Herr Vonhof, wie wird man zum Stadtwanderer? Ich bin ein passionierter Fußgänger. Man sieht einfach viel mehr. Einmal bin ich im Schwanheimer Wald im Westen Frankfurts auf der beliebten und gut ausgebauten Langschneise einem Reh begegnet, das abseits in etwa drei Meter Entfernung stand. Wir schauten uns etwa zwei Minuten bewegungslos an. In dieser Zeit sind links und rechts von mir rund 30 Radfahrer durchgezischt, keiner hat vom Reh was mitbekommen. Das war für mich eine Art Schlüsselerlebnis. Das Wandern zu Fuß im Grüngürtel habe ich dann immer mehr ausgebaut. Sie halten sich in Ihrem Buch an die neun Etappen des offiziellen Rundwanderwegs, der an der Höchster Mainfähre beginnt. Der längste Abschnitt ist 18 Kilometer lang … Diese Einteilung habe ich übernommen. In meiner Version gibt es aber zahlreiche Abstecher, da im offiziellen Rundwanderweg viele spannende Sachen am Wegesrand gar nicht enthalten sind. Die Etappen sind daher bei mir auch deutlich länger, die Schlenker sind aber fakultativ. Und wieso sollen die sich lohnen? Bleiben wir im Schwanheimer Wald: Dort muss man einfach den Rohsee gesehen haben, für mich so etwas wie die Frankfurter „Everglades“. Ein versumpfter See mit Luft- und Stelzwurzeln, das sind jahrhundertealte Wurzelstöcke. Ein paar Hundert Meter entfernt kommt ein alter Brunnen, der zu einer ehemaligen römischen Villa rustica gehörte. Im Brunnen wurde bei Straßenbauarbeiten für die B 40 in den Siebzigerjahren ein Skelett aus der Römerzeit gefunden – mit reichen Opferbeigaben. Wer der Tote war, ist immer noch rätselhaft. Das alles erfahren Sie genauer im kleinen Heimatmuseum in Schwanheim. Im Stadtwald ist der Fluglärm vom nahen Flughafen meist nicht fern. Stört Sie das als Wanderer nicht? Das hat Vor- und Nachteile. Im Süden des Schwanheimer Waldes, im Altheeg, sind wegen des Fluglärms deutlich weniger Ausflügler unterwegs. Die Natur scheint sich damit aber zu arrangieren. Wildschweine sind dort sehr gut vertreten. Nur die Vögel müssen sich beim Singen in einer solchen Umgebung mehr anstrengen und lauter sein, wie wissenschaftliche Studien auch zeigen. Sie kennen als gebürtiger Höchster den Frankfurter Westen wie Ihre Westentasche. Aber was für Überraschungen gab es denn im Osten für Sie? Großartig sind das Enkheimer Ried und Teile des Berger Rückens, da war ich vorher noch nie. Auf den Streuobstwiesen nördlich vom schilfbewachsenen Riedweiher kommt ja der Steinkauz vor. Und was ich nicht wusste: Dort finden sich auch noch – wie im Schwanheimer Wald – alte Kriegstrümmer aus der zerbombten Frankfurter Innenstadt. Der Grüngürtel steht wegen neuer Straßen und Trassen immer wieder vor Eingriffen, Stichwort Riederwaldtunnel oder die Pläne zum zehnspurigen Ausbau der A5 im Frankfurter Westen. Ist das nicht ein Bedrohungsszenario? Ich sehe eher große Chancen, gerade im Westen. Um die von der nahen Industrie geprägten Stadtteile Sindlingen und Zeilsheim herum gibt es noch wunderschöne Flächen, zum Teil mit alten Obstbäumen bestanden. Diese könnte man dem Grüngürtel gut zuschlagen. Ein Problem ist, dass wohl kaum ein Stadtverordneter schon jemals in Zeilsheim oder Sindlingen war. Das ist außerhalb ihrer Erfahrungswelt. Der Grüngürtel hat sich in den vergangenen Jahren auch positiv weiterentwickelt, die Auenwälder im Fechenheimer Mainbogen werden renaturiert, genauso wie die Nidda entlang ihrer Wehre … Die Renaturierung der Nidda ist ein toller Erfolg. Aber gerade am Höchster Wehr, das jetzt im Volksmund „Nieder Wildwasser“ genannt wird, zeigt sich die Kehrseite. Hunderte von Leuten, die im Fluss waten oder mit Motorrädern und Quads ins Naturschutzgebiet kommen. Dann nützt es nichts, wenn dort Laichgebiete für Fische angelegt werden. Die Stadt muss härter vorgehen, notfalls auch mit Bußgeldern. Das alleinige Aufstellen von Verbotsschildern bringt nichts. Wie sind Sie eigentlich für Ihre Wanderungen ausgerüstet? Ich habe immer einen kleinen Rucksack dabei, im Sommer auch Wasser und stets einen Wanderstab. Der ist in erster Linie mein Taktgeber, kann aber auch bei Touren frühmorgens gegen Wildschweine helfen (lacht) … Und auch gelegentlich gegen „wild gewordene“ Radfahrer? Nein, denen weiche ich lieber aus. Im Wald ist das aber einfacher als an der Nidda. An Sommerwochenenden ist der Nidda-Uferweg leider eine einzige Katastrophe. Wie könnte denn gerade an der Nidda das Miteinander von Rad- und Fußwanderern entspannter aussehen? Das ist schwierig. Heute sind viele mit ihren E-Bikes unterwegs – darunter auch viele Ältere mit Geschwindigkeiten, die sie gar nicht beherrschen. E-Scooter-Fahrer haben den Uferweg an der Nidda ebenfalls als Rennstrecke entdeckt. Die Stadt hat dort auf dem Weg in den Asphalt den Hinweis gepinselt: „Rücksicht macht Wege breit“. Aber das ist leider Wunschdenken.
