Herr Hader, bevor Sie auf die Bühne gehen, wie mit Ihrem aktuellen Programm „Hader on Ice“, vollziehen Sie ein Ritual. Ich ziehe mich um und mache ein paar Übungen. Autogenes Training, das ich bei einem Schauspiellehrer gelernt habe. Den „Kleinen Hey“ haben Sie nie gelesen? Sie meinen das Lehrbuch zum Sprechen? Das habe ich schon gelesen. Allerdings nicht für die Schauspielerei, sondern für einen Nachrichtensprecher-Job für eine italienische Radiostation. Für deutsche Urlauber an der Adria. Damit habe ich mir mein Studium finanziert. Und wie haben Sie es mit dem frühen Aufstehen geschafft? Ich hatte damals vorher Zivildienst gemacht, da war ich gut im Training. Was haben Sie als Zivildienst gemacht? Ich war als Sanitäter beim Roten Kreuz an der Westautobahn, in einem kleinen Ort an der Donau. Werden Sie mit zunehmendem Alter nicht auch früher müde? Geht bei mir nicht. Aber wenn ich eine längere Tour spiele, kann es passieren, dass ich schon ein Schläfchen am Nachmittag mache, damit ich am Abend richtig fit bin. Also die Kräfte werden nicht mehr. Sind nicht mehr so endlos wie vor 20 Jahren. Schon seltsam, diese Erfahrung der Endlichkeit. Ja, die ersten Vorzeichen von Hinfälligkeit. Wenn ich Sie spielen sehe, denke ich, dass Ihre Arbeit letztlich aus einer großen inneren Einsamkeit resultiert. Sind Sie der Prophet der Einsamkeit? Das ist sicher eines der Themen, in denen ich ein Leben lang herumrühre: der Einzelne und die anderen. Weil das halt biographisch so war, dass ich die ersten sechs Jahre Einzelkind war. Ich hatte auch keine Spielkameraden, ich war ein Großeltern-Kind. Und dann kam die Schulzeit, die hat eigentlich alles verdorben. Warum? Mit den Großeltern konnte man spielen, die haben Geschichten erzählt. Und dann sind da plötzlich die Gleichaltrigen hineingeplatzt, die ein großer Schock waren für mich. Und dann sofort die Flucht nach dem ersten Jahr, wo man lesen gelernt hat. Sofort in die Bücher. Welche Bücher? Das ist jetzt kein Ruhmesblatt. Ich bin eine Zeit lang, so mit zwischen zehn und dreizehn, vollkommen in diese Karl-May-Welt hineinkippt, wo ein höchst neurotischer Autor ständig sich als einsamen Menschen beschreibt, der chronisch unterschätzt und gedemütigt wird und dann am Schluss allen zeigt, wie toll er ist. Und ich war schlecht im Fußball, ein bisschen zu dick, die anderen haben mich ein bisschen gemobbt, solche Kinder waren sehr anfällig für Karl May. Ich habe erst unlängst „Old Surehand“, Band zwei, in einer Hotelbibliothek gefunden und gelesen: Was für ein neurotischer, bigotter Schmarrn. Aber trotzdem haben Sie schon während der Schulzeit dann auch die Macht des Auftritts oder des Wortes erkannt: Ich war in einem Internat, wo sehr viel Theater gespielt wurde. Ich habe im Chor gesungen und schlecht Klavierspielen gelernt. Was meinen Beruf betrifft, war das eine gute Ausbildung. Und auf einmal war da der Applaus auf der Bühne. Die Bestärkung, dass man doch auf dem richtigen Weg ist? Ja, es war halt das Erste, wofür man richtig gelobt wurde und wo man das Gefühl hatte: Ich kann halt auch irgendwas. Es gibt Menschen, die haben ein angeborenes Selbstbewusstsein, und andere, die sich ihr Selbstbewusstsein erst erwerben. Die sind leichter zu verunsichern. Wo würden Sie sich verorten? Schon mit Erworbenem, weil ich ja auch ganz schnell zu verunsichern bin. Jederzeit. Ich habe manchmal bei Ihren Programmen den Eindruck, dass Sie auch austesten, wie weit Sie gehen können, wie weit Ihre Macht reicht sozusagen. Dass Sie manchmal auch Positionen einnehmen, die gar nicht zu dem Publikum passen. Ich glaube, das hat weniger mit Macht zu tun, sondern eher mit diesem Narzissmus, dass man halt ganz was Besonderes machen will. Wenn ich das Gefühl habe, dass das zu glatt läuft, dann streue ich ja sofort Sand