Mit westfälischer Gelassenheit begegneten die Dortmunder am Samstageinem Vorgang, der im vollständig überhitzten Kampfgebiet derTransfermarktgerüchte umgehend als endgültige „Eskalation“ beschriebenwurde. Said El Mala wird nach wochenlangen Verhandlungen nicht vom 1. FC Köln zu Borussia Dortmund wechseln, obgleich bis zum Freitag eigentlichsowohl die beiden Klubs als auch der Spieler und sein Umfeld stark ander Realisierung des Transfers interessiert waren. Am Ende sollen die Dortmunder inklusive Boni knapp über 50 Millionen Euro geboten haben, den Kölnern war das nicht genug. „Deshalb greift jetzt ein anderer Plan, den wir hoffentlich in den nächsten Tagen vollziehen können“, sagte am Samstag der Dortmunder Klubchef Carsten Cramer am Rande des sehenswerten 2:2 gegen die AS Rom, mit dem die Sommerpause zu Ende ging. Die Verantwortlichen in Dortmund wollen schließlich „nicht den Fehler machen, übermütig oder gar größenwahnsinnig zu werden“. Denn mit dem finalen Angebot sei der BVB „all in“ gegangen, vermeldeteder Sender Sky, der wie immer im August zu einerPräsentationsplattform für interessengesteuerte Informationshäppchen vomTransfermarkt geworden ist. In Konkurrenz zu zahlreichen Quellen ausallen Glaubwürdigkeitssegmenten. Sogar der neue Bundestrainer JürgenKlopp musste in seinem Antrittsinterview auf „dfb.de“ klarstellen, dasser sich entgegen anders lautender Berichte nicht in diese Angelegenheiteingemischt habe: „Es hat mich so ein bisschen auch beleidigt, dass dieLeute denken, meine erste Amtshandlung wäre: Ich rufe einen Spieler anund sage: ‚Übrigens, BVB, das würde gut zu dir passen.‘ Das habe ichnatürlich nicht gemacht“, sagte Klopp: „Das ist nicht meine Aufgabe. Ichhabe noch nicht mal angefangen, mit den Spielern zu arbeiten.“ Immerhin, das ist also geklärt. Im Gegensatz zu vielen anderen Fragen:Waren die Dortmunder tatsächlich zu knausrig oder mit ihren erstenAngeboten vielleicht sogar respektlos, wie Kölner Medien andeuten? Undwer ist eigentlich der Verlierer der Geschichte? El Mala? Der BVB? Der1. FC Köln? Oder alle drei? In jedem Fall hätten die Dortmunder El Malagern in ihre Rasselbande aufgenommen, wo lauter neue Teenager unterVertrag genommen wurden und ein Geist der Unbeschwertheit entsteht.Darauf hätte El Mala laut Cramer schon „Bock“ gehabt. Jetzt muss er sichüberlegen, ob er einen anderen Transfer forcieren soll, denn dieAngebote aus Bournemouth, Brentford und von der AC Milan hat er auchdeshalb abgesagt, weil er zum BVB neigt. Dort könnte er den engenKontakt zu seinem bei Kölns U23 spielenden Bruder Malek und zu seiner inKrefeld lebenden Familie gut im Alltag leben. BVB hält nach Alternativen Ausschau Aber auch die Kölner haben nur auf den ersten Blick einen Grund zumFeiern. Zwar besteht die realistische Chance, den besten Spieler zuhalten, aber der Millionenregen für weitere Spielerkäufe bleibt vorerstaus. Und in Dortmund steht dieses Geld nun für Alternativen zurVerfügung, was die zwei verbleibenden Wochen, in denen Spielertransferiert werden dürfen, ziemlich spannend macht. Nach den bisherigenEindrücken hat der neue Dortmunder Sportdirektor Nils Book nämlich einpaar gute Einfälle gehabt: Vor allem der griechische TeenagerKonstantinos