FAZ 20.03.2026
10:20 Uhr

Fashion: Hessen wird neu designt


Das Land gibt sich ein Corporate Design und sucht den Schulterschluss mit einem hippen Jungdesigner. Was das wohl ergibt?

Fashion: Hessen wird neu designt

Man muss den Tatsachen ins Auge sehen: Hessen mag 80 sein – aber die Zeiten, in denen das Land eine Art Design-Zentrum gewesen ist, sind schon weit länger vorbei. Die Mathildenhöhe, mittlerweile UNESCO-Welterbe, hat ihre erste Ausstellung 1901 übrigens mit einem ordentlichen Defizit abgeschlossen. Es gibt Solitäre, mit denen Hessen glänzt. Dieter Rams ist im Design der höchste Stern des Hessen-Himmels, einige Produktdesigner und Modeschöpfer haben Wurzeln im Hessischen. Die Landesregierung aber hat sich fest vorgenommen, „Hessen auf die Weltkarte für Design-Exzellenz zu setzen“, wie es zu Jahresbeginn aus der Staatskanzlei hieß. Die World Design Capital, an deren Fleischtöpfen nun alles teilhaben möchte, was auch nur im Allerweitesten mit Gestaltung zu tun hat und das in den allermeisten Fällen auch ohne WDC stattgefunden hätte, lässt grüßen. Das Kabinett also, das demnächst im Museum Angewandte Kunst zum Thema Corporate Design tagen wird, schreitet weiter strammen Schrittes voran auf dem Weg, das Land als Design-Mekka neu zu vermessen. Wer also gedacht hat, das Corporate Design eines Bundeslandes bestehe womöglich in dessen Wappen und Landesfarben und damit gut, muss umdenken. Da geht noch mehr. Bislang allerdings sind die Gestaltungsideen des Landes, erst recht der Landesregierung, noch nicht mit allzu großer Exzellenz aufgefallen. Die Älteren erinnern sich an Tausende roter und weißer Kunststofflöwen von Ottmar Hörl, der auch sonst zu den Lieblingsdesignern des Landes gehört, oder an ein Hessen-Parfüm im Hessen-Flakon, das einst mit Aplomb vermarktet wurde. Was also wird uns das Kabinett nun präsentieren, wenn der hessische Jungdesigner Samuel Gärtner, mit einem hippen roten X dem Land Hessen verbunden, sich nun ein Corporate Design des Landes „als Verbindung von Design, Fashion und Identität im Rahmen der World Design Capital“ ausgedacht hat? Gärtner, Jahrgang 1998, hat 2022 seine Models auf dem Eisernen Steg laufen lassen. Seine Mode, mit der er unter anderem den hiesigen Tiktok-Star Chany Dakota und die Sängerin Nelly Furtado eingekleidet hat, zeichnet sich nicht nur durch sehr viel nackte Haut, Geschnürtes und Durchsichtiges aus. Sie ist eine gewagte Kombination von pompös und ultraleger. Im Gegensatz zur Sprachpolitik der Hessischen Landesregierung ist sie überdies genderfluid. Hat man all diese Elemente erst einmal mit einem gemeinsamen Erscheinungsbild des Landes Hessen und seines Kabinetts zusammengedacht, wird man die Bilder im Kopf nicht mehr los. Und kann die Präsentation kaum erwarten.