ins Getriebe. Das ist natürlich auch eine sublimere Form von Macht. Hat damit zu tun, dass man als trotziges Kind trotzdem geliebt werden will. Das macht Sie zu einem schwierigen Partner. Nach dem Motto: Wenn du mich wirklich liebst, musst du auch die Seite an mir ertragen. Das schaffe ich nicht. Dafür bin ich zu harmoniesüchtig. Ich ertrage lieber alles und werde innerlich wütend. Also ein noch schwierigerer Partner. Ich habe, wie gesagt, ein sehr fragiles Selbstbewusstsein. Ich habe immer das Gefühl, dass mir irgendwann noch alle draufkommen werden. Dass Sie nur mit Wasser kochen. Dass da nichts dahinter ist. Da sind Sie nicht allein. Das treibt viele Kollegen um. Wenn ich diesen trivialen Gedanke zu Ende führe, müsste Sie eigentlich ein Publikum immer noch aus der Fassung bringen, wenn die Lacher ausbleiben. Oder haben Sie dann Tricks auf Lager? Das hat viel mit Rhythmus zu tun und weniger, als man glauben würde, mit Witzen. Natürlich braucht man die Witze, aber auch den Rhythmus, wie man Leute in etwas reinzieht oder eine Art Flow erzeugt – wie ein Geschichtenerzähler. Es gibt den guten alten deutschen Kabarettrhythmus, mit Lachern und Zwischenapplaus. Den muss man brechen, wie im Fußball, wo man versucht, dem Gegner das Spiel aufzuzwingen. Deutscher Kabarettrhythmus versus österreichisches Kabarett: Ist das Österreichische anarchischer? Mit Nationen kriegen wir’s nicht hin, sondern eher mit einzelnen Persönlichkeiten. Also wenn ich sage, es gibt wahnsinnig gute angloamerikanische Comedians, die vom Witz her genauso trocken sind wie ein bayerischer Kabarettist – nehmen wir den größten von allen: Gerhard Polt. Oha. Der völlig schnörkellos spielt, ohne dem Affen Zucker zu geben, und überhaupt nicht andeutet, wo irgendwas lustig sein könnte. Oder Helmut Qualtinger für Österreich. Wie wichtig ist Musik für Ihre Arbeit? Ich suche zum Beispiel für Schauspielrollen immer so eine bestimmte Musik, über die man versucht, in die Rolle hineinzukommen. Man fragt sich, was die Figur für Musik hören würde. Gibt es so eine Playlist wie in Ihrer ersten Regiearbeit, dem Film „Wilde Maus“? Da ist der Held ja ein Kritiker für klassische Musik. Und er ist sehr zornig und wütend. Der hört viel Beethoven. Wenn man Beethoven hört, dann wird man mutiger und scheißt sich weniger. Man sollte also nicht Beethoven hören beim Autofahren, da fährt man viel zu schnell und riskant. Besuchen Sie Livekonzerte? Ich mag die Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi. Wenn die in Wien spielen, versuche ich, dabei zu sein. Weil ich ein Fan bin. Aber meistens höre ich Konserve. Musik, sagt man, könne Leben retten. Können Sie das auch? Also retten nicht, glaube ich. Ich glaube, dass ich eher jemand bin, der, wenn es ihm schlecht geht, sich versucht abzulenken. Indem ich irgendein Buch lese, wo ich in eine andere Welt flüchten kann. Oder ich rette mich für zwei Stunden auf die Bühne. Oder man hat als Bürger ein wenig Angst vor den politischen Entwicklungen, da kann man dann auch in ein Buch flüchten. Oder man macht ein neues Programm und versucht das als Satiriker niederzumachen, was einem als Bürger Angst macht. Womit wir bei der Politik wären. Wie sind Sie politisch sozialisiert worden? Ich bin in der Friedensbewegung politisch sozialisiert worden. Das war Anfang der 80er-Jahre. Wobei ich auch den politischen Widersacher bewundert habe. Wen meinen Sie? Franz Josef Strauß? Nein. Helmut Schmidt hat mich beeindruckt, indem er so getan hat, als würde er ständig die Welt mit unangenehmen Erkenntnissen konfrontieren, die sich außer ihm niemand auszusprechen traut. Beim NATO- Doppelbeschluss war er ein großartiger Widersacher, weil er einfach gesagt hat: Ich kann nicht anders. Der wollte nichts beschönigen. Fehlt das heute? Diese Vergleiche sind