Was wäre eine Zeitungsredaktion ohne ihr Archiv? Ein Gehirn, das sich nicht mehr erinnern kann, was es schon geschrieben und also gedacht hat, woher es kommt und wohin es wollte. Eine Zeit lang meinten hocheffiziente Medienmanager überall auf der Welt, man könne sich ein eigenes Archiv sparen. Kostet ja nur. Wofür gibt es denn Google? Und erledigt jedenfalls jetzt nicht alles die KI? Deren Schöpfer und Trainer täten freilich nichts lieber, als ihre Algorithmen mit den Daten zu füttern, die in einem gut geführten Archiv gesammelt und nutzbar gemacht werden. Franz-Josef Gasterich, der von 1992 bis 2021 die Abteilung Archive und Informationsprodukte dieser Zeitung leitete, erkannte schon den Wert dieses Goldes, als viele es noch für Blei hielten. Den Schatz der F.A.Z. hat der gebürtige Aachener gehütet und gemehrt, seit er 1989 nach einem Studium der Politikwissenschaft sowie Geschichte und nach einem Praktikum in einem Archiv in unser Haus kam. Wirtschaftlich sehr erfolgreich Gasterich wusste nicht nur um die Bedeutung eines Archivs als hausinterne Informationsquelle und als identitätsstiftender Ort der Selbstvergewisserung. Er baute das ehemals klassische Papierarchiv auch zu einem wirtschaftlich sehr erfolgreichen Lieferanten digitaler Informationsangebote für externe Kunden um, und das schon zu einer Zeit, als Medienhäuser, die sich für besonders fortschrittlich hielten, ihre „Inhalte“ noch verschenkten. Der in der deutschen Archiv- und Dokumentationsszene hoch angesehene Gasterich war auf seinem Gebiet ein Pionier der Digitalisierung und einer der Vordenker und Impulsgeber in den Debatten darüber, welche Aufgaben Archive in den stürmischen Zeiten der digitalen Revolution erfüllen könnten und müssen. In einer Welt, die überquillt mit Falschnachrichten und gefälschten Dokumenten aller Art, kommt es mehr denn je darauf an, dass es verlässliche Informationsquellen gibt. Gasterich, zeit seines Berufslebens der F.A.Z. und ihren publizistischen Idealen engstens verbunden, hütete eine davon. Nichts und niemand konnte die Höflichkeit dieses Wächters erschüttern, obwohl er selbst hochsensibel war. Sinn für das Wesentliche, analytischer Weitblick Die Redaktion dankte ihm seine guten Dienste und die Wertschätzung, die er allen Mitarbeitern entgegenbrachte, mit ebenso großer Hochachtung. Gasterichs wohlverdienter Ruhestand war von einer Erkrankung überschattet, die ihn auch schon in den letzten Dienstjahren belastet hatte. Auch sie konnte jedoch bis zu seinem Ausscheiden nicht seinen Sinn für das Wesentliche und seinen analytischen Weitblick trüben. Am 23. Mai ist Franz-Josef Gasterich im siebzigsten Lebensjahr in Bochum gestorben.
