Die Schlote rauchen, es riecht nach alter Autowerkstatt, und vor dem Tor der Raffinerie springen die Tankwagenfahrer mit ihren Laufzetteln aus dem Fahrerhaus. Im Laufschritt eilen sie ins Verkaufsgebäude, um sich die Mengen und Preise bestätigen zu lassen. Seit Krieg herrscht in Iran, spielen die Ölpreise verrückt. Man muss schnell reagieren in Dongying, dem Zentrum der chinesischen Kleinraffinerien. An der Mündung des Gelben Flusses landeten hier bis zuletzt die Tanker mit sanktioniertem Rohöl an. Und hier wird es auch direkt weiterverarbeitet. „Früher haben wir unseren Preis ein- oder zweimal täglich festgelegt“, sagt Herr Guo im Verkäuferhaus von Lihuayi-Öl. Seit dem Irankrieg aber, sagt er, „machen wir zehn Preise am Tag“. Herr Guo trägt einen blauen Kittel mit Namensschild. Er hält sich an der Wand seiner Bürokabine fest. Balkendiagramme und Zahlen leuchten auf seinem Bildschirm auf, mit Statistiken und Preisen verschiedener Ölsorten. Guo sagt: „So eine Volatilität hatten wir selbst nach dem Beginn des Ukrainekriegs 2022 nicht.“ Lihuayi ist eine von 22 Kleinraffinerien in Dongying, dem Zentrum der sogenannten Teekannenraffinerien in China, wie sie wegen ihrer im Vergleich zu den Staatsbetrieben geringeren Größe oft genannt werden. Zuletzt hat China zwölf Prozent seines importierten Öls aus Iran bezogen. Verarbeitet wurde es nicht in den chinesischen Staatsbetrieben. Dicht an dicht stehen die privaten Raffinerien hier nebeneinander: Lihuayi, Wantong, Shenchi und viele andere Namen. Und es sieht so aus, als seien manche ihrer Schlote gerade nicht mehr in Betrieb. Iran hat gründlich vorgesorgt Herr Guo sagt, ob oder wie viel Rohöl aus Iran sie in den Tanks haben, müsse man andere fragen. Er verweist an die Rohölabteilung der Raffinerie. Der Weg zu den Büros der Rohölabteilung führt an Pipelines und Rohöltanks vorbei. Jeder Tank hier ist bestimmt zwanzig Meter hoch und ebenso breit. Im Rohölbüro zeigt man sich kürzer angebunden. „Wir beziehen praktisch kein Öl aus Iran“, sagt der Zuständige. Für Gespräche müsse man in die Firmenzentrale in der Stadt. Dort heißt es dann noch kürzer: Ohne Genehmigung der örtlichen Propagandaabteilung der Kommunistischen Partei gibt es kein Gespräch. Tschüss. Vier Sicherheitsmänner achten darauf, dass man ins Taxi steigt und wegfährt. „Die Rohölpreise setzen die Teekannenraffinerien jetzt unter Druck“, sagt Xu Muyu vom Rohstoffanalysehaus Kpler in Singapur. Die Margen sinken. Aber die Lagerbestände halten noch. Zwei Wochen bis einen Monat reichen die Tanks der meisten Kleinraffinerien hier, bis Nachschub hermuss. Und dieses Öl könnte auch weiterhin aus Iran kommen. „Unsere Daten zeigen, dass sich gerade mehr als 160 Millionen Barrel iranisches Öl in Tankern außerhalb des Persischen Golfs befinden“, sagt Xu Muyu der F.A.Z. „Das könnte die Nachfrage der Raffinerien für mindestens drei weitere Monate decken.“ Achtzig Prozent des iranischen Öls gingen nach China Iran hatte am Persischen Golf offenbar vorgesorgt. Vor der faktischen Schließung der Straße von Hormus, dem Nadelöhr für fast alle Energietransporte aus dem Nahen Osten, platzierte das Regime eigene beladene Tanker auf offenem Meer hinter der Meerenge. Für viele der Kleinraffinerien in Dongying kann das ein Rettungsanker sein. Denn Alternativen haben die Teekannenbetreiber kaum. „Rohöl von anderswo ist deutlich teurer. Wenn China nicht mehr genug aus Russland und Iran beziehen kann, hätten die Raffinerien keine Chance mehr auf Profit“, sagt Analystin Xu. Wie schwimmende Lager liegen die Tanker jetzt auf See zwischen dem Nahen Osten und den Küsten von