FAZ 08.09.2026
12:24 Uhr

Höhlentaucherin Heinerth: Sie taucht bis zu einer Tiefe von 140 Metern


Jill Heinerth ist eine der erfahrensten Höhlentaucherinnen der Welt. Die Kanadierin hat unter Wasser Faszinierendes erlebt – und auch Furchtbares. Klaustrophobische Gefühle kennt sie aber nur aus dem Büro.

Höhlentaucherin Heinerth: Sie taucht bis zu einer Tiefe von 140 Metern

Eigentlich wollte sie Astronautin werden. „Im Kindergarten und in der Schule habe ich die Apollo-Missionen live erlebt, das hat tiefen Eindruck hinterlassen“, sagt Jill Heinerth. Unbekanntes zu erforschen, in nie gesehene Welten vorzustoßen, das faszinierte sie von klein auf. Heute ist Jill Heinerth 61 Jahre alt. Ins All hat sie es nie geschafft. Ihren Entdeckerdrang hat sie trotzdem so intensiv ausgelebt wie wenige andere Menschen. Nur nicht im Äußeren der Erde. Sondern im Inneren. Als Höhlentaucherin. Jill Heinerth hat Orte gesehen, die nie ein Mensch zuvor betreten hat. Sie war die erste Höhlentaucherin, die das Innere eines Eisbergs in der Antarktis erkundete. Das Wissen über den Weltraum, sagt die Kanadierin, sei in vieler Hinsicht heute größer als das über das Leben in den Ozeanen. „Unterwasserhöhlen sind für mich Museen der Naturgeschichte. Wir können so vieles in ihnen lernen.“ Über Geologie, Biologie, Archäologie, Paläontologie. Und über den Klimawandel. „Unterwasserhöhlen sind Tore in andere Welten“, sagt Jill Heinerth. Heute ist sie froh, nicht Astronautin geworden zu sein. Da hätte sie allenfalls ein-, zweimal Gelegenheit gehabt, ins All zu reisen, wenn überhaupt. Die Zahl der Tauchgänge, die sie inzwischen hinter sich hat, liegt bei 8000. Begonnen mit dem Tauchen hat Jill Heinerth, trotz aller kindlichen Begeisterung, erst als Studentin. Später leitete sie in Toronto eine Werbeagentur, doch das Leben dort kam ihr irgendwann schal vor. In Wahrheit wollte sie immer nur so schnell wie möglich raus aus dem Büro, raus zum Tauchen. „Ich liebe die kreative Arbeit, aber ich wusste auch: Ich kann mein Leben nicht nur drinnen verbringen. Das war klaustrophobisch für mich.“ Sie verkaufte alles, inklusive der Agentur, und flog mit einem Koffer in die Karibik. Einziges Ziel dort: Tauchen. Eintauchen in eine bizarre und bezaubernde Welt Nur als Tauchlehrerin zu arbeiten, das war ihr schnell klar, würde sie aber genauso wenig erfüllen. Sie begann, als Freiwillige wissenschaftliche Expeditionen zu unterstützen. Sie fasste Fuß in der Szene, lebte von einem Auftrag zum nächsten, fotografierte, filmte, schrieb. Was sie am meisten begeisterte: als Taucherin in einer fremden Welt Augen und Ohren der Wissenschaft zu sein und den Menschen zu erzählen von dieser bizarren, bezaubernden, rätselhaften Welt, von der die meisten nie gehört hatten. Höhlentauchen ist eine spezielle Variante des Tauchsports, für die besonderes Training, besondere Ausbildung, besondere Ausrüstung nötig sind. Jill Heinerths längster Tauchgang dauerte 22 Stunden. Sie benutzt unter anderem ein spezielles Atemgasgemisch und ein Kreislauftauchgerät, das die ausgeatmete Luft auffängt und wieder für die Versorgung mit Atemluft nutzt. „Ab einer Tiefe von 30 bis 40 Metern wird das Tauchen sehr technisch“, sagt Heinerth. Und sehr gefährlich. Im Notfall gibt es von dort keinen schnellen Weg zurück nach oben, schon gar nicht aus verzweigten, verwinkelten, verschlungenen Höhlensystemen. Jill Heinerth ist schon bis zu einer Tiefe von 140 Metern getaucht. Niemand weiß besser als sie selbst, welche Risiken sie dabei eingeht. Sie tue das nicht wegen des Adrenalins, sagt sie. Sondern wegen Daten, Bildern, Geschichten. „Um diese Risiken einzugehen, brauche ich schon einen ernsthaften Impuls.