Wie alles anfing? „Wir kommen ja aus dem Rheinland“, antwortet Christina Schelhas auf die Frage nach dem Weg zur Bühne. Ihr Lachen bestätigt die Herkunft: „Ich würde sagen, es war der Kölner Karneval, der die Leidenschaft fürs Verkleiden und fürs Theaterspielen entfacht hat.“ Ihre Schwester Elisabeth erzählt von einer großen Kostümkiste auf dem Dachboden und Theaterstücken im Garten. Nein, die Eltern kamen nicht aus den darstellenden Künsten, „gar nicht“: Der Vater arbeitete als Ingenieur, die Mutter als Heilpädagogin. Aber sie hätten die Töchter „liebevoll“ auf ihrem Weg unterstützt. Die 1985 geborene Christina studierte Regie an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg. Elisabeth, Jahrgang 1980, belegte in Hildesheim Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis. Parallel zur Theaterarbeit spezialisierte sie sich auf Fördermittel-Management. Sicher eine der guten Voraussetzungen des Duos, um nun in Mainz als Nachfolgerinnen von Andreas Meder die Leitung des Theaterfestivals „Grenzenlos Kultur“ anzutreten. Es ist, so die Selbstbeschreibung, „das älteste Festival im deutschsprachigen Raum, bei dem behinderte und nichtbehinderte Künstlerinnen und Künstler gleichberechtigt gemeinsam auf der Bühne stehen“. Seit dem Start der Intendanz von Markus Müller 2014/15 ist es am Staatstheater Mainz zu Hause. Die 28. Ausgabe findet vom 24. September bis 4. Oktober statt und soll unter dem Titel „Ver-rückte Jahre“ einen eigenen Blick auf „Die Goldenen Zwanziger“ werfen, das Motto des Kultursommers Rheinland-Pfalz. Seit August 2025 bilden die Schwestern die Doppelspitze der „Lebenshilfe Kunst und Kultur gGmbH“, die in Deutschland hinter sechs inklusiven Festivals steht. „Wir lieben die Festivals, weil wir merken, wie unterschiedlich Inklusion dabei gelebt wird, wie wichtig die Festivals für die Städte sind.“ Für „No Limits“ in Berlin zum Beispiel sei ein eigenes Kurationsteam ausschließlich aus behinderten Kulturschaffenden eingeladen. Das Miteinander beim Festival „Alles muss raus!“ in Kaiserslautern, ein „Ausnahmezustand“ mit 15.000 Personen auf den Straßen, trägt für die Schwestern eine utopische Note: „Wenn man sich an den drei Tagen in Kaiserslautern aufhält, dann denkt man: So könnte eine Stadtbevölkerung aussehen!“ In Mainz freut sich das Duo über eine „wertschätzende“ Kooperation mit dem Staatstheater und über die „tolle“ Bühne des Kleinen Hauses, die ihnen auch die Einladung internationaler Produktionen ermögliche. „Die Räume, die Bühnen sind größer geworden“, sagt Christina Schelhas zur Entwicklung des Festivals, das von der „Aktion Mensch“ und dem Kultursommer unterstützt wird: „Das ist kein Nischenprojekt der freien Szene mehr, sondern prominent platziert.“ Mittlerweile liegt der Etat bei 330.000 Euro für diese Festivalausgabe, die Auslastung von „Grenzenlos Kultur“ am Staatstheater lag in den vergangenen drei Jahren kontinuierlich um die 80 Prozent, viele Vorstellungen im Kleinen Haus waren ausverkauft, was rund 2500 Besucherinnen und Besucher für 2025 bedeutet hat. Zu den „Highlights“ zählen die Schwestern „Leichter Gesang“, ein „wilder Ritt“ mit dadaistischen Sprachspielen, für den das Deutsche Theater Berlin mit dem inklusiven Ramba-Zamba-Theater zusammenarbeitet. Es sei dem Staatstheater, wie Intendant Markus Müller bei der Vorstellung des Programms in der Bar „Zum grünen Kakadu“ sagte, „wirklich ein Bedürfnis“, das Festival ausrichten zu dürfen. Die Kakadu-Bar diene dabei als Raum der Begegnung und des Austauschs. Ellen Kubica, Landesbeauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderungen, betont, dass es sich bei Inklusion und Barrierefreiheit nicht um milde Gaben handele. Teilhabe am kulturellen Leben sei ein Menschenrecht. Gleichberechtigung auf der Bühne leben die Schwestern selbst Wie Gleichberechtigung von behinderten und nichtbehinderten Künstlerinnen auf der Bühne aussehen kann, wird in der Familie Schelhas schon lange vorgelebt. Zum Beispiel 2021 gemeinsam mit Theresa, der jüngsten der Schwestern, in dem Stück „Der Mythos beginnt!