China und Malaysia, dem Drehkreuz für den sanktionierten Ölhandel. Aus Malaysia hatte China zuletzt mehr Öl importiert, als Malaysia überhaupt selbst fördert. Malaysia liegt am Seeweg zwischen Iran und China. Um die Herkunft des Öls zu verschleiern, wurde Öl aus Iran in Malaysia von Schiffen der sogenannten Schattenflotte auf andere Tanker umgeladen, die dann weiter nach China fahren. Achtzig Prozent des iranischen Öls gingen vor Kriegsbeginn an Peking. Schätzungen zufolge liefert Iran im Krieg immer noch mehr als eine Million Barrel pro Tag nach China. Ein iranischer Vertreter sagte dem Sender CNN, Iran prüfe, „einer begrenzten Anzahl von Öltankern“ die Durchfahrt zu gestatten – vorausgesetzt, die Ölladung werde in chinesischen Yuan gehandelt. Vorerst scheint es ganz so, als könnte sich Iran die weitgehende Schließung der Straße von Hormus leisten. Wer hält länger durch? Denn wenn alleine diese Schiffe auf See iranisches Öl für weitere drei Monate tragen, dann stellt sich die politische Frage, wer länger durchhält: Die leidenserprobten chinesischen Ölmänner? Oder Donald Trumps MAGA-Anhängerschaft an den Zapfsäulen mit steigenden Benzinpreisen? Chinas gesamte Ölreserven halten sogar noch länger, von mindestens vier bis fünf Monaten ist die Rede. Zudem importiert die Volksrepublik weiterhin Öl aus Staaten wie Russland, Kanada oder Brasilien, für deren Lieferweg die Straße von Hormus keine Rolle spielt. Ein Drittel seines Öls (und mehr als die Hälfte seines Erdgasverbrauchs) fördert die Volksrepublik außerdem selbst: etwa in Xinjiang oder im Golf von Bohai, der bis vor die Küste hier in Shandong reicht. Einer, der es vor Ort genauer weiß, heißt Zhang. Herr Zhang hat in Dongying für den Staatskonzern Sinopec gearbeitet und ist heute Energieberater. An der Wand seines Büros hängen Karten mit Ölvorkommen in Shandong, der Welt und China. „Die Stimmung im unabhängigen Raffineriesektor Shandongs ist in letzter Zeit recht angespannt“, sagt Zhang. „Der maximale Preis, den Shandongs unabhängige Raffinerien verkraften können, liegt bei achtzig bis 85 Dollar pro Barrel.“ Darüber lohnen sich die Margen nicht mehr, spielen sanktionsbedingte Rabatte kaum noch eine Rolle. Zum Leidwesen der Teekannenraffinerien liegt der Ölpreis jetzt bei mehr als hundert Dollar. So nimmt der Druck in Dongying zu. Ein Tanklastwagenfahrer erzählt, früher habe er alle zwei Tage Öl ausgeliefert, jetzt nur noch alle drei bis vier. „Es sind schon zwölf Tage im März vergangen, und ich hatte erst meine vierte Tour.“ Als er seine Lieferung beendet habe, schrieb ihm der Chef eben vor, erst mal zu warten. Jetzt steht er vor einer Nudelbude und fragt, wie viel Geld man eigentlich als Trucker in Deutschland verdienen könne. Alle warten hier ab. Wegen der Preise, nicht weil das Öl aus ist. „Der Krieg betrifft alle“, sagt der Trucker. Letztes Jahr hatte China noch elfeinhalb Millionen Barrel Öl jeden Tag importiert, anderthalb Millionen davon täglich aus Iran. Das entsprach rund zwölf Prozent der gesamten chinesischen Ölimporte. Das Öl wurde bis vor einem Jahrzehnt noch von Chinas großen Staatsbetrieben verarbeitet. Als Washington 2018 seine Sanktionen gegen den iranischen Energiesektor verschärfte, zogen diese sich aus dem Irangeschäft zurück. Doch es wurde vorgesorgt: 2015 erhielten die Teekannenproduzenten in Shandong erstmals Lizenzen von der chinesischen Regierung zum Kauf und für die Verarbeitung von importiertem Rohöl. Der Weg nach Iran wurde so frei. Die Kleinraffinerien sind wichtige Arbeitgeber Für manche Kleinraffinerien war das die Rettung. Denn immer wieder hatte Chinas Zentralregierung die wenig rentablen und umweltschädlichen Betriebe schließen wollen. Aber die Lokalregierungen waren dagegen. In Shandong sind die Raffinerien ein wichtiger Wirtschaftszweig. Im chinesischen Abschwung brauchen die Behörden jeden Arbeitsplatz. Niemand hier will die Teekannenbetriebe schließen. Schließlich hat die Ölindustrie eine lange Tradition in der Region Shandong. 