“ Wie das Kartieren von Unterwasserhöhlen oder das Studieren fremdartiger Lebewesen, farblos, augenlos, angepasst an ein Leben ohne Sonnenlicht. Krebstiere, die ihre Beute mit giftigen Zangen greifen, sie neutralisieren, verflüssigen und einsaugen. Geschöpfe, die über sensorische Fähigkeiten verfügen für Wasserströmungen, Magnetismus und anderes und deren Funktionsweise Neurowissenschaftler mit großem Interesse verfolgen. Muscheln, die bis zu zwei Liter Wasser in einer Stunde filtern und von schädlichen Chemikalien reinigen können, Dutzende Jahre lang. Organismen, die zu pharmazeutischen Durchbrüchen beigetragen haben, zu Medikamenten zur Behandlung von Aids oder Brustkrebs. Es ist, sagt Jill Heinerth, „ein permanentes Staunen“. Manchmal ist es auch pure Schönheit. Einer ihrer Lieblingsorte ist eine Unterwasserhöhle auf den Abaco-Inseln in den Bahamas, die im Lauf der Erdgeschichte wegen des wechselnden Meeresniveaus mehrmals trocken lag, sodass sich in dieser Zeit verblüffend verspielte, feingliedrige, ornamentale Formationen herausbilden konnten. „Das ist, als würde man durch einen Kristallkronleuchter schwimmen“, sagt Jill Heinerth. Mit leuchtenden Augen. „Ich führte ihre Hand an die Leine, dann verlor ich sie aus den Augen“ Sich unter Wasser von solchen Emotionen davontragen zu lassen, kann aber sehr schnell sehr gefährlich werden. Das zeigte auch das Unglück Mitte Mai, als sechs Taucher in einem Höhlensystem auf den Malediven ums Leben kamen. „Ich habe im Lauf meiner Karriere mehr als 100 Freunde beim Höhlentauchen verloren“, sagt Heinerth. Sie erzählt das ganz nüchtern, undramatisch, eine furchtbare, aber eben nicht zu ignorierende Tatsache. Unter den Toten waren erfahrene Taucher, wie ein von ihr sehr geschätzter Kartograph, der es nicht mehr rechtzeitig zurück nach oben schaffte, weil er zu weit in eine Höhle vorgedrungen war. Heinerth war damals Teil des Bergungsteams, das den Leichnam nach oben brachte. „Die Erfahrung hat sehr demütig gemacht“, sagt sie. Heinerth erkannte: Auch gute Taucher können schlechte Entscheidungen treffen. „Deshalb kann ich nicht sagen, das wird mir nie passieren. Aber ich musste meinem Mann versprechen, dass ich immer gute Entscheidungen treffen werde.“ Das ist für sie eines der härtesten Dinge beim Höhlentauchen: das Wissen, wie sehr die Gefahren dem Partner zu schaffen machen. Einmal war sie mit einer Wissenschaftlerin in einer engen Höhle unterwegs, als ihre Partnerin steckenblieb und in Panik geriet. „Sie schlug so heftig mit den Beinen, dass wir keine Sicht mehr hatten, unsere Sicherheitsleine riss, und ich hatte noch eine Fehlfunktion am Atemgerät.“ Nichts ist so wichtig und nichts so schwierig in solchen Situationen wie: ruhig zu bleiben. Heinerth flickte die Sicherheitsleine, brachte kleine Richtungspfeile daran an, die den Weg aus der Höhle wiesen, weil ihre Partnerin nicht mehr wusste, in welcher Richtung es hinausging. „Ich führte ihre Hand an die Leine, dann verlor ich sie aus den Augen.“ Weil Heinerth nicht wusste, ob ihre Partnerin den Weg hinaus gefunden hatte, schwamm sie weiter hinein in die Höhle, um sicherzugehen, dass die Partnerin nicht zurückblieb. Erst als sie klares Wasser erreichte, wusste sie: Hier war niemand gewesen. Langsam arbeitete sie sich zurück an die Wasseroberfläche. Als sie dort ankam, war ihre Partnerin seit 73 Minuten aus dem Wasser. „73 Minuten lang nahmen mein Mann und meine Freunde an, ich hätte es nicht mehr geschafft. Ich war für sie tot. Das war furchtbar für meinen Mann.“ Nach der traumatischen Erfahrung bat ihr Mann sie, aufzuhören mit dem Höhlentauchen. Sie radelten stattdessen 7000 Kilometer quer durch Kanada, „das wollte ich schon immer tun, und jetzt hatten wir Zeit dafür“. Unterwegs zeigten sie Heinerths jüngste Filmdokumentation, jeden Abend an einem anderen Ort. „Als er mich ungefähr hundertmal dabei erlebt hatte, sagte mein Mann: Ich verstehe jetzt, dass du tauchen musst. Würde ich dich davon abhalten, wärst du nicht mehr die Person, die ich liebe.