deutschlands. Je nachdem, welche Stars in der Open-Air-Saison hierzulande haltmachen, kann das Ranking aber auch gleich anders aussehen: Im Jahr 2024 war der Olympiapark München dank Konzerten von Taylor Swift und Coldplay im Olympiastadion die klare Nummer eins. Auf Platz drei stand übrigens die Messe München. Ein Ort, den man auf den ersten Blick nicht in der GEMA-Auswertung erwartet hätte. Der Grund: Adele spielte in einer temporären Arena auf dem Messegelände zehn Konzerte vor laut GEMA-Daten insgesamt 721.441 Fans. Große Tourneen, Festivals und Shows stehen naturgemäß besonders im Fokus. Doch rund 90 Prozent der Konzerte in Deutschland sind vergleichsweise kleine mit gerade einmal bis zu 500 Besuchern. Im vergangenen Jahr fanden fast genau so viele Shows dieser Größe wie im Jahr 2019 statt, ihre Besucherzahl aber liegt nach wie vor unter dem Vor-Corona-Niveau. Kleine Klubkonzerte fungieren neben ihrer kulturellen Funktion als Basis für den Aufbau neuer Künstler, die im Idealfall später einmal die größeren Spielstätten füllen. Gleichzeitig sind diese Shows für Veranstalter oft nicht profitabel. Nicht selten werden sie durch größere Events querfinanziert. Eine schwache Auslastung der kleinen Shows verkompliziert dieses Unterfangen weiter – zumal die gesamte Branche noch ein anderes Problem umtreibt. Seit der Pandemie sind die Kosten für die diversen Gewerke enorm gestiegen. Diese Entwicklung spiegelt sich in den Ticketpreisen wider. Die Möglichkeit, höhere Kosten an die Kartenkäufer weiterzugeben, ohne gleichzeitig eine nennenswerte Zahl von Fans zu verprellen, hat aber längst nicht jeder Künstler. Und natürlich ist es auch nicht so, dass jeder den Spielraum komplett ausreizt, nur weil die Möglichkeit dafür besteht. Doch gerade bei weniger bekannten Künstlern ist der Spielraum überschaubar. Ein brancheninterner Ansatz zur Unterstützung von kleineren Spielstätten und Veranstaltern kommt derweil nur schleppend voran. Von den 15 größten deutschen Veranstaltern hätten bislang nur drei ihre Zusage für ein Modell gegeben, mit dem ein Euro je Ticket für eine größere Show in einen Fonds fließen soll, sagt Felix Grädler, selbst Veranstalter und einer der Initiatoren des „Live Music Fund“. Die Mittel aus dem Fonds sollen nach vorab festgelegten Kriterien vergeben werden. In Kraft trete das Modell aber erst bei mindestens zehn Unterzeichnern. Schneller Schlau Warum 250 Millionen Euro für Deutschlands Schwimmbäder nicht reichen Schneller Schlau Gibt es den viel beschworenen Privatschulboom? Schneller schlau Nachrichten und Hintergründe, grafisch erklärt. Alle Beiträge