Karetsas, der für 30 Millionen Euro aus Genk in Belgienkam, begeisterte das Publikum in der Vorbereitung mit Kreativkraft,Selbstvertrauen und Schussstärke. Auch der Verteidiger Joane Gadou (für19 Millionen aus Salzburg) wirkt stabil. Sollten sich die Eindrücke derVorbereitung bestätigen, wird die Offensive des zweitgrößten Klubs derBundesliga künftig spielstärker agieren als zuletzt. Was noch fehlt, ist allerdings das Tempo, das mit dem Verkauf von KarimAdeyemi nach Barcelona verloren ging und das El Mala nun nichtbeisteuern wird. Spekuliert wird nun über ein Dortmunder Interesse andem 23 Jahre alten Offensivspieler Giannis Konstantelias von PAOKSaloniki und über Yeremay Hernández von Deportivo La Coruña. Dervereinslose, aber seit Jahren formschwache Jadon Sancho bleibt ebenfallsein Dauerthema. In jedem Fall bietet das gescheiterte El-Mala-Projekteine Chance, mit dem gesparten Geld die Vakanzen auf mehreren Positionenzu beheben. Denn auch ein Zentrumsstürmer als Alternative zu SerhouGuirassy und ein defensiver Mittelfeldspieler würden den Kader aufwerten. Und doch bleibt ein ungutes Gefühl am Ende des El-Mala-Projektes. Diebeiden Klubs stehen nun bei ihren Alternativplänen unter großemZeitdruck. Unklar ist außerdem, was sich die Kölner ohne die Millionenaus Dortmund überhaupt leisten können. Und die Familie des jungenSpielers muss mutmaßlich auf einen warmen Geldregen verzichten. Es gingbei den umstrittenen Details der Verhandlungen ja nicht nur um dieAblösezahlung des BVB an den FC, sondern auch um Raten, umFälligkeitszeitpunkte sowie um Boni, die von bestimmten Erfolgenabhängen. Und um das Beraterhonorar. BVB war El Mala 2024 zu teuer Dortmund zählt seit Jahren zu jenen Bundesligaunternehmen, die diehöchsten Summen an die Agenten überweisen, die in manchen Transfers eine wesentliche Rolle spielen. El Mala wird von der eigens gegründeten „ElMala Vermögensverwaltungs KG“ mit Sitz in Krefeld gemanagt, von seinerFamilie also. Ob das in diesem hochkomplexen und öffentlichausgeschlachteten Verhandlungsvorgang hilfreich war, ist ungeklärt. Ähnliches gilt für die Rolle des beim BVB für den Sport zuständigenGeschäftsführers Lars Ricken, der im El-Mala-Kontext einem gewissenDruck ausgesetzt ist. Noch als Leiter der Nachwuchsabteilung verhandelteer mit dem Talent und seiner Familie. Dortmunds U23-Trainer MikeTullberg wollte El Mala 2024 unbedingt für sein Regionalliga-Team haben,Viktoria Köln verlangte 300.000 Euro. Das war Ricken zu teuer, dessenGehaltsangebot ebenfalls enttäuschend gewesen sein soll. Aus heutigerSicht muss das als fatale Fehleinschätzung gelten. Der Kölner Sportchef Thomas Kessler hingegen schlug zu, kaufte Said undauch dessen Bruder Malek, verlieh die beiden für ein weiteres Jahr anViktoria Köln, wo Said sich prächtig weiterentwickelte. Jede Million, die die Dortmunder in den vergangenen Wochen mehr geboten haben, machte Rickens Knauserigkeit aus dem Jahr 2024 schmerzlicher, auch das war wohl ein Faktor in den Verhandlungen. Statt des im Frühjahr entlassenen Sebastian Kehl hat Ricken jetzt allerdings Book an seiner Seite, der bis Ende August zeigen kann, wie gut er tatsächlich auf das Scheitern desEl-Mala-Projektes vorbereitet ist.
