FAZ 11.09.2026
14:59 Uhr

Italien: Ehemalige EU-Kommissarin Emma Bonino gestorben


Emma Bonino war Außenministerin, kämpfte für die Legalisierung der Abtreibung und wollte erste Präsidentin Italiens werden. Meloni würdigt sie als „starke und unverwechselbare Stimme“.

Italien: Ehemalige EU-Kommissarin Emma Bonino gestorben

Die ehemalige italienische Außenministerin und EU-Kommissarin Emma Bonino ist tot. Die Politikerin starb im Alter von 78 Jahren, wie ihre Partei Più Europa (Mehr Europa) mitteilte. Sie hat die italienische Politik der vergangenen Jahrzehnte geprägt wie kaum eine andere. Als Frontfrau der linken „Radikalen Partei“, für die sie 1976 erstmals ins Parlament gewählt wurde, hat sie maßgeblich die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs und das Recht auf Scheidung durchgesetzt. Mit 26 Jahren hatte sie selbst eine damals noch illegale Abtreibung vorgenommen. Einsatz für Italiens Atomausstieg Bonino setzte sich für Menschenrechtsaktivisten im ehemaligen Ostblock und für die Ächtung der weiblichen Genitalverstümmelung in Afrika ein. Für ihre Vision eines geeinten Europas, ja eines gemeinsamen europäischen Staates focht sie als italienische Außen- und Europaministerin, als Abgeordnete im Europaparlament und als EU-Kommissarin für Verbraucherschutz und humanitäre Hilfe. Sie trieb den Ausstieg Italiens aus der Atomenergie voran und trug zur Gründung des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag bei. „Heute verlieren wir nicht nur unsere Vorsitzende, wir verlieren eine der klarsten, mutigsten und freiesten Persönlichkeiten in der politischen Geschichte unseres Landes und der freien Welt“, schrieb ihre Partei in den sozialen Medien. Zuletzt fand Bonino im Kampf für die Rechte von Migranten in Papst Franziskus einen Seelenfreund, der ihren „Freiheitskampf und Widerstandsgeist“ pries. Seit der Chemotherapie zur Behandlung ihrer Lungenkrebserkrankung von 2015 wurden farbenfrohe Kopftücher zum ikonischen Stilmittel der Politikerin. Bonino war seit langer Zeit gesundheitlich angeschlagen. Anfang der Woche musste sie wegen Atemnot in ein Krankenhaus in Rom eingeliefert werden. Bis Donnerstag wurde sie auf der Intensivstation behandelt und danach in eine private Einrichtung verlegt. Medienberichten zufolge basierte diese Entscheidung auf einer Übereinkunft ihres privaten Arztes und den Ärzten im Krankenhaus. Meloni: Trotz unterschiedlicher Positionen erkenne ich Boninos Bedeutung an Ihr Ansehen in Italien war bis zuletzt hoch. 2013 hatte sich Bonino darum bemüht, als erste Frau italienische Staatspräsidentin zu werden. In den Umfragen lag sie sogar lange Zeit vorn. Schließlich wurde jedoch der damalige Amtsinhaber Giorgio Napolitano wiedergewählt. Nach ihrer Lungenkrebsdiagnose im Jahr 2015 zeigte sie sich in der Öffentlichkeit fast immer mit farbenfrohen Kopftüchern. Mehrere Jahre nach der Diagnose und Therapien erklärte sie, vollständig geheilt zu sein. Ab 2024 musste sie jedoch immer wieder wegen Atemproblemen behandelt werden. Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni bezeichnete Bonino auf der Nachrichtenplattform X als „starke und unverwechselbare Stimme der italienischen Politik“.  Weiter äußerte sie: „Unsere Lebensgeschichten und unsere Sichtweisen lagen weit auseinander, doch das hat mich nie daran gehindert, ihre Bedeutung und ihre Rolle im öffentlichen Leben unseres Landes anzuerkennen.“ Meloni sprach Boninos Angehörigen ihr Mitgefühl aus. EU-Parlamentspräsidentin Roberta Metsola schrieb ebenfalls bei X: „Europa, für das sie gekämpft hat, wird sie vermissen.“ Bonino habe nie gewartet, sondern sich stets entschieden, voranzugehen und anderen den Weg zu weisen.