Himbeeren gelten als besonders gesund. Sie liefern viele Ballaststoffe, Vitamine und enthalten wenig Fruchtzucker. Zwar kann man derzeit noch Himbeeren auf dem Markt kaufen, doch viele holen sie sich lieber aus der Tiefkühlabteilung im Supermarkt: Die sind günstiger und praktischer, gerade für Smoothies oder im Joghurt. Doch derzeit sollte man genauer hinschauen: In den vergangenen Wochen haben verschiedene Supermärkte Chargen tiefgefrorener Beeren zurückgerufen. Darunter Rewe, Aldi, Lidl und Netto. Die Früchte sind mit Noroviren oder Hepatitis-A-Viren befallen. Infektionen durch solche Keime auf Tiefkühlbeeren sind ein wiederkehrendes Problem. Noroviren verursachen Magen-Darm-Erkrankungen: plötzliches, schwallartiges Erbrechen, wässrige Durchfälle, Bauchschmerzen, Abgeschlagenheit. Die Krankheit beginnt plötzlich, und die Beschwerden halten gewöhnlich nur wenige Stunden bis zu zwei Tagen an. Allerdings ist man länger ansteckend, bis zu 14 Tage. Erreger ist ein RNA-Virus, der sich über Schmierinfektionen verbreitet, über Virenpartikel im Stuhl oder Erbrochenen. Für Kinder, Ältere und Menschen mit geschwächtem Immunsystem kann die Krankheit ernster verlaufen. Hepatitis-A-Viren führen zu einer Leberentzündung. Infizierte Personen scheiden den Erreger über den Stuhl aus. Die Ansteckung erfolgt ebenfalls „fäkal-oral“, wie Mediziner es ausdrücken. Besonders in tropischen Ländern ist häufig verunreinigtes Trinkwasser schuld, oder wenn verunreinigte Lebensmittel nicht ausreichend erhitzt werden. Vielen gilt Hepatitis A als Reiseerkrankung, doch nur 30 bis 40 Prozent der Erkrankten stecken sich im Ausland an. Jedes Jahr zählt das RKI in Deutschland etwa 1000 bis 1500 Infektionsfälle. Die meisten erholen sich wieder innerhalb weniger Wochen. Tausende Schulkinder durch Erdbeerdessert erkrankt Immer wieder kommt es zu Ausbrüchen durch Tiefkühlbeeren: In den USA gab es 2022 und 2023 Fälle von Hepatitis A, und 2009 wurden rund 900 Personen in Finnland krank durch Noroviren, die auf importierten Himbeeren aus der Tiefkühltruhe stammten, wie virologische Tests laut einer Studie im Fachjournal „Epidemiology & Infection“ ergaben. In Deutschland erkrankten im September 2012 rund 11.000 Menschen, überwiegend Schulkinder, an einer Magen-Darm-Grippe. Sie waren alle von demselben Caterer versorgt worden. Dahinter steckten Noroviren, die höchstwahrscheinlich aus einem Dessert mit Erdbeeren stammten. Die Früchte waren gefroren aus China angeliefert worden. Die Viren lassen sich durch PCR-Untersuchungen der Beeren nachweisen. So wird festgestellt, dass Erbgut der Viren in der Probe vorhanden ist. Das könnte aber sowohl von infektiösen als auch von bereits inaktivierten Viren stammen, erklärt Reimar Johne, der am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) die Fachgruppe Viren in Lebensmitteln leitet. „Bei Tiefkühlbeeren handelt es sich erfahrungsgemäß oft um infektiöse Viren, bei denen schon die Aufnahme geringer Mengen zur Erkrankung führen kann.“ Dies sei durch eine Vielzahl von Berichten über Norovirus-Erkrankungsausbrüche nach dem Rohverzehr kontaminierter Tiefkühlbeeren belegt. Wie kommen nun die Viren ausgerechnet auf Tiefkühlbeeren? Das liegt vor allem daran, wie sie geerntet werden. Beeren können an verschiedenen Stellen ihrer Produktion mit Noroviren in Kontakt kommen, sagt Johne, wenn hygienische Grundsätze beim Anbau, bei der Ernte oder der Weiterverarbeitung vernachlässigt werden. „Dies kann bei der Bewässerung oder Düngung geschehen.“ Wenn etwa das eingesetzte Wasser entgegen den Bestimmungen menschliche Abwässer enthält. „Darüber hinaus können mit Noroviren infizierte Personen die Erreger während der Ernte oder bei der Verpackung auf die Beeren übertragen.“ Denn Beeren werden oft per Hand geerntet. Das Problem ist, dass viele Menschen die Tiefkühlbeeren nur auftauen, jedoch nicht abkochen. „Da Kälte die Noroviren nicht abtötet, können die Erreger sehr lange Zeit auf den tiefgefrorenen Beeren infektiös bleiben“, sagt Johne. Das BfR empfiehlt daher, Tiefkühlbeeren vor dem Verzehr auf mindestens 90 °C durchzuerhitzen, um möglicherweise vorhandene Viren vollständig zu inaktivieren. Werden die Beeren zu kurz erhitzt, etwa in der Mikrowelle, tötet das die Erreger nicht ab. Die Verbraucherzentrale Bayern kritisierte, dass auf manchen Produkten weiterhin der eindeutige Hinweis fehlt, die Beeren vor dem Essen ausreichend zu erhitzen. „Gleichzeitig veröffentlichen viele Lebensmittelhändler auf ihren Internetseiten Rezepte, in denen Tiefkühlbeeren ohne vorheriges Erhitzen verwendet werden.“ Will man auf seinen Smoothie nicht verzichten, sind also frische Früchte die bessere Wahl. Und auch aus heimischem Anbau: In den USA gab es seit 35 Jahren keinen Ausbruch, der auf amerikanische Früchte zurückgeht, berichtet die Food and Drug Administration FDA. „Über Norovirus-Erkrankungen nach dem Verzehr frischer Beeren wurde bisher nur selten berichtet, während Tiefkühlbeeren schon häufig als Ursache von Norovirus-Erkrankungsausbrüchen identifiziert wurden“, sagt Reimar Johne vom BfR. Die genauen Ursachen hierfür seien nicht bekannt. „Auffallend ist aber, dass Tiefkühlbeeren im Gegensatz zu frischen Beeren oft aus weit entfernten Ländern stammen, bei denen sich die Einhaltung der Hygieneregeln schwerer überprüfen lässt.“ Darüber hinaus würden bei Tiefkühlbeeren Früchte verschiedener Herkunft gemischt, was die Chance einer Verunreinigung erhöht, da sich die Viren auf den gefrorenen Früchten ausbreiten. Ob Biobeeren die sichere Wahl sind, lässt sich nicht sagen. „Uns liegen keine Daten vor, die belegen würden, dass Biobeeren im Hinblick auf Norovirus-Kontaminationen sicherer sind als konventionell angebaute Beeren“, sagt Johne. Unter den derzeit zurückgerufenen Packungen sind auch Biobeeren von Aldi. Unabhängig von dem Supermarkt, in dem sie verkauft werden: Viele Produkte, die derzeit zurückgerufen werden, stammen vom Hersteller Jütro. Hier antwortet man auf eine Anfrage der F.A.Z.: „Der Rückruf betrifft uns und unsere Kunden und da eine gewisse Sachlage bereits vorliegt, möchten wir von weiteren Statements absehen.“ Welche Produkte genau betroffen sind, kann man etwa bei der Verbraucherzentrale nachlesen.
