Herr Hübner, Ihr neuer Film „Spaziergang nach Syrakus“ ruft einen Schriftsteller in Erinnerung, der lange im Schatten der deutschen Klassik stand: Johann Gottfried Seume reiste in den Jahren 1801/02 bis an die Südspitze Siziliens. Wann haben Sie Bekanntschaft mit ihm gemacht? Ich habe Seume erst in Vorbereitung auf unseren Film gelesen. 2016 waren wir in der Fertigstellung von „Wildes Herz“, dem Dokumentarfilm über die Band Feine Sahne Fischfilet. Mit dem Produzenten Lars Jessen ging es nun darum: Was packen wir als Nächstes an? Das war ein Jahr nach dem Satz von Angela Merkel: „Wir schaffen das“. Ich fand, wir sollten uns mit Fliehenden befassen. Heute weiß ich nicht mehr, von wem das Buch von Friedrich Christian Delius auf den Tisch kam . . . Delius erzählt in der Erzählung „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ (1995) von dem DDR-Bürger Klaus Müller, dem 1988 mit einem Segelboot von Hiddensee die Flucht gelang. Er wollte auf Seumes Spuren nach Italien. Ich hatte Delius in den 90ern gelesen, Lars Jessen kannte das Buch auch. Nun diskutierten wir: Ab wann ist Reisen eine Flucht? Das war der Kern des Projekts. Zwischendurch haben Sie mit Lars Jessen auch noch den Film „Mittagsstunde“ (2022) gemacht, nach dem Bestseller von Dörte Hansen. Alles braucht seine Zeit. So war es auch mit der DDR, in die Klaus Müller eigentlich zurück wollte. Er wollte gar nicht rübermachen, er wollte einfach Italien besuchen. Delius hat bei mir getriggert, dass wir in der DDR dieses Reiseverbot hatten. Ich bin Gott sei Dank spät geboren und habe das nicht mehr so stark mitbekommen. Aber auch zu uns haben sie immer gesagt: Du kannst ja mal nach Polen fahren oder in die Tschechei. Das war ja auch schön. Trotzdem dachte man: Wieso fahre ich da hin, nach Koszalin oder nach Slupsk, und kaufe da amerikanische Sonnenbrillen oder kanadische Jeansjacken? Man fing an, Fragen zu stellen. Im Frühjahr 1989 war ich als junger Sportler eingeladen zum Pfingsttreffen der Freien Deutschen Jugend und des Deutschen Turn- und Sportbundes nach Berlin. Da stand ich als Mecklenburger zum ersten Mal am Brandenburger Tor an dieser Mauer. Wir haben uns lustig gemacht. So viel Beton, damit könnte man so schöne Häuser bauen. Solche Sprüche haben wir geklopft. Da habe ich zum ersten Mal physisch empfunden, was das Problem der DDR war, das viele Ältere uns ja beschrieben hatten. Und dann wurde im Mai 1989 in Ungarn der Zaun aufgeschnitten. Mit diesen Erinnerungen begann das Gespräch über den Stoff. Es ist eine lange Reise geworden. Bei Delius gibt es diese schöne Stelle, wo Müller, der im Buch und im Film Gompitz heißt, im Süden der DDR zum ersten Mal über die Landesgrenze blickt: Er sieht ein Mittelgebirge und ahnt etwas dahinter. Wie haben Sie sich von Mecklenburg aus die Welt hinter dem Eisernen Vorhang vorgestellt? Den Westen? Mein Vater war gebürtiger Sachse und ein großer Fan der Alpen. Er durfte aber da nicht hin. Es gab Alpen-Bildbände, die bei uns im Regal standen. Mir fehlte jede Relation. Unser höchster Berg, da, wo ich herkomme, hat 179 Meter. Mit 13 war ich zum ersten Mal im Elbsandsteingebirge auf der Festung Königstein. Das hat mich umgehauen, wie hoch Berge sein können. Das Riesengebirge habe ich mir dann doppelt so hoch vorgestellt. Für die Höhe der Alpen hatte ich keine Vorstellung. Sie haben also diesen Blick, den Delius beschreibt, selbst im Grunde genau wie im Buch erlebt. Was