FAZ 27.09.2026
13:06 Uhr

Flexible DFB-Kader: Gestern noch Junior, heute Klopps Mann


Jürgen Klopps Kaderplanungen erfordern bei den Juniorenteams viel Flexibilität. Trainer Di Salvo kann damit leben, Kapitän Bischof profitiert wie kein Zweiter.

Flexible DFB-Kader: Gestern noch Junior, heute Klopps Mann

Ein sanfter Hauch von Wehmut schwang mit, als sich Tom Bischof nach dem 4:0 der deutschen U-21-Nationalmannschaft in Lettland von seinem Team verabschieden musste. Der Mittelfeldspieler des FC Bayern ist der Kapitän dieser Mannschaft, die sich am kommenden Mittwoch und am darauffolgenden Dienstag in Duellen auf Malta sowie gegen Georgien für die Europameisterschaft 2027 qualifizieren möchte. Bischof wird fehlen, verlässt sein Team aber aus erfreulichen Gründen: Der 21 Jahre alte Münchner darf die kommenden Tage bei Jürgen Klopps A-Nationalmannschaft verbringen. Er werde „die Jungs vermissen“, sagte Bischof in Lettland über seinen Wechsel vom Anführer bei U-21-Trainer Antonio Di Salvo zum Neuling bei Klopp. „Beide Rollen tun mir sehr gut“, erklärte er schon am Tag vor dem souveränen Sieg der Junioren in Lettlands Hauptstadt Riga. Bei der U 21 könne er „brutale Verantwortung übernehmen, das muss ich aber oben auch“. Klopp hat sich in der vergangenen Woche als begeisterter Bischof-Fan gezeigt und ausdrücklich zwei beeindruckende Fernschusstore des Münchners bei einem hart erkämpften 3:2-Sieg in Freiburg in der Vorsaison erwähnt. „Tom ist ein feiner Fußballer und einfach ein toller Kerl“ Spieler, die das können, „gibt es auf dieser Welt nicht so viele“, sagte der Bundestrainer: „Tom ist ein ganz feiner Fußballer, hat ganz viel strategisches Talent und ist einfach ein ganz toller Kerl.“ Die beiden haben sich schon während Klopps Besuch bei einer Trainingseinheit des FC Bayern ausgetauscht und kennengelernt. „Er ist ein sehr mitreißender Mensch, die Gespräche mit Jürgen machen einfach Spaß“, schmeichelte Bischof nun zurück. Der gebürtige Unterfranke ist der einzige Spieler, der in dieser Länderspielpause sowohl mit der U 21 zu tun hatte als auch mit der A-Nationalmannschaft. Diese Art der Planungsflexibilität ist neu, zumal auch die Verantwortlichen beim FC Bayern eingebunden sind. In München hat Bischof bislang nur wenige Spielminuten bekommen. Die Chefrolle bei der U 21 tat ihm gut, jetzt sollen diese Erfahrungen bei Klopp den nächsten Entwicklungsschritt erleichtern. Die Wettkampfbelastung ist ebenfalls erwünscht. Grundsätzlich sind derartige Wechselspiele zwischen oben und unten nicht neu. Sie haben aber eine neue Qualität, seit Bundestrainer Klopp oben vorgibt, wie gearbeitet wird, und zwei Kader mit 44 Spielern nominiert hat. Acht dieser 44 A-Nationalspieler sind auch für die U 21 spielberechtigt, weshalb Di Salvo Klopps Herangehensweise auch als Ärgernis empfinden könnte. Schließlich will er dringend die Qualifikation für die Europameisterschaft schaffen, die 2027 in Serbien und Albanien stattfindet. Dort werden drei Teilnahmeberechtigungen für die Olympischen Spiele 2028 vergeben, und genau solche Erlebnisse sind den Verbandsleuten wichtig, um wieder eine Turniermannschaft zu werden. „Ich gehe den Weg von Jürgen Klopp voll mit.“ Unter anderen Umständen könnte Di Salvos Kader für die EM schon jetzt Formen annehmen. Die ist inmitten der Umbruchdynamik bei der A-Nationalmannschaft jedoch unmöglich geworden. Dennoch sagt Di Salvo: „Ich gehe den Weg von Jürgen Klopp voll mit.“ Ungewissheiten und Spielerwechsel dieser Art habe es schon immer gegeben. Alles ganz normal also? In jedem Fall weigert sich Di Salvo beharrlich, Vergleiche zu den Jahren mit dem nach der WM entlassenen Bundestrainer Julian Nagelsmann zu ziehen. Auch da sei viel kommuniziert worden. Zugleich ist jedoch erkennbar, dass er die unkonventionelle Planung mit den zwei Kadern interessant findet und die Aufbruchstimmung genießt. Klopp sei ein „aufmerksamer Zuhörer“, sagte Di Salvo in der vorigen Woche. Er berichtete von etlichen Videocalls und einem sechsstündigen Austausch auf dem Verbandsgelände in Frankfurt, in dessen Verlauf mehrere Juniorentrainer des DFB zu Wort kamen. Klopp tritt demnach nicht einfach nur als Bundestrainer auf, sondern als Führungskraft mit Blick für die Gesamtstrategie, mutmaßlich inspiriert von seiner Zeit als Global Head of Soccer bei Red Bull. So kommen Speziallösungen wie der Bischof-Wechsel von unten nach oben zustande. Aber auch der Vorgang, in dessen Verlauf Louey Ben Farhat (von Freiburg nach Karlsruhe verliehen) und Noahkai Banks (FC Augsburg) nach etlichen Spielen für die Juniorenteams von Tunesien und die USA zum DFB wechseln werden, ist ein bemerkenswerter Erfolg. Zuletzt sind ja eher Spieler von den Juniorenteams des DFB zu anderen Verbänden übergelaufen, wenn es entsprechende familiäre Verbindungen gab. „Ich finde das beeindruckend, mutig und selbstbewusst, diesen Verbandswechsel vorzunehmen, weil sie sich als Deutsche fühlen, weil sie den Weg mit Deutschland gehen möchten, weil sie sich auch zutrauen, bei guter Leistung vielleicht auch für die A-Nationalmannschaft zu spielen“, sagte Di Salvo. Es ist eine Art von Bewegung im System, die offenkundig Energien freisetzt. Eventuell wird auch ein Spieler wie Paris Brunner, der zuletzt mit einem Wechsel zur DR Kongo liebäugelte, und der bei seinem Debüt in der U 21 in Lettland am Samstag zwei Tore schoss, im Moment nur schwer gute Argumente gegen diesen DFB finden.