FAZ 17.08.2026
09:07 Uhr

Hybride Bedrohungen: Die Spione sind unter uns


Sicherheitsbehörden nehmen zunehmende Aktivitäten ausländischer Geheimdienste wahr. Ein Fall aus Frankfurt zeigt: Auch Anschläge werden in aller Öffentlichkeit vorbereitet.

Hybride Bedrohungen: Die Spione sind unter uns

Wohl niemand unter den Passanten, die an diesem frühlingshaften Junitag 2024 an dem Café Bar Celona vorbeikommen, bemerkt etwas. Nicht von den Ermittlern in Zivil, die sich unter die Leute vor dem Café in der Frankfurter Innenstadt gemischt haben. Aber auch nicht von den drei mutmaßlichen Agenten, die sie beobachten: Vardges I., Robert A. und Arman S. Seit Dezember 2025 stehen diese drei Männer vor dem Staatsschutzsenat des Frankfurter Oberlandesgerichts. Der Vorwurf: Spionage im Auftrag des russischen Geheimdienstes. „Geheimdienstliche Agententätigkeit“ nennen Juristen das. Die mutmaßliche Zielperson soll laut der Bundesanwaltschaft der in Deutschland lebende Mikael S. gewesen sein, ein kriegsverletzter früherer ukrainischer Offizier, der für den ukrainischen Geheimdienst tätig gewesen sein soll. Warum genau die Männer sich mit ihm an diesem Tag an diesem belebten Platz mitten in der Frankfurter Innenstadt treffen sollten, ist nicht sicher. Aber dass diese Observation dazu dienen sollte, womöglich den Tod von Mikael S. vorzubereiten, das hält die Bundesanwaltschaft nicht für ausgeschlossen. Die Ankläger nehmen an, Russland habe sich an S. rächen wollen, weil dieser ihrer Ansicht nach an der Exekution russischer Soldaten im März 2022 beteiligt war. Nachrichten von „Jaroslav“ Vardges I., ein 44 Jahre alter armenischer Staatsangehöriger, soll den Spionage-Auftrag Anfang Mai 2024 erhalten haben. Von wem genau, ist unklar. Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass er den Ukrainer Robert A. und den Russen Arman S. danach angeheuert hat. Schon im April sei Mikael S. von einem Mann namens „Jaroslav“ kontaktiert worden. Dieser habe angegeben, sein neuer Ansprechpartner beim ukrainischen Geheimdienst zu sein. Der Mann habe ein Treffen vorgeschlagen, da er für Mikael S. Beobachtungsaufträge habe. Als dieser jedoch beim ukrainischen Geheimdienst nachgefragt habe, habe dort niemand etwas von „Jaroslav“ gewusst. Laut Anklage meldet sich der Unbekannte wochenlang bei seiner Zielperson, um ein Treffen zu vereinbaren. Mikael S. jedoch habe immer wieder Ausreden erfunden, beispielsweise einen Krankenhausaufenthalt. Am frühen Nachmittag des 19. Juni soll es dann so weit sein. Der Anklage zufolge hat sich Vardges I. bei dem Treffen als „Jaroslav“ ausgeben. Doch Mikael S. schöpft Verdacht, informiert die hessischen Ermittlungsbehörden. Und so warten die drei Männer laut Anklage an diesem Junitag 2024 mehr als eine Stunde vergebens auf S. Dann steigen sie in einen VW Passat mit ukrainischem Kennzeichen. Kurz danach greifen die Ermittler zu. Mehr als 2000 Spionageverdachtsfälle in Hessen Dieser Fall mutmaßlicher Agententätigkeit ist kein Einzelfall. Allein in Hessen hat das Landesamt für Verfassungsschutz im vergangenen Jahr 1800 Spionagevorgänge registriert, die den Angaben zufolge russischen Geheimdiensten zuzuordnen waren. Für dieses Jahr rechnet die Behörde mit mehr als 2100 Fällen. Hinzu kommen verstärkt Vorfälle mit Bezug auf China und Iran. Im