gab es sonst noch zu lesen in Ihrer Kindheit außer Bildbänden? Lesen war nicht Standard bei uns zu Hause. Meine Eltern haben sich beim Fernsehen von der Arbeit erholt. Es gab Bildbände über den Zweiten Weltkrieg, auch über die Ostseeküste, die meinen Vater sehr interessierte. Ansonsten haben sie Krimis gelesen. In der DDR erlaubt waren Sjöwall/Wahlöö. Die Mutter hatte auch Schmonzetten. Nach dem Mauerfall kamen Simmel, Konsalik oder Utta Danella dazu. Das Lesenlesen habe ich nach dem Abitur gelernt. Fallada. Johnson. Wolf. Dostojewski. Das habe ich bei Leuten am Theater gesehen, die ich bewunderte. Das Motto bei Delius ist ein Zitat von Seume, das von dem „ersten ganz freien Entschluss“ spricht. Ich könnte mir vorstellen, dass dieses fast existenzialistische Pathos Sie auch inspiriert hat. Was vor zehn Jahren einsetzte, kommt jetzt als neue Wirklichkeit: die Abhängigkeiten, die die Tech-Milliardäre wollen. Eine Unfreiheit mit vielen Passwörtern. Ich wurde mit 17 in den freien Westen losgelassen und merkte, dass das für mich das höchste Gut ist: Freiheit. Neben der Liebe. Ich habe gerade „1984“ wieder gelesen. Genau aus diesem Grund. Weil die Freiheit wirklich in Gefahr ist und dabei wirklich eine Errungenschaft. In der DDR gab es keine Freiheit, nur Freiräume. Meine Eltern waren sehr parteinah. Sie verkehrten mit Menschen, die alle wussten: Ich finde meine Lücke. Das war dann eben so eine Datsche, wie sie im Film auch eine Rolle spielt. Es gab eine Kenntnis unter den Erwachsenen: Wer sitzt bei dir mit am Tisch? Es gab also diese Räume. Wir waren auf dem Bodden frei wie sonst wer! Aber raus durften nur die Sportsegler. Seume kam als „Spaziergänger“ bis nach Syrakus. Wie halten Sie es mit dem Zu-Fuß-Gehen? Ich bin leidenschaftlicher Wanderer. Leider komme ich viel zu wenig dazu, durch die Umstände, durch Familie und Arbeit. Das Gebirge zwischen Norwegen und Schweden wäre mein erstes Ziel, und dann so Wales, oder andere Wege in Großbritannien, aber auch die großen Alpenwanderwege. Und das Riesengebirge runter nach Polen und Tschechien. Es gäbe viel zu erlaufen. Seumes „Spaziergang“ ist auch ein Gegenentwurf zu Goethes „Italienischer Reise“. Die DDR hat sich auf den Weimaraner Goethe viel eingebildet. Können Sie mit Goethe etwas anfangen? Ich habe die „Italienische Reise“ als junger Schauspieler gelesen und mochte diese Form von Männlichkeit, die er ausstrahlt, nicht. Seume war ein ehemaliger Söldner, den fand ich sofort interessanter, weil er schärfer guckt. Allein wie er Kneipen beschreibt! In den Details, wenn man sich da so durcharbeitet, ist das fast ein popliterarischer Versuch darüber, was sich in Europa sozial unterscheidet. Auch Seumes eckiger Tonfall gefiel mir stärker als Goethes hoher Ton. Wie kam jemand wie Müller, das Vorbild für Gompitz, auf Seume? War er Schullektüre? Nein, jedenfalls nicht in unserer Schule. Es passt aber, dass jemand wie Müller sich auf Seume berief. Müller mit seinem Aufzug, das war wie ein unausgesprochener Code: die John-Lennon-Brille, der Bart, die Lederjacke. Ich kannte in meinem Umfeld damals einige, die genau so rumliefen. Das waren nicht nur Rocker, das waren stille Systemkritiker. Dass man Seume las, war eine Geste, denn er sprach von der persönlichen Freiheit, was in der DDR so nicht gewollt war. Waren Sie auch einmal Rocker? Ich war relativ schnell mit 14 beim Heavy Metal. Es ging darum, aus dem musikalischen