FAZ 25.09.2026
15:29 Uhr

Juden an Hochschulen: „Alles, was mit Israel zu tun hat, wird als Provokation begriffen“


Die Anfeindung von Juden an Universitäten hat massiv zugenommen. Die Antisemitismusforscherin Julia Bernstein hat Erfahrungsberichte gesammelt und erzählt im Gespräch von der gefährlichen Lage auf deutschen Campus.

Juden an Hochschulen: „Alles, was mit Israel zu tun hat, wird als Provokation begriffen“

Das Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender hat früh auf die Ausgrenzung von Juden an den Universitäten nach dem 7. Oktober aufmerksam gemacht. Jüdische Hochschulmitglieder würden nicht mehr eingeladen, angefeindet, niedergeschrien, manchmal auch physisch attackiert. Sie haben ein Buch mit herausgegeben, in dem mehr als 50 Betroffene ihre Erfahrungen niedergeschrieben haben. Oft ist von einem Gefühl der Ohnmacht und Verzweiflung die Rede. Ist die Lage hoffnungslos? Viele Beiträge dokumentieren ein Gefühl der Wut, Einsamkeit und Verunsicherung. Ich verstehe sie aber zugleich als Hilferuf und Verständigungsangebot – als gesammelte Stimmen einer Minderheit, die leicht überhört wird, und als Appell, diese Erfahrungen ernst zu nehmen. Mit dem Buch ist die Hoffnung verbunden, dass die Erfahrungen und Vorfälle nicht auf Einzelfälle reduziert werden, sondern als ein Phänomen verstanden, auf das die Hochschulen reagieren sollten. Mancherorts geschieht das schon, doch oft klaffen Ankündigungen und Handlungen auseinander. Viele Autoren schreiben unter Pseudonym. Warum haben sie sich für die Anonymität entschieden? Aus Angst vor den Folgen. Einige Beiträge konnten wir nicht veröffentlichen, weil sie von den Autoren aus Sorge vor möglichen Konsequenzen so weit zusammengestrichen worden waren, dass am Ende fast nichts mehr übrig blieb. Die Sorge vor persönlichen und beruflichen Nachteilen, Ausgrenzung oder Anfeindungen ist real. Das ist alarmierend, gerade in einem Wissenschaftsbetrieb, der von der Freiheit des Wortes und des wissenschaftlichen Austausches lebt. Nennen wir einige konkrete Beispiele aus dem Buch: Ein israelischer Archäologe wird einem der Erfahrungsberichte zufolge während eines Vortrags an der Universität Göttingen immer wieder von Aktivisten beschimpft. An der Universität Hamburg wird eine Person aus dem nichtjüdischen Unterstützerkreis des Netzwerks niedergeschlagen und muss ins Krankenhaus gebracht werden. Wiederum in Göttingen wird eine Gedenktafel gestohlen, die an den Ausschluss von Juden aus der Akademie der Wissenschaften während der NS-Zeit erinnert. Der Akademiepräsident habe auf Nachfrage erklärt, es habe sich bei den Tätern wohl um Metalldiebe gehandelt, schreibt die Autorin. Werden die Vorfälle nicht ernst genommen? Ich möchte den Beispielen die Erfahrungen von Hochschulmitgliedern hinzufügen, die ihre Hochschule nach Anfeindungen verlassen haben. Außerdem wurden einige Lehraufträge zu jüdischen Themen aus unklaren Motiven nicht verlängert. Das betrifft nicht nur Juden, sondern auch Nichtjuden, die jüdische Themen behandeln. In einigen Fällen wurde Druck ausgeübt, den Namen Israel aus dem Titel von Veranstaltungen zu streichen oder einen Bezug zu aktuellen Ereignissen in Israel herzustellen, obwohl sich die Veranstaltungen mit jüdischer Geschichte oder dem Judentum befassten. Alles, was mit Israel, aber auch mit der jüdischen Kultur und der hebräischen Sprache zu tun hat, wird oft als Provokation begriffen. Es ist zu einer Zumutung geworden, jüdische Identität offen auszuleben. Sie schreiben, die Hochschulpräsidien würden auf Hinweise aus Angst vor einem Eklat oft nicht