„Und der sechste Engel goss seine Schale aus auf den großen Fluss Euphrat, da fiel sein Wasser trocken, damit der Weg bereitet würde für die Könige aus dem Osten.“ Dieser Vers aus der Offenbarung des Johannes ist die letzte von gut einem Dutzend Bibelstellen, die den Euphrat erwähnen. Zusammen mit dem Tigris umschließt er Mesopotamien („das zwischen den Flüssen“), war aber oft der bedeutendere der beiden: Für die Kulturen des Mittelmeerraums bildete er die erste naturräumliche Barriere auf dem Weg nach Asien, und insofern als seine Strömung über weite Strecken langsamer ist als die des Tigris, eignen sich seine Gestade besser für die Bewässerungslandwirtschaft. Im vierten Jahrtausend vor Christus entstand an seinem Ufer die sumerische Stadt Ur, eines der ältesten urbanen Zentren überhaupt. Für die Sumerer war der Euphrat das Werk des Gottes Enki, und das Alte Testament nennt ihn in Genesis 2,14 als einen der vier Flüsse, die im Paradies entspringen. Was seine geomorphologische Entstehung angeht, so war bisher nur klar, dass sich sein Quellsystem in Anatolien vor rund zehn Millionen Jahren im späten Miozän herausgebildet haben muss. Manche Forscher vermuteten, die alten Quellflüsse des Euphrats endeten noch lange in Seen in Anatolien, anderen zufolge erreichten sie einst das Mittelmeer, wieder andere sehen sie in Arabien versickern. Ausgetrocknetes Mittelmeer Nun hat eine Gruppe von Geologen um Andrew Madof von der Explorationsabteilung der Firma Chevron in Nature Geoscience dazu eine detaillierte Untersuchung veröffentlicht. Sie analysierten seismologische und topographische Daten zweier großer Sedimentansammlungen am Grund des östlichen Mittelmeeres. Die eine liegt nördlich von Zypern vor der türkischen Küste, die andere weiter südöstlich vor der Levante. Madof und Kollegen zufolge wurden die Sedimente von zwei Flüssen abgelagert, die sich vor 5,5 Millionen Jahren in ein damals weitgehend trocken gefallenes Mittelmeerbecken ergossen. Den Forschern gelang es nun, diese beiden unterseeischen Urstromtäler landeinwärts zu verfolgen und mit den Vorgängern des Karasu und Murat zu identifizieren, der beiden Quellflüsse des Euphrats. Der Paläo-Murat verfrachtete seine Sedimente demnach bis in die Gegend kurz vor Ägypten und endete dort in einem Salzsee, der vom Mittelmeer übrig geblieben war, nachdem sich vor 5,97 Millionen Jahren die Straße von Gibraltar geschlossen hatte und der mediterrane Meeresspiegel anschließend um 1,7 bis 2,1 Kilometer gefallen war. Bevor sich Gibraltar vor 5,33 Millionen Jahren wieder öffnete und das Mittelmeer erneut volllief, lagen somit die Mündungen des Paläo-Nils und des Paläo-Murats, also des Vorgängers des Euphrats, praktisch nebeneinander. Rund 1,8 Millionen Jahre nach der Rückkehr des Mittelmeeres änderte der Paläo-Murat plötzlich seinen Lauf. Als Grund machen die Autoren eine Reaktivierung der ostanatolischen Verwerfung aus, entlang derer zwei tektonische Platten aufeinandertreffen. Nun floss der Paläo-Murat nach Osten in den Persischen Golf, wurde also faktisch zum Paläo-Euphrat. Weitere 1,8 Millionen Jahre später sorgten Veränderungen an einem Nebenzweig der ostanatolischen Verwerfung, dem Ovacık Fault, für eine Verlagerung auch des Paläo-Karasu. Er vereinigte sich nun mit dem Paläo-Murat, und das System des Euphrats erhielt seine heutige Struktur. Heute stehen dem ehrwürdigen Strom wieder Veränderungen bevor, wenn auch weniger tektonische. Staudammprojekte am Oberlauf und möglicherweise bereits klimatische Veränderungen im Zusammenhang mit der globalen Erwärmung haben dazu geführt, dass der Euphrat im Irak heute deutlich weniger Wasser führt als noch vor fünfzig Jahren. Es fällt schwer, hier nicht an die Offenbarung des Johannes zu denken.
