FAZ 05.05.2026
17:09 Uhr

Gipfel in Eriwan: Warum die EU auf Armenien setzt


Armenien löst sich von Russland und strebt gen Westen. Das Land liegt an einer neuen Handelsroute, der Brüssel strategische Bedeutung beimisst.

Gipfel in Eriwan: Warum die EU auf Armenien setzt

Die Spitzenvertreter der Europäischen Union waren am Dienstag voll des Lobes für Armenien und seinen Regierungschef Nikol Paschinjan. „Du hast zwar die Lage Armeniens nicht verändert, aber du hast die Verhältnisse in deinem Land grundlegend verändert“, sagte EU-Ratspräsident António Costa nach dem ersten Gipfeltreffen der EU und Armeniens in dessen Hauptstadt Eriwan. „Ich möchte deine Vision von einem demokratischen, widerstandsfähigen und prosperierenden Armenien würdigen.“ Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen würdigte die „Samtene Revolution“ von 2018, die Paschinjan und seine Partei Zivilvertrag an die Macht gebracht hatte. Das Land habe damit seine Bindung an europäische Werte bewiesen, sagte sie. Nun soll diese Partnerschaft auf ein neues Niveau gehoben werden. Zu diesem Zweck unterzeichneten beide Seiten eine sogenannte Konnektivitätspartnerschaft, die sich auf die Bereiche Verkehr, Energie und Digitales bezieht und eine Zusammenarbeit zum wechselseitigen Vorteil sein soll. So will Brüssel eine Initiative der armenischen Regierung von 2023 („Crossroads of Peace“) fördern, mit der die Verbindungen zu den Nachbarstaaten Aserbaidschan und Türkei wiederhergestellt und modernisiert werden. Sie fügt sich zugleich in ein Leuchtturmprojekt des Global-Gateway-Programms der EU ein, nämlich die Eröffnung eines neuen Handelskorridors zwischen der EU und Zentralasien sowie China, der Russland umgeht. Der Mittelkorridor beschleunigt den Handel Dieser sogenannte Mittelkorridor ist rund 4000 Kilometer lang, zwischen dem westlichen China und dem östlichen Europa. Die EU misst ihm „strategische Bedeutung“ bei, wie von der Leyen sagte. Ein EU-Beamter erläuterte das so: Bisher dauere es auf dem Seeweg etwa 42 Tage, um Waren aus China nach Europa zu transportieren. Über den Mittelkorridor lasse sich dies auf bis zu 12 Tage vermindern – wenn er entsprechend ausgebaut werde. Die schnellste Verbindung würde dann von China nach Kasachstan laufen, per Schiene oder Straße, bis zum Kaspischen Meer. Dort müssten Waren nach Baku verschifft werden. Danach sollen sie auf dem Landweg über Armenien in die Türkei und weiter nach Europa gelangen. So könnte man sich die zeitaufwändige Verschiffung über das Schwarze Meer sparen, zumal die georgischen Häfen gar nicht über die notwendigen Kapazitäten verfügen. Für die EU wäre es auch der bevorzugte Weg, um an kritische Rohstoffe aus Zentralasien zu kommen. Auf Armenien entfällt nur ein winziges, aber politisch bedeutsames Stück dieser Route: 43 Kilometer im sogenannten Sangesur-Korridor. Dieser Abschnitt stand 2023 im Zentrum der von den USA vermittelten Friedensverhandlungen zwischen Armenien und Aserbaidschan. Die Strecke wird nun exklusiv von amerikanischen Unternehmen erschlossen und „Trump Route for Internationale Peace and Prosperity“ genannt, kurz TRIPP. Auch Bahn- und Energietrassen sollen gebaut werden. Der EU-Plan, so der Beamte, stimme zu „100 Prozent“ mit dem US-Vorhaben überein. Abwehr von Cyberangriffen und Einflussnahme aus Russland Brüssel erwartet freilich, dass im Rahmen ihres Global-Gateway-Programms bis zu 2,5 Milliarden Euro in Armenien investiert werden und so weitere Verbindungen zu den Nachbarländern entstehen. Ende vorigen Jahres hat die EU zudem einen 270 Millionen Euro umfassenden Plan aufgelegt, mit dem sie Resilienz und Wachstum in Armenien fördern will. Dabei geht es vor allem darum, die Ablösung der früheren sowjetischen Teilrepublik von Russland und die Stärkung der Zivilgesellschaft zu unterstützen. So soll Armenien bei der Energieversorgung unabhängiger werden, mit erneuerbaren Energien, mehr regionaler Zusammenarbeit und höheren Speicherkapazitäten. Schon seit Längerem bekommt das Land Unterstützung bei der Abwehr von Cyberangriffen, die Russland zugerechnet werden. Vor der Parlamentswahl am 7. Juni hat die EU ein Team nach Eriwan entsandt, das die Regierung bei der Abwehr hybrider Bedrohungen und von äußerer Einflussnahme auf die Wahl unterstützt. Man erlebe gerade, dass Armenien genauso unter russischen Druck gerate wie zuvor Moldau, sagte der Beamte. Außerdem wird eine neue EU-Partnerschaftsmission aufgebaut, die Ende April vom Rat der Mitgliedstaaten beschlossen wurde. Sie soll die weitere Annäherung des Landes an die EU fördern.