“. Das „Schwesternprojekt“ will Schönheitsideale und konventionelle Familienbilder hinterfragen. Theresa, Jahrgang 1987, hat das Downsyndrom und ist, wie eine ZDF-Dokumentation zeigt, als Performerin nicht weniger begeistert vom Zusammenspiel als ihre großen Schwestern: „Ich liebe die Bühne halt!“ War es für die großen Schwestern nicht schwer, plötzlich die Aufmerksamkeit teilen zu müssen, als Theresa auf die Welt kam? „Wir waren stolz auf sie“, sagt Christina und erinnert daran, dass zu den Geschwistern auch noch ein großer Bruder gehört. Das Nesthäkchen wurde natürlich verteidigt. Nach und nach haben die Kinder „von außen“ mitbekommen, dass die familiäre Situation „anscheinend nicht ganz so normal“ ist, wie sie dachten. „Wir sind sehr dankbar, dass wir in so einer Familie aufgewachsen sind.“ Dabei gehe es nicht nur um den Weg zum Theater und zu einem „tollen Job“. Dankbar sind die Schwestern „für die Perspektive auf die Gesellschaft und Welt“. Das erste gemeinsame Stück des als „SchelhasCoOperation“ auftretenden Trios entstand schon 2011 im Rahmen des Regiestudiums von Christina und thematisierte die Abnabelung vom Elternhaus. „There is no orchestra“ habe dazu beigetragen, dass sich eine zunächst primär fürsorgliche Beziehung zu Theresa zu einem Verhältnis auf Augenhöhe entwickeln konnte. Bei „Grenzenlos Kultur“ in Mainz ist Theresa nicht mit im Boot, aber ihre Schwestern hoffen, dass sie das Festival besuchen wird. In der Leitungsfunktion sehen sich Elisabeth und Christina als „eingespieltes Team“, das sich in der künstlerischen Handschrift sehr nahe ist. Natürlich laufe auch schwesterliche Zusammenarbeit „nicht immer reibungslos“, aber alle für die Organisation wichtigen Belange würden gemeinsam im Kurationsteam entschieden, zu dem Jörg Vorhaben zählt, der leitende Schauspiel-Dramaturg des Staatstheaters. „Prinzipiell machen mir Excel-Listen und die finanzielle Abrechnung großen Spaß“, sagt Elisabeth, „ein bisschen mehr als Christina, die als Theaterregisseurin andere Schwerpunkte setzt. Deswegen liegt die Finanz- und Buchhaltung schon eher bei mir.“ Im Programm freut sich Christina Schelhas besonders auf die Eröffnungspremiere, die deutsche Erstaufführung der britischen Produktion „It’s a Motherfu**ing Pleasure“ der Theatergruppe FlawBored: „Ich bin so gespannt, wie das Mainzer Publikum darauf reagiert. Das ist nämlich wirklich eine wortgewandte, humorvolle Bühnensatire, die sehr intelligent ist und alles aufs Korn nimmt.“ Das Stück hinterfrage auf humorvolle Weise den Versuch, aus Behinderung Kapital zu schlagen. Eine starke Handschrift verspricht sie auch für die drei kurzen, unter dem Titel „EigenRegie“ versammelten Stücke, in denen Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen nicht nur mitwirken, sondern künstlerische Verantwortung übernehmen. „Es sind wirklich sehr eigene Projekte, denen ich eine ausverkaufte Vorstellung wünsche.“ „Ich liebe Grusel und Horror light“, bekennt Elisabeth Schelhas und nennt „Altbau in zentraler Lage“ vom Schauspiel Leipzig einen Favoriten: „Gebärdensprache ist hier von Anfang an mitgedacht.“ Sehr beeindruckt habe sie in dieser „Schaueroper“ das Zusammenspiel von gehörlosen Schauspielerinnen mit dem Leipziger Ensemble. „Grenzenlos Kultur“ findet vom 24. September bis 4. Oktober am Staatstheater Mainz statt. Informationen unter www.grenzenlos-kultur.de