Zusammenhang mit Russland sprechen die hessischen Sicherheitsbehörden von „Wegwerfagenten“ und verweisen auf inzwischen mehrere Gerichtsprozesse gegen mögliche russische Agenten und Saboteure – wobei das offenbar von hessischem Boden aus geplante Attentat auf den ukrainischen Offizier Mikael S. nach Einschätzung der Behörden einer der bisher schwerwiegendsten Fälle war, den Polizei und Verfassungsschutz verhindern konnten. Dabei ist es nicht unüblich, dass Agenten in aller Öffentlichkeit agieren, sich auf belebten Plätzen zeigen und quasi beim Nachmittagskaffee ihre Taten planen, während um sie herum das normale Leben stattfindet. Das sei ein „Handlungsmuster“, das immer wieder zu beobachten sei, „ohne dass hierfür Regeln zu erkennen sind“, heißt es aus dem hessischen Innenministerium. Ebenso geprüft wird derzeit das Attentat auf den ukrainischen Oligarchen Wadym Jermolajew in Monaco, dem eine Kooperation mit Russland vorgeworfen worden war. Tatverdächtig ist eine Frau, die den Sprengsatz vor dem Haus abgelegt haben soll, der Jermolajew sowie seine Lebensgefährtin schwer verletzte. Wie sich herausstellte, hat die mutmaßliche Attentäterin in Hofheim im hessischen Main-Taunus-Kreis gelebt. Ihr Fluchtfahrzeug wurde nach dem Anschlag in Monaco im Frankfurter Bahnhofsviertel aufgefunden. Auch dieser Fall wird Geheimdienstkreisen zugerechnet. Eine Theorie lautet, der ukrainische Geheimdienst HUR könne hinter dem Mordversuch stecken. Auch Iran und China sind aktiv Doch nicht nur Russland und die Ukraine beschäftigen die Ermittler. Zunehmend nehmen sie auch Spionageaktivitäten vonseiten Irans und Chinas wahr, die sich gegen Regimegegner richten, die inzwischen in Deutschland leben. Die Behörden sprechen von Fällen sogenannter transnationaler Repression: politische Unterdrückung von Dissidenten, digitale Überwachung von Oppositionellen, Einschüchterung von mutmaßlichen Staatsfeinden bis hin zu körperlicher Gewalt. „Das Ziel besteht darin, Informationen über die Aktivitäten von in Deutschland wohnhaften Oppositionellen zu sammeln“, heißt es im hessischen Innenministerium. Auf der Liste iranischer Geheimdienste stehen vor allem auch Einrichtungen im Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt. Auch auch China versuche, seinen Einfluss auszuweiten, „um vor allem Exil-Chinesen stärker an das kommunistische Regime in Peking zu binden und in Deutschland lebende chinesische Oppositionelle zu kontrollieren und zu beeinflussen“.  Neben der von Russland ausgehenden hybriden Bedrohung versuche China darüber hinaus, „durch Cyberangriffe seine langfristig angelegten Wirtschaftsinteressen zu realisieren“. So beobachteten die deutschen Sicherheitsbehörden Aktivitäten chinesischer Cybergruppierungen, die versuchten, Zero-Day-Schwachstellen auszunutzen. „Bei diesen Schwachstellen handelt es sich um Sicherheitslücken in Soft- oder Hardware, die in das Visier von Angreifern geraten, bevor das betroffene Unternehmen oder der Softwareproduzent von deren Existenz wissen.