Leuchtend grünes Gras, blauer Himmel mit fluffigen Wolken, im Hintergrund raue Felsen und vorne, direkt am Meer, ein halbes Dutzend Hütten in gedämpften Farben: Weiß, Schwarz, Braun, Grau. Sie stehen an der Bucht von Hósvík auf den Färöer-Inseln. Darin untergebracht: die Boote der Färinger. Die App „Selfnavigatingcars.com“ hat mich zu diesem Postkartenmotiv gebracht. Sie ist der Versuch der Tourismusbehörde, den Strom an Menschen an Orte zu lenken, die weniger bekannt sind. Wie nach Venedig, Dubrovnik oder Machu Picchu bekommen mittlerweile auch die rauen Eilande im Atlantik immer mehr Besucher, die sich an immer weniger Orten verteilen. Sie stehen vor dem „Grabstein“ von James Bond in der Nähe des Kallur-Leuchtturms, wandern nach Trælanípa und zum Bøsdalafossur-Wasserfall, an dessen Ende ein See liegt, der über dem Meer zu hängen scheint, oder fahren hinaus zu den atemberaubenden Felsnadeln, die zwischen den Inseln Vágar und Tindhólmur aus der See ragen. Überall dort muss man inzwischen Eintritt zahlen. Allerdings weiß man etwa aus Venedig, dass Gebühren Touristen kaum schrecken. Viele haben ohnehin schon tausend Euro und mehr ausgegeben, um überhaupt an ihre Urlaubsorte zu gelangen, da machen Eintrittsgelder keinen großen Unterschied mehr. Am Machu Picchu limitiert man daher die Besucheranzahl streng. In einigen Nationalparks der USA werden Tickets über ein Lotteriesystem verlost. Die Insel Capri hat für den kommenden Sommer die Größe der Touristengruppen auf unter 40 Personen begrenzt, Reiseleiter dort dürfen keine Lautsprecher mehr benutzen, sondern müssen auf Funkmikrofone und Funkkopfhörer umrüsten. App in die Landschaft Auf den Färöern setzt man auf die Neugier und die Entdeckerlust der Reisenden. Auf der im Sommer 2025 gestarteten Website Selfnavigatingcars kann man sich nur vor Ort einloggen. Danach wird man an eine erste Station wie die Bootshäuser von Hósvík geschickt. Erst wenn man die erreicht hat, erfährt man, wohin es weitergeht. Selfnavigatingcars hat also nichts mit Autonomem Fahren zu tun. Es ist im Grunde eine Schnitzeljagd. Die Kirche von Hvalvík ist keine zehn Kilometer von den Bootshütten entfernt. Sie ist ein einfaches schwarz getünchtes Holzhaus mit Grassodendach, leider verschlossen, aber durch die Fenster sieht man die karge Holzverkleidung und ein altes Wandbild von einem bärtigen Mann. Hinter der Kirche liegen zwei Friedhöfe. Und das ist nicht das einzig Ungewöhnliche. In einem Hain daneben rauscht der Wind durch die Blätter. Sonst stehen auf den Färöern kaum Bäume. Die App leitet mich weiter nach Funningsfjør∂ur. Vor mir liegt wieder eine Bucht mit einigen Dutzend Häusern, eingebettet in saftig grüne Hügel. An den gegenüberliegenden Ufern ragen die Felsen steil auf. Darüber wischen Wolken vorbei. Die App gibt nur den Ort vor, die Entdeckung muss man selbst machen. Muss sich darauf einlassen, was es gibt, anstatt auf das allseits gepriesene Highlight zu fokussieren. Und das ist immer noch beachtlich: 43 Ziele listet Selfnavigatingcars insgesamt auf, anzusteuern auf 30 verschiedenen Routen, deren Verlauf sich erst Stück für Stück enthüllt. Damit nicht alle am gleichen Tag dieselbe Route nehmen, wird man in unterschiedliche Richtungen geschickt. Wäre ja blöd, wenn man sich auch in der vermeintlich zweiten Reihe drängeln müsste. „A global problem, a Faroese solution“, nennt die Tourismusbehörde das Konzept. „Das Problem mit dem Naturtourismus ist, dass die Natur in der Regel Allmende ist und allen gehört“, sagt Julian Reif, Professor für Tourismus und stellvertretender Direktor des Deutschen Instituts für Tourismusforschung. „Sie können nicht wie in Disneyland einfach den Eintritt regulieren und Fast Track Pässe verkaufen.“ Ihm gefällt die Idee mit der App gut. „Das Konzept spielt ja mit der Neugierde, und Neugierde ist oft eine treibende Kraft der Reisenden.“ Den eigenen Impulsen nachgehen Auf dem Weg zum nächsten Ort, Elduvík, beschließe ich, dass es nicht um das Ziel geht, sondern um den Weg dorthin. Die schmale Straße ist nur einspurig und führt am Hang entlang, unter mir steil das Meer, in der Ferne die Fischernetze und die runden Gehege der Lachsfarmen. Über mir die Schafe, manchmal auch vor oder neben mir. An einer kleinen Einbuchtung stehen verstreut Autos, zwei Dutzend Schafe sind in einem hölzernen Verschlag zusammengetrieben, ihr Fell mit unterschiedlichen Farben markiert. Männer wuseln zwischen ihnen herum. „Sie bekommen Medizin für den Winter“, erklärt ein Mann mit dem gezwirbelten Bart eines Zauberers. Die Ohren seiner Mütze flattern im Wind. „Jedem gehören ein paar, mir selbst gehören zwölf.“ Jemand ruft etwas, ein weiteres Auto hält da, wo gerade Platz ist. In Elduvík endet die Straße. Ein Dorf wie viele mit roten und schwarzen Holzhäuschen, Gras auf dem Dach. Im Sommer kommen manchmal Taucher und erkunden die Höhlen, die der Atlantik in den Felsen gefressen hat. Lang starre ich hinaus auf das Meer, wie es sich erhebt und Gischt speit. Wie wohl der Blick von der anderen Seite auf Elduvík aussieht? Ich steige wieder ins Auto und fahre los. Vielleicht ist es genau das, wozu diese App einlädt: wieder den eigenen Impulsen nachgehen, statt eine Bucket List abzuarbeiten. Anreise Die färöische Gesellschaft Atlantic Airways fliegt unter anderem von Kopenhagen, Edinburgh und Oslo nach Vágar. Die App zu Self-Navigating Cars lädt man sich vor Ort runter: selfnavigatingcars.com. Die Route ist nicht programmiert. Das nächste Ziel ist also immer eine Überraschung. Weitere Infos zu den Färöer-Inseln unter visitfaroeislands.com