1964 wurde hier zum ersten Mal Öl gefunden, und noch heute wird in Shandong vor der Küste und an Land selbst gefördert. Überall stehen hier die blau und rot lackierten Pferdekopfpumpen. In gemächlichem Auf und Ab bewegen sich die Getüme über dem ausgedörrten Boden um Dongying. An der Straße, auf kargen Äckern, selbst auf dem Gelände mancher Teekannenraffinerien. Viele Gründer der Kleinraffinerien hatten einst auf dem mächtigen Shengli-Ölfeld gearbeitet und sich dann selbständig gemacht. Sie wurden von den Landkreisen unterstützt, um ihre Wirtschaft anzukurbeln, erzählt der Pipelinemanager Chang, der einst selbst auf dem Shengli-Feld arbeitete. In der Innenstadt von Dongyin ist den ersten Ölmännern eine Gedenkstätte gewidmet. Chang zeigt die hier ausgestellte Pumpe. Aus ihr kam nach langer Suche damals das erste Öl, in geopolitisch ebenfalls aufgeladener Zeit: In den Sechzigerjahren lagen die sino-sowjetischen Beziehungen am Boden, Moskau hatte seine Ölexporte nach China gedrosselt. Es gibt kaum noch Rabatte Heute stellt Russland wieder rund zwanzig Prozent der chinesischen Ölimporte. Lange schon will Moskau mehr liefern, aber Peking sucht eigene Abhängigkeiten zu vermeiden. Das könnte sich je nach Lage ändern. Schon heißt es, Shandongs Teekannenraffinerien haben ihre Abnahme von per Schiff geliefertem russischem Rohöl erhöht. Da sie im Russlandgeschäft mit den chinesischen Staatsbetrieben und deren Pipelines konkurrieren, ist ihre Verhandlungsmacht gesunken. Es gibt kaum noch Rabatte – auf die sind die Raffinerien in Dongying aber angewiesen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Ob in Dongying heute auch aus Venezuela noch Öl ankommt, mag hier keiner offen sagen. Chang sagt: „Schweres Rohöl wie das aus Venezuela würde definitiv nicht durch Pipelines transportiert werden.“ Rund vier Prozent seines Öls hatte China vor dem US-Eingreifen in Caracas aus Venezuela bekommen. Das ist weniger, als man aus Brasilien bezieht – aber wichtig für die Kleinraffinerien von Dongying. Der Machtapparat lässt strategische Reserven anlegen Ausführlich berichtet Chang über die Lagerhaltung, die überall in China vorangetrieben wird. Am Hafen haben sie neue Lagertanks mit drei Millionen Tonnen Kapazität errichtet. Zahlreiche dieser runden Tanks stehen jetzt im Marschland hinter der Hafenanlage. Seit 2025 verpflichtet ein Gesetz Chinas Öl- und Gasfirmen zur Lagerhaltung. Der Staatskonzern Sinopec habe im Osten von Dongying weitere Lager über noch einmal mehr als drei Millionen Tonnen gebaut, sagt Chang. „In den letzten zehn Jahren sind Chinas Ölspeicherkapazitäten dramatisch gestiegen.“ Das folgt Pekings Autarkiepolitik. Der Machtapparat bereitet sich auf schwere Krisen vor und lässt für viele Güter strategische Reserven anlegen. Gerade verbot Peking den Raffinerien Treibstoffexporte ins Ausland, um kriegsbedingte Verknappungen zu verhindern. „Die chinesische Regierung legt großen Wert auf zwei Dinge“, sagt Chang: „Nahrungsmittel und Öl“. Nun heißt es, die Krise könne den Übergang zu sauberer Energie beschleunigen. Auf Shandongs Teekannen kommen harte Zeiten zu. Aber Chinas Energiepolitik trifft der Irankrieg insgesamt weniger als andere. Mitarbeit: Wang Binghao