Kontext meiner Eltern rauszukommen! Das waren Schlager, Operetten, Unterhaltungsmusik. Dafür reichte das normale Angebot aus der DDR nicht. Die Begegnung mit AC/DC und vor allem Motörhead brachte mich in diesen Raum, den ich mit Heavy Metal assoziierte. Das war Ende der 80er-Jahre ein interessanter Raum. Es gab auch Skater und einen Mischstil, wir trugen halblange Haare und weiße Sneaker. Wir hatten auch so eine Clique, die hieß Lost Boys. Wir haben uns Basecaps selber nähen lassen – aus Jeansstoff. So konnte man sehen: Die sind ’ne Gang, die tanzen nur bei bestimmten Liedern. Sie sollen 1990 im türkischen Ephesus eine Art Berufung in das Metier der Schauspielerei erlebt haben. Wie muss man sich das genau vorstellen? Es gab einen Mann im Laientheater in Neustrelitz, Matthias Hörnke, der hatte eine irre Kraft und war für mich eine Art Vorbild. Den fand ich als Typ cool. Eines Tages kam er zu uns auf den Hof und fragte, ob ich mitkommen würde in die Türkei. Ich fühlte mich wahnsinnig geehrt, dass er mich fragte. Meine Eltern haben gesagt, na ja, musst du gucken, viel Geld haben wir nicht. Ich dachte mir: Alle fahren jetzt in den Westen. Wir nicht. Wir fahren in den Osten. In den Ostenosten. Wir haben dadurch auch den ganzen ehemaligen Ostblock kennengelernt. Sie sind über Land gefahren? Ich war gerade auf Sinnsuche, weil ich mit dem Sport aufhören musste. Er sprach die ganze Reise davon, dass er jetzt Schauspieler wird. Für mich war es absurd, dass das ein Beruf sein könnte, aber die ganze Reise ging es darum. In diesem riesengroßen Amphitheater für 25.000 Leute sagte er dann zu uns: Geht doch mal ganz nach oben und versucht mal, ob ihr mich hört. Und dann hat er einfach „Hamlet“ gespielt. Aus diesem Moment heraus kam mir der Gedanke: Das probier’ ich jetzt auch. Und so hab ich mich sofort nach dem Abitur am Strelitzer Theater beworben und bekam einen Elevenvertrag. Ephesus war die Zündung. Wie gut waren Sie in der Leichtathletik? Innerhalb der DDR-Logistik war ich auf dem Niveau von Bezirksspartakiaden, also noch nicht Top-Niveau. Das wäre dann ja vielleicht erst richtig losgegangen. Ich hätte nach Leipzig an die Deutsche Hochschule für Körperkultur gehen dürfen. Wie kamen Sie vom Theater, wo Sie Anfang der 90er-Jahre erste Erfahrungen machten, zum Kino? Das war der 11. September 2001. Die Anschläge brachten die bewusste Entscheidung, mit dem Theater eine Pause zu machen. Wir meinten damals, mit jeder Inszenierung verändern wir die Welt, alles junge Männer, die rauchend herumsaßen. Dann passiert so was in New York. Wir waren ein Jahr davor selbst da oben auf dem World Trade Center, anlässlich eines Gastspiels bei den UN. Nun konnte ich uns diese Theatergeste nicht mehr glauben. Fernsehen war damals nie mein Medium, ich habe auch nie Fernsehen geguckt. Kino war zu weit weg. Jedenfalls habe ich mich bei einer Agentur beworben, bei der bin ich heute noch. 2002 ging das los mit dem Drehen. Ab wann lief es? Ab 2006, würde ich sagen. Da habe ich fast parallel „Schwitzkasten“ von Eoin Moore gemacht und „Das Leben der Anderen“ von Florian Henckel von Donnersmarck. In einem Jahr zwei unterschiedliche Pole. Eine Impro-Komödie wie Dogma, und parallel „Das Leben der Anderen“, bei dem man beim Drehen schon merkte: Das Ding wird seinen Weg machen. „Das Leben der Anderen“ ist allerdings heute gerade bei Menschen aus der ehemaligen DDR sehr umstritten. Viele wehren sich