reagieren. Es gibt aber doch auch immer wieder öffentliche Stellungnahmen. In manchen Fällen ja. Im Ganzen scheint die Angst vor Reputationsverlusten aber größer zu sein als der Wille, Antisemitismus in der eigenen Institution anzuerkennen und konsequent dagegen vorzugehen. Oft bekommen wir die Antwort, Antisemitismus gebe es zwar, aber nicht bei uns. Manchmal wird auch offen gesagt, dass man Juden auf dem Campus leider keine Sicherheit bieten könne. Oder man sagt uns sogar, dass Antisemitismus von der Meinungsfreiheit gedeckt sei. Hochschulleiter weisen oft darauf hin, dass der Universität als öffentlicher Institution rechtliche Grenzen gesetzt seien und dass sie nicht die finanziellen Möglichkeiten hätten, alle Veranstaltungen zu schützen. Rechtlich bewegen sich viele Formen des Antisemitismus tatsächlich in einer Grauzone. Viele Aktivisten wissen ihre Botschaften so zu verbreiten, dass sie strafrechtlich nicht relevant sind. Das Recht ist aber nicht das einzige Mittel, um auf antisemitische Vorfälle oder propagandistische Darstellungen zu reagieren. Viele Hochschulen positionieren sich grundsätzlich klar gegen Antisemitismus. Wenn es aber um konkrete Fälle an der eigenen Hochschule geht, werden diese öffentlich häufig nicht benannt oder kommentiert. Dabei wäre gerade das ein wichtiges Signal. Sonst beginnen Studenten, sie als normal zu verstehen. Gibt es aus Ihrer Sicht auch Hochschulleitungen, die nach dem 7. Oktober 2023 angemessen reagiert haben? Ja. Einige Hochschulleitungen haben unmittelbar nach dem 7. Oktober israelische Flaggen gehisst, jüdische Hochschulangehörige gefragt, wie es ihnen geht, Schutzmaßnahmen ergriffen sowie Aufklärungs- und Beratungsangebote entwickelt. Das war wichtig. Doch wenn später konkrete antisemitische Vorfälle an der eigenen Hochschule auftraten, wurden sie häufig nicht öffentlich benannt oder kommentiert. Gerade dann zeigt sich, ob aus Solidarität auch konsequentes Handeln wird. In manchen Fällen gibt es klare rechtliche Linien, etwa bei Vandalismus oder Volksverhetzung. Manche Hochschulen haben Aktivisten in solchen Fällen gewähren lassen, andernorts wurden klare Grenzen gezogen. An Ihrer Hochschule, der Frankfurt University of Applied Sciences, gab es einen Kandidaten für den Studierendenrat, der auf seinem Wahlplakat mit Baseballschläger und Kufiya posierte und auf Instagram dazu aufrief: „Zios treten und entgegentreten“. Wie hat man darauf reagiert? Der Präsident hat die Plakate verboten und mit ihm ein Gespräch geführt. Der Kandidat hat daraufhin sein Profil verändert. Er wurde gewählt und sitzt heute im Studierendenrat. Über diesen konkreten Fall hinaus erleben jüdische Studierende und Lehrende jedoch immer wieder, dass problematische Äußerungen unwidersprochen bleiben, etwa wenn Juden unterschiedslos als Zionisten und der Zionismus als Inkarnation des Bösen dargestellt werden. Solche Vorkommnisse tragen zu einer Atmosphäre bei, in der bestimmte Positionen nur noch zögerlich oder gar nicht mehr ausgesprochen werden. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass manche Dozenten das aktiv unterstützen. An einer Universität wurden Name und Telefonnummer eines Kollegen auf Flyern über den ganzen Campus verbreitet, verbunden mit einer Diffamierungskampagne; er wurde während einer Veranstaltung aus dem Hörsaal gedrängt. Hier werden oft Urängste und Traumata wachgerufen. Darf man als Jude seine Herkunft preisgeben, oder sollte man sie besser verschweigen? Einer unserer Autoren schreibt, angesichts des alldurchdringenden Hasses stelle sich acht Jahrzehnte nach der Schoa wieder