ein bisschen billig, weil die Politik damals andere Möglichkeiten hatte als heute. Und es herrschte eine heute unvorstellbare Aufbruchstimmung. Im Moment herrscht eher die bittere Erkenntnis: Nein, es wird nie irgendetwas besser. Der Mensch ist ewig gleich dumm. Alkohol spielt eine große Rolle in Ihrer aktuellen Inszenierung. Es ist natürlich kein Whiskey in Ihrem Glas drin, denke ich mal, sondern es wird wahrscheinlich Tee sein. Es gab im 19. Jahrhundert im prüden England den Trick, dass der Komiker jemand Betrunkenen gespielt hat, damit er mehr sagen durfte, als wenn er nüchtern gewesen wäre. Das hat man akzeptiert. Das war quasi eine Erweiterung des Spielraums. Im zwanzigsten Jahrhundert hat das zum Beispiel noch Dean Martin gemacht bei seinen Bühnenauftritten. Ich sage das immer denen, die mir erzählen, was sie alles heute nicht mehr sagen dürfen: Es hat nie eine Zeit gegeben, wo man alles sagen durfte. Es war immer etwas unsagbar. Und immer haben sich kluge Leute überlegt, wie man den Spielraum erweitern kann. Die haben nicht gejammert, sondern haben sich was Raffiniertes ausgedacht. Das macht ja auch viel mehr Spaß als herumzujammern. Ein Maxim Biller mit „100 Zeilen Hass“ wäre heute nicht drin, behaupte ich. Nannte man das nicht Gonzojournalismus? Das waren für mich die Gleichaltrigen, die Virilen, die Testosterongesteuerten. Die habe ich seit der Unterstufe alle gehasst. Und ich habe auch diesen Journalismus gehasst, diesen testosterongesteuerten, wo die flotte Formulierung im Mittelpunkt steht. Dieser typische Achtzigerjahre-Zeitgeist, diese Zeitgeist-Illustrierten, die man in Wien natürlich besonders erlebt hat, weil der „Wiener“ damals so ein Vorbild war für viele andere. Ich fand diese Art von Freiheit nicht erstrebenswert. Es war eventuell dieselbe Freiheit, die heute in den sozialen Netzwerken herrscht, nur dass es damals nicht alle durften. Sie sagen eigentlich alles, was Sie wollen. Ja, natürlich. Ich überlege vorher, wie ich es anstellen kann, dass ich die Leute mit der Wahrheit verblüffe. Nicht provoziere. Ich finde Ersteres viel interessanter. Aber man muss etwas länger überlegen, ich bin ein sehr langsamer Schreiber. Haben Sie sich schon mal an der KI bedient? Ich habe, weil mich das interessiert, eingegeben, wie ein neues Josef-Hader- Programm aussehen soll. Echt? Ja. Weil ich mir gedacht habe, das ist ein guter Anfang. Also, davon zu erzählen. Und was hat die KI gemacht? Es war nicht mal so schlecht, aber auch nicht gut. Durchschnitt halt. Etwas, was ich am Anfang hinschreiben würde, aber später eher weghauen. Gibt es für Sie eine biologische Grenze, Lust auf Rente? Nein, gar nicht. Ich möchte lieber arbeiten, solange es geht. Die biologische Grenze, die gibt es, und am besten ist, man erkennt sie selber, bevor es die anderen merken. Wie stehen da die Chancen? Nicht so schlecht, ich bin ja immer leicht zu verunsichern und höre sehr genau hin auf solche Signale. Ich habe die kleine Romantik, dass ich am Schluss wieder in denselben kleinen Theatern spiele, in denen ich am Anfang aufgetreten bin. Ich hoffe, es sind dann noch ein paar offen. Aber wenn man das als romantisch empfindet, dann hat man keine Existenzangst. Ich hoffe, ich kann es so machen wie Dieter Hildebrandt. Der hat in seinen letzten Jahren vom kleinen bis zum großen Theater immer dort gespielt, wo sie ihn eingeladen haben. Das ist Coolness. Ich hoffe, ich bin dann auch cool genug. Und habe ein Publikum. Sind Sie gern mit sich allein? Einerseits ja. Andererseits braucht man die anderen, sonst stirbt man. Aber man hält die anderen schlecht aus. Das ist der ewige Kampf, der mich immer begleiten wird. Ich bin gespannt, ob ich am Ende froh sein werde, falls wer da ist. Oder lieber eine Ruhe haben möchte beim Sterben. Man wird sehen.