dagegen, dass das internationale Bild von der Stasi dadurch bestimmt wird. Ich kenne alle diese Gespräche. Der Erfolg des Filmes hat allerdings eine Tür aufgemacht. Ich bin damals in den Urlaub geflogen und weiß noch, dass ich nach der Ankunft eine Massage gebucht habe. Und dann fragte mich diese Person doch tatsächlich, ob ich ein deutscher Schauspieler sei, sie hätte in der Nacht die Oscars geschaut, und da wäre ich aufgetaucht. Mit Donnersmarck wird man also auch auf der anderen Seite des Planeten geguckt. Ich weiß nicht, ob das andere Filme auch geschafft hätten. Das fand ich einen interessanten Fakt. Aber ich sehe auch das Seifenoperige daran. Für Menschen, die die Stasi an der Hacke hatten, kann das nicht so erzählt werden. Donnersmarck hat die DDR für Hollywood zurechtgetrimmt. Das sind zwei Pole. „Vaterlandsverräter“ von Annekatrin Hendel ist ein sensationeller Film oder auch „Anderson“, aber das ist so konkret und so diffizil, das hat eine andere Dynamik und andere Motoriken und Musikalitäten. Da hat der Ansatz, „Der Pate“ auf die DDR zu übertragen, halt eine größere Massenwirksamkeit. Heute kann man den Eindruck haben, dass die Entfremdung zwischen den „alten“ und den „neuen“ Bundesländern wächst. Woran könnte das liegen? Zu Kriegsende sind zwei Geschwister entstanden, die nebeneinander hergelaufen sind. Das eine Kind musste Russisch lernen. Es wurde ihm gesagt, was es gut oder schlecht zu finden hat, dafür gab es ideologische Gründe. Man hat danach getrachtet, dass alle das Gleiche zu essen und zu tragen haben. Man wollte Uniformität. Das andere Kind lernte Englisch, was auch vorher nicht gesprochen wurde. Es bekam beigebracht, wie man zu Geld kommen und wie man seinen Selbstwert erschaffen kann, nicht nur materiell. Dann fällt nach 40 Jahren diese Trennwand weg, und die Geschwister sollen jetzt miteinander klarkommen, ein halbes Jahr nach dem Mauerfall. Das wird nicht moderiert. Bei uns in der Familie saß der Vater 1999 mit einem Kreditvertrag am Tisch, und da stand diese Abkürzung: p.a. Was heißt das, fragte er mich. Er wusste nicht, dass das „per annum“ heißt, pro Jahr. Er konnte also im Grunde diesen Vertrag gar nicht richtig lesen. Das bedeutet etwas für ein Selbstwertgefühl. Das ist jetzt keine Erklärung, aber eine Anekdote, die verständlich machen könnte, wie eine Übertölpelung aussah, die ganz schwer einzufangen ist. Sie haben die „Jahrestage“ von Johnson vollständig eingelesen und reisen wie ein Botschafter des früh verstorbenen Autors durch das Land. Vielleicht sollten wir uns an der Schärfe von Johnson im positiven Sinn ein Beispiel nehmen? Er muss einen irrsinnigen Zorn in sich gehabt haben, mit seiner scharfen Intelligenz schwingt er ein scharfes Messer. Er hat die DDR sehr früh begriffen. Schon im April 1948 wurde in der Sowjetzone die Entnazifizierung beendet, mit einem Dekret aus Moskau. Wir brauchen diese ehemaligen Täter, die im Dorf oder im Lager die Leute erschossen haben. Wir brauchen die Mitläufer, auch damit wir überhaupt als soziale Struktur wieder vorankommen. Darüber wurde zu meiner Jugend gar nicht gesprochen, das wurde nicht gelehrt. Es hieß, es wurde gründlich entnazifiziert. Der den Finger in diese Wunde legt, das ist Uwe Johnson. Das findet sich dann auf Seite 1497 in den „Jahrestagen“ und weitet den historischen Blick. Die Strukturen waren situativ wichtiger, als die Verantwortung. Das wurde dann der Lauf der Dinge.