die Frage nach der Zukunft der Juden in Europa. Erleben Sie auch kollegiale Solidarität? Die Reaktionen sind sehr zurückhaltend. Oft wird auf die komplexe Situation oder die Vorgeschichte des 7. Oktobers verwiesen. Es war nach dem Massaker schwer, über das Leid zu sprechen, ohne dass der relativierende Hinweis kam, man müsse aber auch über antimuslimischen Rassismus sprechen. Besonders in einigen Forschungsrichtungen wie den Postkolonialen Studien, der Geschlechterforschung, Kunst oder der Sozialen Arbeit zeigt sich häufig die Neigung, jüdische Herkunft zu politisieren. Man wird sofort zum Repräsentanten Israels oder Netanjahus gemacht. Das ist sehr belastend. Wir haben uns Universitäten immer als Orte vorgestellt, an denen Vielfalt und Transparenz herrschen. Jetzt sehen wir, wie sie sich in politisierte Orte verwandeln, in denen jüdische Präsenz jederzeit zu Eskalation und Ausschlüssen führen kann. Mehreren Beiträgen zufolge herrscht in manchen Seminaren eine vorurteilsbeladene Atmosphäre. Man sei unwillig, sich auf die Komplexität des Nahostkonflikts einzulassen. Kann die Antisemitismusforschung dem entgegenwirken? Die Antisemitismusforschung ist tief gespalten. Es gibt nicht wenige Antisemitismusforscher, die den israelbezogenen Antisemitismus, der an den Hochschulen stark verbreitet ist, ignorieren und sich ganz auf den rechten und den historischen Antisemitismus konzentrieren. Nicht selten stehen dann gegenüber Wissenschaftlern, die auf den israelbezogenen Antisemitismus hinweisen, Vorwürfe im Raum, zum Beispiel zu übertreiben oder sogar rassistisch zu agieren. Der antiisraelische Protest ist nach dem Ende der Kampfhandlungen in Gaza zurückgegangen. Studentenvertretungen fordern aber weiter Israel-Boykotte. Die israelischen Hochschulen seien eng mit der Militärwirtschaft verbunden, lautet das Argument. Außerdem richte sich der Boykott nur gegen Institutionen und nicht gegen einzelne Wissenschaftler. Wie stehen Sie dazu? Ein institutioneller Boykott trifft in der Praxis immer auch einzelne Wissenschaftler: Kooperationen, Einladungen, Forschungsprojekte und Austauschmöglichkeiten werden oft aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer israelischen Institution eingeschränkt. Gerade im Wissenschaftsbereich halte ich das für besonders problematisch. Hochschulen sollten Räume für wissenschaftliche Auseinandersetzung offenhalten und nicht Menschen aufgrund ihrer institutionellen oder nationalen Zugehörigkeit kollektiv verantwortlich machen. Wir beobachten zudem, dass Boykottforderungen häufig mit Ausgrenzungsdruck gegenüber Personen verbunden sind, die mit Israel kooperieren oder sich solchen Forderungen nicht anschließen. Sie haben viele negative Reaktionsweisen beschrieben. Was wünschen Sie sich von den Hochschulen? Ich hoffe auf eine ehrliche Auseinandersetzung. Viele Menschen schweigen, weil sie nicht wissen, wie sie uns unterstützen können. Doch gerade die Tradition des Schweigens ist für Juden im deutschen Kontext unerträglich. Schon wenn nur wenige Menschen die Stimme erheben, ist das ein Zeichen für die jüdische Bevölkerung, dass sie in Deutschland weiter eine Zukunft hat. Vor allem wünsche ich mir einen persönlichen Umgang mit dem Thema. Ich wünsche mir, dass Juden als Menschen mit eigener Biographie und nicht als Repräsentanten eines Staates oder einer Bewegung behandelt werden. Julia Bernstein, Alfred Bodenheimer und Elisabeth Schilling (Hrsg.): „Ausnahmezustand“. Hochschulen im deutschsprachigen Raum seit dem 7. Oktober. Zeugnisse von Betroffenen. Wallstein Verlag, Göttingen. 552 S., br., 34,– €.