Die Zahl der Toten bei dem schweren Erdbeben in Kolumbien ist auf mindestens 111 gestiegen. Nach einem offiziellen Bericht wurden zudem mindestens 87 Menschen verletzt. Besonders schwer betroffen sind Risaralda, das Valle del Cauca und Chocó. In Pereira allein kamen 18 Menschen ums Leben, drei davon am Flughafen Matecaña. Das Epizentrum des Bebens der Stärke 7,4, das sich kurz nach 7.30 Uhr ereignete, lag laut dem US Geological Survey in der Gemeinde San José del Palmar im Departement Chocó, etwa 280 Kilometer westlich der Hauptstadt Bogotá. Die Tiefe des Erdstoßes wurde mit etwa 103 Kilometern angegeben, was dazu führte, dass die Erschütterungen in einem außergewöhnlich großen Radius spürbar waren. Mehrere Gebäude in Cali eingestürzt Schwerwiegende Auswirkungen meldeten die Behörden aus der drittgrößten Stadt des Landes, Cali, wo mehrere Gebäude einstürzten. Auch das Hospital Universitario del Valle in Cali musste teilweise evakuiert werden. Es gibt Berichte über Menschen, die unter den Trümmern eingeschlossen sind, weshalb die Stadtverwaltung bereits die Unterstützung der Feuerwehren aus Bogotá und Medellín für die Bergungsarbeiten angefordert hat. Noch immer werden Menschen unter den Trümmern vermutet. Auch in Manizales, im Herzen der Kaffeeregion, kam es laut Berichten zu erheblichen Schäden. Bilder kursierten in den sozialen Medien, die die eingestürzte Turmspitze der Kathedrale sowie schwere strukturelle Schäden an Gebäuden der Universität Caldas zeigten. Schulen und Universitäten wurden dort bis auf Weiteres geschlossen, im Coliseo Mayor richteten die Behörden eine Notunterkunft ein. Die Gouverneurin von Chocó, Nubia Carolina Córdoba, bestätigte zudem mehrere Verletzte und schwere Gebäudeschäden in der Regionalhauptstadt Quibdó. Das Beben beeinträchtigte auch die Stromversorgung erheblich. Nach Angaben der Netzbetreiber konnten zeitweise rund 18 Prozent des landesweiten Strombedarfs nicht gedeckt werden. Besonders betroffen waren Teile des Südwestens. Nach Behördenangaben waren zudem 18 Straßen, sechs Flughäfen und 18 Gesundheitseinrichtungen beeinträchtigt. Die nationale Luftfahrtbehörde sah sich gezwungen, den Betrieb an sechs regionalen Flughäfen, darunter in Pereira, Manizales und Quibdó, vorerst einzustellen, um mögliche Schäden an den Landebahnen und den Gebäuden zu prüfen. Erschütterungen bis Manaus spürbar In der Hauptstadt Bogotá löste das Beben heftige Erschütterungen aus, die etwa zwei Minuten andauerten und zu massenhaften Evakuierungen von Wohn- und Bürogebäuden führten. Trotz der Panik in den Straßen meldete Bürgermeister Carlos Galán nach ersten Überprüfungen keine Toten oder schwerwiegende Schäden an der Infrastruktur. Die Reichweite des Bebens war so massiv, dass es nicht nur in weiten Teilen Kolumbiens, sondern auch in den Nachbarländern Ecuador, Venezuela und Panama deutlich wahrgenommen wurde. Sogar im fast 2000 Kilometer entfernten brasilianischen Manaus meldeten Bewohner schwankende Hochhäuser, was zu Sicherheitsinspektionen durch die örtliche Feuerwehr führte. Trotz der Stärke des Bebens gab die kolumbianische Seefahrt- und Hafenbehörde schnell Entwarnung bezüglich einer möglichen Gefahr eines Tsunamis an der Pazifikküste. Auch wichtige Wasserkraftwerke wurden laut Angaben der Betreiber nicht beschädigt. Katastrophenfall ausgerufen Der erst am Freitag vereidigte neue Präsident Abelardo de la Espriella reagierte umgehend auf die Katastrophe, indem er den nationalen Katastrophenfall ausrief, ein Krisenkabinett einberief und die Einrichtung eines zentralen Kommandopostens zur Koordinierung der Rettungsmaßnahmen in San José del Palmar anordnete. De la Espriella entsandte zudem mehrere Minister in das Katastrophengebiet. Die Armee aktivierte fünf speziell ausgebildete Rettungszüge der Ingenieurtruppen für den Einsatz in den besonders schwer betroffenen Gebieten. Seismologen warnen vor Nachbeben. Bis Montagnachmittag wurden mindestens 21 Nachbeben registriert, das stärkste mit einer Magnitude von 4,8. Weitere Nachbeben sind in der geologisch aktiven Region, in der mehrere tektonische Platten aufeinandertreffen, nicht ausgeschlossen. Kolumbien liegt in einer geologisch hochaktiven Zone, in der die Nazca-Platte, die Südamerikanische Platte und die Karibische Platte aufeinandertreffen. Laut dem Geologischen Institut Kolumbiens (SGC) handelt es sich um das stärkste Beben in Kolumbien im 21. Jahrhundert. Jährlich werden im Land durchschnittlich 2500 Erschütterungen registriert, wobei sich die Aktivität oft im sogenannten „seismischen Nest“ von Bucaramanga im östlichen Departement Santander konzentriert, bei dem es sich um eines der weltweit aktivsten Gebiete für Erdbeben in mittlerer Tiefe handelt. Das Beben in Kolumbien ereignete sich weniger als zwei Monate nach dem starken Doppelerdbeben in Venezuela, bei dem nach offiziellen Angaben der Regierung in Caracas mehr als 5500 Menschen umgekommen und Hunderte Gebäude zerstört worden sind. Unabhängige Stellen gehen von einer weitaus höheren Opferzahl aus, da weiterhin Tausende Personen als vermisst gelten.
