Der Vorgesetzte von Herrn B. ist wirklich wahnsinnig beschäftigt. Und das eigentlich immer. Das Anstrengende daran ist: Er erzählt es auch jedem. Ständig. Und macht seinen eigenen Stress damit zum Problem für das gesamte Team. Das geht so weit, dass seine Mitarbeiter schon überlegen, ob sie ihn zu bestimmten Meetings überhaupt noch einladen, und sich fragen: „Muss er bei dem Termin wirklich dabei sein?“ – „Na ja, er ist halt der Chef, er sollte über den Stand des Projektes schon Bescheid wissen.“ Das Ergebnis: Die Onlinekonferenz läuft, nach 20 Minuten stößt endlich auch der Vorgesetzte dazu – und es passiert genau das, was alle befürchtet haben: Die Verspätung tue ihm leid, aber er habe einfach so viel zu tun . . . Und Unterstützung vom Team? Bekomme er ja auch nicht. Bis das Meeting wieder beim eigentlichen Thema ist, ist die ursprünglich angesetzte halbe Stunde längst rum. Herrn B. ließen Situationen wie diese in den vergangenen Monaten zunehmend verzweifeln. Er würde gerne einfach seinen Job machen – doch das größte Hindernis ist sein eigener Chef, der ihm mit den permanenten Klagen über seine angebliche Überlastung die Zeit stiehlt. Und der das leider auch nicht zu merken scheint. Was also tun? Herr B. probierte es in einem Meeting jüngst mal mit einer klaren Ansage: „Du, wir sind hier eigentlich schon mitten im Thema und waren gerade bei folgendem Punkt . . .“ Hat sogar funktioniert – zumindest dieses eine Mal. Ob man einen Vorgesetzten, der sich selbst regelmäßig für den wichtigsten Tagesordnungspunkt hält, bei jedem Termin wieder neu erziehen will, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Herr B. ist deshalb froh, dass er bald einen neuen Job hat. Und somit auch einen anderen Vorgesetzten. Nicht, dass das der Grund für den Wechsel wäre. Aber er hofft, demnächst endlich wieder ungestört arbeiten zu können. Seine Kollegen hingegen werden sich wohl etwas einfallen lassen müssen. In der Kolumne „Nine to five“ schreiben wöchentlich wechselnde Autoren mit einem Augenzwinkern über Kuriositäten im Arbeitsleben.