“ Neues Spionageabwehrzentrum in Hessen Reagiert hat das hessische Landesamt für Verfassungsschutz mit einer neuen Abteilung für Spionage und Operative Aufklärung. Der Präsident des Verfassungsschutzes hatte die Notwendigkeit einer solchen Abteilung an einem Beispiel greifbar gemacht: „Wenn das erste Mal ein Schiff von seinem Kurs abkommt und einen Brückenpfeiler rammt, wird das noch als Unfall gewertet. Beim zweiten Mal wird man schon hellhörig. Wenn das jedoch ein drittes Mal passiert und man den Umstand mit einberechnet, dass über die Brücke Schienenverkehr fährt, der wichtige NATO-Güter transportiert, dann ist der Fall klar.“ Was Neumann erreichen will, ist die schnellere Analyse von Vorfällen, die scheinbar zunächst harmlos sind, sich dann aber als hybride Angriffe herausstellen. Das betrifft den Cyberraum ebenso wie physische Ziele. Und die Auswertung macht an den hessischen Grenzen nicht halt. So sollen Erkenntnisse mit anderen Bundesländern und mit dem Bund ausgetauscht werden, auch in Kooperation mit der Polizei und der Bundeswehr. Eine wichtige Rolle spiele dabei zudem das neue Gemeinsame Abwehrzentrum Hybrid. Auch die Bedrohung durch Drohnen fällt in dieses Raster. Spätestens seit dem offenbar vereitelten Anschlag am Flughafen Leipzig/Halle stellt sich die Frage, wie die deutschen Sicherheitsbehörden auf die Gefahr reagieren, die von den Fluggeräten ausgeht. Die akute Bedrohung, die von der Drohne in Leipzig ausging, war schnell erkannt. Was aber, wenn eine Drohne über ein Gelände mit kritischer Infrastruktur fliegt? Oder über Industrieanlagen? Die Sicherheitsbehörden sprechen von „fast täglichen Meldungen“, die sie dahin gehend erreichten. Vor einiger Zeit hatte man oft noch private Hobby-Drohnenpiloten für wahrscheinlich gehalten, die ihre Fluggeräte versehentlich zu nahe an irgendwelche Werksgelände herangesteuert hätten. Inzwischen glaubt das niemand mehr. „Die Bedrohungen werden komplexer“ „Die Sicherheitslage hat sich insgesamt verschärft“, sagt der hessische Innenminister Roman Poseck (CDU). „Die Bedrohungen werden immer komplexer und dynamischer. Russlands hybrider Krieg, Spionage, Desinformation und Cyberangriffe sind keine abstrakten Szenarien mehr, sondern konkrete Herausforderungen für die Sicherheitsbehörden. Wir leben in einer anderen Zeit als noch vor einigen Jahren. Darauf müssen wir reagieren.“ So gehe der Bund mit der Reform der Nachrichtendienste „einen wesentlichen Schritt“. Aber auch Hessen werde auf Länderebene seine Befugnisse auf den Prüfstand stellen und bei Bedarf erweitern. Wie der Prozess gegen die drei mutmaßlichen Spione ausgeht, die von Frankfurt aus das Attentat auf den ukrainischen Offizier geplant haben sollen, vermag niemand zu sagen. Aus den Sicherheitsbehörden ist zu hören, man hoffe zumindest darauf, dass der Fall „abschreckend wirkt“. Aber so recht glaubt niemand daran. Zu austauschbar sind die Personen, die für Gewalttaten im Auftrag von ausländischen Geheimdiensten angeworben werden. Der Begriff „Wegwerfagenten“ hat sich nicht zufällig im Sprachjargon der Geheimdienste festgesetzt. Im Fall der drei Anklagten, die sich derzeit vor dem Frankfurter Oberlandesgericht verantworten müssen, ist es gelungen, den mutmaßlich geplanten Anschlag zu vereiteln. Wie in anderen Fällen auch. Die Erstinformation kommt nicht selten vonseiten der USA. Auf Ebene der Sicherheitsbehörden sei Amerika nach wie vor „ein wichtiger Partner“, wie es heißt. Doch auch trotz internationaler Kooperation ist die Unruhe in den Behörden groß. Das nächste Mal, so heißt es, komme man vielleicht zu spät.