“ Wie schafft man es, bei lebensbedrohlichen Zwischenfällen in engen Unterwasserhöhlen so ruhig zu bleiben? Wenn allein schon die Vorstellung, sich dort nur aufzuhalten, viele erschaudern lässt? „Ich liebe dunkle, gemütliche Räume seit meiner Kindheit“, sagt Jill Heinerth. Klaustrophobische Gefühle kenne sie eigentlich nur aus dem Büro. Trotzdem habe auch sie Angst. Deshalb hält sie sich strikt an ihr Sicherheitsprotokoll: Geht vor jedem Tauchgang jede erdenkliche Möglichkeit durch, die ihr gefährlich werden könnte. Fragt sich, ob sie an diesem Tag der Aufgabe gewachsen ist, physisch und gedanklich, und ob das auch für ihre Partner gilt. Ob sie richtig vorbereitet ist, richtig ausgerüstet. „Wenn alles stimmt, stelle ich mir vor, wie ich buchstäblich alle Emotionen an der Oberfläche zurücklasse. Ganz in diese pragmatische Problemlöser-Gedankenwelt eintauche.“ Und wenn im Wasser trotzdem Beängstigendes passiert? Das Herz zu rasen beginnt, die Atmung hektisch wird, der Kopf in eine Million Gedanken explodiert? „Ich atme dann einmal tief durch, sammle mich und sage mir, dass Gefühle jetzt nicht weiterhelfen. Dass dafür später Zeit ist. Dass ich jetzt erst das Richtige tun muss.“ Das wichtigste Notsignal ist: Daumen hoch Die Erfahrung, die sie am meisten beängstigt hat, habe sie ohnehin nicht im Wasser, sondern im Haus gemacht: als sie sich als junges Mädchen gegen einen Einbrecher wehren musste. „Das war so furchterregend. Der einzige Weg, um weiterzumachen, war für mich, herauszufinden, wie ich damals mit der Angst und der Panik fertig wurde, wie ich sie unter Kontrolle bekam.“ Vielleicht, fügt sie noch an, habe sie das zur Höhlentaucherin gemacht. Es gibt auch Tage, an denen sie nicht ins Wasser geht, obwohl alles bereit scheint. Weil für sie – oder für den Partner – irgendetwas nicht stimmt. Und es gibt Tage, an denen sie ihren Tauchgang vorzeitig beendet. Das wichtigste Notsignal unter Wasser ist: Daumen hoch. Dann wird der Tauchgang sofort abgebrochen. Ohne Zögern, ohne Fragen, ohne Begründung. „Es gibt da den grundsätzlichen Respekt: Wir reden später drüber. Jetzt gehen wir erst nach Hause. Auch wenn du 100.000 Dollar ausgegeben hast, um hierherzukommen.“ Jill Heinerth hat Dokumentationen gedreht für die Sender BBC, PBS und CBC, ihre Bilder waren bei National Geographic und Discovery zu sehen, sie hat TED Talks gegeben, eine Autobiographie veröffentlicht („Into the Planet“). Sie wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt Ende Juli in München mit dem 21st Century Adventurer Award – Anerkennung nicht nur ihres außergewöhnlichen Forscherdrangs, der sie in unterirdische Wasseradern in Nordamerika und in Grundwasserreservoirs unter der Sahara führte. Sondern auch ihres Bestrebens, die Veränderungen durch den Klimawandel, die längst sichtbar sind in den Ozeanen und die sie so oft erlebt hat, weiterzutragen. „Ich habe farbenprächtige Korallenriffe gesehen, aus denen Stätten des Todes geworden sind. Ich habe Quellen gesehen, von deren einst mächtigem Strom nur ein Tröpfeln übrig ist. Ich habe Meereis gesehen, das sich jedes Jahr noch später bildet und noch früher aufbricht. Die Zeichen sind überall.“ Daran will sie immer wieder erinnern. In Filmen, Fotos, Vorträgen. Es mache sie traurig, dass die Diskussion über den Klimawandel für viele zum Politikum geworden ist. „Er ist nicht politisch, er ist eine Tatsache. Die Leute fragen mich: Glauben Sie an den Klimawandel? Aber das ist keine Frage des Glaubens.“ Das ist für Jill Heinerth zu ihrer wichtigsten Herausforderung geworden: die Menschen ins Nachdenken zu bringen. Darüber, wie die Welt aussehen wird, in der ihre Kinder leben werden.